Stephan Pörtner: Pöschwies, 2019

Köbi Robert aus Zürich, inzwischen um die fünfzig, von Mia verlassen und alkoholabstinent, wird im sechsten Band ‚Pöschwies‘ nach sieben Jahren aus der Justizvollzugsanstalt Pöschwies freigelassen – er hatte auf unglückliche Weise einen rassistischen Junkie totgeschlagen. Sein Viertel ist unterdessen von den Hipstern erobert worden, die Anglifizierung ist weit fortgeschritten, die paar letzten Randständigen sind bloss noch Folklore. Köbis linksradikaler Mithäftling Jan, von der Presse als „Besetzer-Bestie“ bezeichnet, gibt ihm Material mit auf den Weg, das beweisen soll, dass nicht er seine Freundin Pamela ermorderte, sondern ihr Vorgesetzter, der aufstrebende pseudolinke Politiker Bruno Stadler. Dieser schmierige Mistfink verliebte sich demnach in Pamela, und soll, als er von ihr abgewiesen wurde, zum Messer gegriffen haben – sein Alibi scheint allerdings wasserdicht zu sein. Köbi beginnt zu ermitteln, wird über den Tisch gezogen, zusammengeschlagen und eine Nacht lang inhaftiert, doch er bleibt am Ball und löst den Fall. ‚Pöschwies‘, eine spritzige, mit coolen Sprüchen und ungezählten Blicken auf die Punkmusik gewürzte Geschichte, lässt auf eine baldige Fortsetzung der Reihe hoffen.

Zum Porträt: Pörtner, Stephan

Thomas Perry: ‚Dead Aim‘ – ‚Der finale Schuss‘, 2003

Robert Mallon, kinderlos geschieden, ein bescheidener, feinfühliger Einzelgänger Ende vierzig, war bei der Air Force und arbeitete vier Jahre als Bewährungshelfer bei der Polizei von San Jose, ehe er sich selbständig machte und als Bauunternehmer dermassen gut verdiente, dass er sich schon bald aus dem Geschäft zurückziehen konnte und und es sich seither an der Küste von Santa Barbara gutgehen lässt. Sein Leben nimmt jedoch eine dramatische Wendung, als er eine junge Frau vor dem Selbstmord rettet und diese am nächsten Tag erschossen aufgefunden wird. Mallon bittet Lydia Marks, eine Privatdetektivin, die er schon lange kennt, die Hintergründe aufzudecken. Bei ihren Recherchen stösst sie auf eine als Selbstverteidigungscamp getarnte Organisation, die ihre Kunden gegen ein üppiges Honorar zu Killern ausbildet, doch sie büsst ihre Entdeckung mit dem Leben, und die Mordanschläge auf Mallon häufen sich.

Zum Porträt: Perry, Thomas

Castle Freeman: ‚Children of the Valley‘ – ‚Herren der Lage‘, 2020

Sheriff Lucian Wing – „Ich mache meine Arbeit, wie ich es für richtig halte, und jeder, dem das nicht passt, kann das nächste Mal einen anderen wählen“ – bekommt Besuch von dem geschniegelten Anwalt Carl Armentrout aus der Grosstadt: Pamela, die siebzehnjährige Stieftochter seines milliardenschweren Klienten Rex Lord, ist von zuhause ausgerissen und versteckt sich mit ihrem Freund Duncan in den Wäldern von Vermont. Kein besonders spektakulärer Fall, dem sich Wing, begleitet von seinem wortkargen neuen Deputy Treat, mit dem ihm eigenen Feingefühl und trockenen Humor zuwendet, in der Hoffnung, dass er nicht wie ‚Romea und Julia‘ endet, zumal tags darauf das Lager der beiden Turteltäubchen total verwüstet wird. Als weitere Männer aus der Grossstadt im County auftauchen, spitzt sich die Lage zu, doch der wilde Keiler „Big John“ schaut zum Rechten.

Zum Porträt: Freeman, Castle

Frank Göhre: ‚Die Stadt, das Geld und der Tod‘, 2021

Der Rumäne Nicolai Radu kam Ende der 80er-Jahre nach Hamburg und baute sich im Kiez mit seinem älteren Bruder Lucian, der gestohlene Wagen nach Afrika schiebt, seiner Schwester Valea, einer angesehenen Juristin, seinem Chauffeur und Mann fürs Grobe Pjeter und seinem Partner und „Blutsbruder“ Ivo Jasari ein Immobilien- und Nachtclub-Imperium auf. Unterstützt wird er durch den Banker Unger, den Chefredakteur Gabler und den Spitzenkoch Hirst. Als Ivos Teenagersohn David unter unklaren Umständen an einer Speed-Überdosis stirbt, öffnet sich ein Riss zwischen Nicolai und Ivo, die Organisation beginnt zu bröckeln, zumal ein italienischer Clan im Hamburger Vergnügungsviertel die Muskeln spielen lässt und Nicolai Radu von Unger und Konsorten fallengelassen wird. In seinem beinharten Noir schildert Göhre mit blitzschnellen Szenenwechseln und Stakkatosätzen den Aufstieg und Zusammenbruch des rumänischen Syndikats in der „Stadt des Filzes und der Korruption“.

Zum Porträt: Göhre, Frank

Pascal Dessaint: ‚L’horizon qui nous manque‘ – ‚Verlorener Horizont‘ (2019)

Drei Aussenseiter treffen an der französischen Nordküste aufeinander: Der Jean Gabin-Verehrer Anatole, ein älterer Aussteiger, der in einem Wohnmobil haust, Wohnwagen vermietet und Holzvögel für die Entenjagd bastelt; die 26-jährige Ich-Erzählerin Lucille, eine Lehrerin, die im „Dschungel“ von Calais illegale Flüchtlinge unterrichtet, bis das Lager zu Gunsten eines Freizeitparks mit roher Härte geräumt wird; sowie Loïk, ein impulsiver, melancholischer Bursche mit krimineller Vergangenheit, der harte Schwarzarbeit in einem Betonbunker leistet. Zwischen diesen feinfühlig gestalteten Figuren entspinnt sich eine seltsame, fast liebevolle Beziehung. Doch eines Tages geht alles den Bach runter – die unmenschliche Gesellschaft bildet den Katalysator sinnloser Gewalttaten.

Zum Porträt: Dessaint, Pascal

Charles Williams: ‚Hell Hath No Fury‘ – ‚Spiel mit dem Feuer‘, 1953

Harry Maddox, ein geschiedener Herumtreiber mit schummriger Vergangenheit, taucht in einem schäbigen texanischen Städtchen auf, um bei dem steinreichen Händler George Harshaw eine Stelle als Gebrauchtwagen-Verkäufer anzutreten. Kurz nach seiner Ankunft unterlaufen ihm drei verhängnisvolle Fehler: Er lässt sich auf eine Bettbeziehung mit Dolores ein, der niederträchtigen, sexuell ausgehungerten Gattin seines Chefs, verliebt sich in Harshaws herzensgute, attraktive Buchhalterin Gloria Harper, die offenbar seit einem Jahr durch den Rüppel Sutton erpresst wird, und erleichtert die einzige örtliche Bank mit einem stümperhaften Überfall um 12’000 Dollar. Als Maddox durch den routinierten Sheriff in die Ecke gedrängt wird und Dolores, seine wichtigste Entlastungszeugin, ihre erste Aussage widerruft, sieht er keinen anderen Ausweg als die Anwendung von Gewalt, um den Status quo aufrecht zu erhalten. Die temporeiche, durch präzis skizzierte Figuren getragene Geschichte nimmt ein trostloses Ende.

Zum Porträt: Williams, Charles

Jean-François Vilar: ‚Bastille Tango‘ – ‚Bastille Tango‘, 1986

Vilars dritter Band der Victor Blainville-Serie spielt im Paris des Jahres 1985. Das Viertel rund um die Place de la Bastille wird abgerissen, um einem umstrittenen Opernhaus Platz zu machen, während in Buenos Aires der Prozess gegen die Militärs der Junta beginnt. Ein Mann namens Oscar klebt Nacht für Nacht ein Plakat des verschwundenen – höchst wahrscheinlich umgebrachten – argentinischen Malers Miguel an die Wände der Baustelle, das einen Gefolterten zeigt. Victor beobachtet ihn dabei und dokumentiert die Szene mit seiner Kamera. In den folgenden Tagen kommt es zu mehreren gewaltsamen Todesfällen von emigrierten Argentiniern – Stammgäste des Tangolokals La Boca, in dem auch Victor ein und aus geht -, die in ihrer Heimat als Zeugen gegen die Anführer der Todesschwadronen auftreten sollen. Einer von ihnen ist Julio, der Bruder von Victors Geliebter Jessica, der in einem argentinischen Gefangenenlager monatelang gefoltert worden war.

Eines Nachts hängt im Viertel ein weiteres Plakat, das die Szene einer Folterung abbildet, diesmal mit Jessica als Opfer. Zudem mehren sich die Hinweise, dass Hauptmann Ortiz, der Peiniger von Jessica, Julio und vielen anderen Aufständischen, in Paris eingetroffen ist, um seine Arbeit als Folterknecht weiterzuführen. Mit Hilfe von Marc, Herausgeber des linken Blattes ‚Le Soir‘, beginnt Victor zu ermitteln, kann jedoch nicht verhindern, dass weitere Menschen aus seinem Umfeld ermordet werden. Die düstere, von hoffnungslosen Figuren geprägte, in lakonischem Stil erzählte Geschichte mündet in einen Showdown, der überraschende Zusammenhänge an den Tag bringt.

Zum Porträt: Vilar, Jean-Francois