(1947-2014)

Jean-Francois Vilar wurde in Paris geboren und wuchs auch dort auf. Nach dem Jura- und Philosophiestudium arbeitete er als Feuilleton-Redakteur des linksradikalen Wochenblatts ‚Rouge‘ und war bis 1981 in der Revolutionären Kommunistischen Liga (LCR) aktiv. Geprägt von Dashiell Hammett, Marcel Duchamp und Léon Trotzki , veröffentlichte er von 1982 bis 1997 sieben Romane, zwölf Erzählungen, zwei Jugendbücher und zuletzt den knapp dreissig Seiten langen Essay ‚Les Fous de Chaillot‘. 1997 zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück und meldete sich seither nur noch hin und wieder im Internet zu Wort, etwa nach dem Tod seines alten Freundes und Mitstreiters Daniel Bensaid am 12. Januar 2010. Vilar verbrachte den grössten Teil seines Lebens in Paris, hielt sich aber auch häufig in seiner zweiten Heimatstadt Prag auf. Er starb 67-jährig in seiner Geburtsstadt.

Vilars 1985 erschienener Spannungsroman ‚Palazzo Calonna‘ erzählt die Geschichte des Filmemachers Adrien Leck und des von seinen früheren Genossen zum Tod verurteilten Ex-Terroristen Arno Rieti, die zu Beginn des Karnevals nach Venedig gehen, um gemeinsam einen Film über Rietis Leben zu drehen. Bevor sie die Filmarbeiten aufnehmen können, schlagen die Roten Brigaden zu, eine Richterin wird schwer verletzt, und Leck gerät zwischen die Fronten der Polizei, der Roten Brigaden und der Mafia.

‚Djemila‘, drei Jahre später herausgekommen, handelt von der jungen, mutigen Algerierin Djemila, die einer rechtsextremen Bewegung in Frankreich einen blutigen Kampf liefert.

Victor Blainville, Vilars Antiheld (und alter Ego) in ‚C’est toujours les autres qui meurent‘ (keine deutsche Übersetzung), ‚Affenpassage‘, ‚Bastille Tango‘, ‚Die Masslosen‘ und ‚Die Verschwundenen‘ (in ‚Palazzo Colonna‘ spielt er nur eine kleine Nebenrolle als Freund Adrien Lecks), ein eigenbrötlerischer Ex-68er, Trotzkist und Katzenliebhaber, flaniert durch Paris und fotografiert: Minutiös dokumentiert er die Modernisierung, sprich Zerstörung, seiner Stadt, lässt deren Geschichte (vor allem jene der Revolutionen 1789, 1917 und 1968) und Kultur aufleben und widmet sich nebenbei – und eher widerwillig – der Aufklärung von politisch motivierten Verbrechen.

In dem umfangreichen, die Serie abschliessenden Roman ‚Die Verschwundenen‘ ist Victor – höchst wahrscheinlich für politische Zwecke – mit dem ihm vorher unbekannten Professor Alex Katz in ein fernes Land entführt und dort fast drei Jahre lang festgehalten worden. Als er nach seiner Befreiung nach Paris zurückkehrt, ist seine Wohnung verwüstet und ausgeraubt, auch die Fotos sind weg. Einige Tage später wird Alex Katz vor Victors Augen von einem Lastwagen überfahren. Mehr oder weniger zufällig stösst Victor dann auf das Tagebuch von Katz‘ Vater Alfred, eines Trotzkisten, der 1938, in der Zeit der blutigen Auseinandersetzungen zwischen Stalinisten und Trotzkisten, nach Paris kam und kurz danach ermordet wurde. Virtuos verknüpft Vilar die Geschehnisse dieser brüchigen Zeit mit jenen der Gegenwart des Jahres 1989, kurz nach dem Zusammenbruch der Ostblockstaaten.

Seit einigen Jahren gibt es einen Blog mit einer grossen Fülle von Material zu Vilars Werk und Leben (http://passagejfv.eklablog.com/).

Bibliografie:

Victor Blainville-Serie: ‚C’est toujours les autres qui meurent‘ (1982), ‚Passage des singes‘ – ‚Affenpassage‘ (1984), ‚Bastille Tango‘ – ‚Bastille Tango‘ (1986), ‚Les Exagérés‘ – ‚Die Masslosen‘ (1989), ‚Nous cheminons entourés de fantômes aux fronts troués‘ – ‚Die Verschwundenen‘ (1993;

Einzelwerke: ‚Etat d’urgence‘ – ‚Palazzo Calonna‘ (1985), ‚Djemila‘ – ‚Djemila‘ (1988).