(Pseudonym für Patrick Yves André Zabel, 1947-2014)

Jean-Francois Vilar wurde im 15. Arrondissement von Paris geboren und wuchs auch dort auf. Nach dem Jura- und Philosophiestudium arbeitete er als Feuilleton-Redakteur des linksradikalen Wochenblatts ‚Rouge‘ und war bis 1981 in der Revolutionären Kommunistischen Liga (LCR) aktiv. Geprägt von Dashiell Hammett, Marcel Duchamp und Léon Trotzki, veröffentlichte er von 1982 bis 1997 sieben Romane, zwölf Erzählungen, zwei Jugendbücher und zuletzt den knapp dreissig Seiten langen Essay ‚Les Fous de Chaillot‘. 1997 zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück und meldete sich danach nur noch hin und wieder im Internet zu Wort, etwa nach dem Tod seines alten Freundes und Mitstreiters Daniel Bensaid am 12. Januar 2010. Vilar verbrachte den grössten Teil seines Lebens in Paris, hielt sich aber auch immer wieder in seiner zweiten Heimat Prag auf. Er starb 67-jährig in seiner zwischen dem 3. und 11. Arrondissment gelegenen Wohnug und hinterliess seine Lebenspartnerin Marie.

‚Palazzo Calonna‘ erzählt die Geschichte des melancholischen Filmemachers Adrien Leck und des abtrünnigen Terroristen Arno Rieti, der durch seine früheren Mitstreiter aufgrund seines Verrats zum Tod verurteilt wurde und als Drehbuchautor mit neuem Gesicht im Zeugenschutzprogramm lebt. Die beiden gehen zu Beginn des Karnevals nach Venedig, um gemeinsam einen Film über Rietis Leben zu drehen. Bevor sie die Filmarbeiten aufnehmen, schlagen die Roten Brigaden zu: Die mutige Untersuchungsrichterin Laetitia Vanese wird schwer verwundet, weitere Attentate folgen, und Adrian Leck gerät zwischen die Fronten der Polizei, der Brigadisten und der Mafia. Der Autor glänzt in seinem ersten Politroman mit stimmungsvollen, mitreissenden Schilderungen der sterbenden Lagunenstadt und des titelgebenden Palastes – ein prächtiges, verfallendes Gebäude, in dem sich die dekadente Prominenz während des Karnevalls trifft, mit Geld um sich schmeisst und, verdeckt durch Gesichtsmasken, in jeder Ecke vögelt. Zahlreiche kulturelle Anspielungen bereichern das stilistisch hochstehende Werk.

Djemila ist das Dorf, in dem Ourias Mutter, Rebellin im Algerienkrieg, gefoltert und ermordet wurde, sowie der Name, mit dem Ouria später mit gefälschten Papieren ihre Heimat verliess, um in Paris ein neues Leben als Übersetzerin zu beginnen, unterstützt durch ihren Geliebten, den linken, hochangesehenen Schriftsteller und Geschichtsprofessor Sinclair, der bei der Résistence war und im Algerienkrieg Schuld auf sich geladen hat. Zu Beginn der Erzählung wird Djemila in einem Warenhaus mit gestohlenen Waren ertappt. Sie stösst dem Hausdetektiv eine Klinge in die Hand, mit der er ihre Brüste begrapscht hat, und verprügelt ihn windelweich, nicht ahnend, dass er ein Schläger der aufstrebenden rechtsradikalen Bewegung MNR ist. Tags darauf taucht der Typ mit einem Kumpel in Sinclairs Villa auf, um sich an Djemila zu rächen, doch die beiden werden sogleich abgeknallt, Täter unbekannt. Der Doppelmord wirft hohe Wellen, denn in Frankreich stehen Wahlen bevor, die Journalisten wittern die Chance auf eine heisse Story, während die MNR die Tat für ihre Zwecke ausschlachtet. In seinem raffinierten, anspruchsvollen Politthriller ‚Djemila‘ springt Vilar leichtfüssig zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit der 50er-Jahre, der Zeit des Algerienkriegs, hin und her und zeichnet ein düsteres Bild von der jüngeren Geschichte Frankreichs.

Der eingefleischte Junggeselle Victor Blainville, Vilars Antiheld (und alter Ego) in den Romanen ‚C’est toujours les autres qui meurent‘ (keine deutsche Übersetzung), ‚Affenpassage‘, ‚Bastille Tango‘, ‚Die Masslosen‘ und ‚Die Verschwundenen‘ (in ‚Palazzo Calonna‘ spielt er nur eine kleine Nebenrolle als Freund von Adrien Leck), ein eigenbrötlerischer Ex-68er, Trotzkist und Katzenliebhaber (seine Katzen heissen Sinowjew, Kamenjew und Radek), flaniert durch Paris und fotografiert: Minutiös dokumentiert er die Modernisierung, sprich Zerstörung, seiner Stadt, lässt deren Geschichte (vor allem jene der Revolutionen 1789, 1917 und 1968) und Kultur aufleben und widmet sich nebenbei – und eher widerwillig – der Aufklärung von politisch motivierten Verbrechen.

Vilars dritter Band der Victor Blainville-Serie spielt im Paris des Jahres 1985. Das Viertel rund um die Place de la Bastille wird abgerissen, um einem umstrittenen Opernhaus Platz zu machen, während in Buenos Aires der Prozess gegen die Militärs der Junta beginnt. Ein Mann namens Oscar klebt Nacht für Nacht ein Plakat des verschwundenen – höchst wahrscheinlich umgebrachten – argentinischen Malers Miguel an die Wände der Baustelle, das einen Gefolterten zeigt. Victor beobachtet ihn dabei und dokumentiert die Szene mit seiner Kamera. In den folgenden Tagen kommt es zu mehreren gewaltsamen Todesfällen von emigrierten Argentiniern – Stammgäste des Tangolokals La Boca, in dem auch Victor ein und aus geht -, die in ihrer Heimat als Zeugen gegen die Anführer der Todesschwadronen auftreten sollen. Einer von ihnen ist Julio, der Bruder von Victors Geliebter Jessica, der in einem argentinischen Gefangenenlager monatelang gefoltert worden war. Eines Nachts hängt im Viertel ein weiteres Plakat, das die Szene einer Folterung abbildet, diesmal mit Jessica als Opfer. Zudem mehren sich die Hinweise, dass Hauptmann Ortiz, der Peiniger von Jessica, Julio und vielen anderen Aufständischen, in Paris eingetroffen ist, um seine Arbeit als Folterknecht weiterzuführen. Mit Hilfe von Marc, Herausgeber des linken Blattes ‚Le Soir‘, beginnt Victor zu ermitteln, kann jedoch nicht verhindern, dass weitere Menschen aus seinem Umfeld ermordet werden. Die düstere, von hoffnungslosen Figuren geprägte, in lakonischem Stil erzählte Geschichte mündet in einen Showdown, der überraschende Zusammenhänge an den Tag bringt.

Der vierte Band, ‚Die Masslosen‘, verbindet die Gegenwart der 80er-Jahre mit der französischen Revolution. Am 3. September 1792, zu Beginn der zweiten, blutigsten Phase der Revolution, wird Marie Antoinettes enge Freundin, die Prinzessin von Lamballe, enthauptet und ihr Kopf daraufhin tagelang auf einer Speerspitze durch Paris getragen. Exakt 194 Jahre später verschwindet der Wachskopf der Prinzessin aus dem Saal der Revolution des Pariser Museums Grévin, in dem Victor Blainville derzeit als Fotograf arbeitet. Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Diebstahl und dem geplanten Remake eines Filmes über die Helden der Revolution, an dem auch Victors alter Freund Adrien Leck beteiligt ist? Die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart beginnen zu verschwimmen, Intrigen blühen auf, Victor verliert mehr und mehr die Übersicht und wird beinahe Opfer eines Attentats. Dann geschieht ein erster Mord.

In dem umfangreichen, die Serie beschliessenden Werk ‚Die Verschwundenen‘ ist Victor Blainville – höchst wahrscheinlich für politische Zwecke – mit dem ihm zuvor unbekannten Professor Alex Katz in ein fernes Land entführt und dort drei Jahre festgehalten worden. Als er nach seiner Befreiung nach Paris zurückkehrt, ist seine Wohnung verwüstet und ausgeraubt, auch die Fotos sind weg. Einige Tage später wird Alex Katz vor Victors Augen von einem Lastwagen überfahren. Mehr oder weniger zufällig stösst Victor dann auf das Tagebuch von Katz‘ Vater Alfred, eines Trotzkisten, der 1938, in der Zeit der brutalen Auseinandersetzungen zwischen Stalinisten und Trotzkisten, nach Paris kam und kurz danach ermordet wurde. Virtuos verknüpft Vilar die Geschehnisse dieser brüchigen Zeit mit jenen der Gegenwart des Jahres 1989, kurz nach dem Mauerfall und dem Zusammenbruch der Ostblockstaaten.

Seit einigen Jahren gibt es eine Seite mit einer grossen Fülle von Material zu Vilars Leben und Werk (http://passagejfv.eklablog.com).

Bibliografie:

Victor Blainville-Serie: ‚C’est toujours les autres qui meurent‘ (1982), ‚Passage des singes‘ – ‚Affenpassage‘ (1984), ‚Bastille Tango‘ – ‚Bastille Tango‘ (1986), ‚Les Exagérés‘ – ‚Die Masslosen‘ (1989), ‚Nous cheminons entourés de fantômes aux fronts troués‘ – ‚Die Verschwundenen‘ (1993;

Einzelwerke: ‚Etat d’urgence‘ – ‚Palazzo Calonna‘ (1985), ‚Djemila‘ – ‚Djemila‘ (1988).