(*1970)

Sam Hawken, geboren in der südtexanischen Stadt San Antonio, studierte Geschichte an der University of Maryland. Danach arbeitete er als Historiker, bis er sich dem Schreiben von Kurzgeschichten, Novellen und Romanen zuwandte. Vor dem Ausbruch des Drogenkriegs 2006 hatte er sich oft in Mexiko aufgehalten. Den dabei gesammelten Stoff verarbeitete er zu der 2011 gestarteten Borderland-Trilogie. Hawken lebt mit seiner Frau und seinem autistischen Sohn in der Nähe von Washington, DC. 

Die Borderland-Trilogie spielt in dem von Femizid, Folter, Korruption, Menschen- und Drogenhandel beherrschten Todesstreifen zwischen Ciudad Juarez (Mexiko) und El Paso (Texas). Dort wütet seit 2006 ein Drogenkrieg zwischen der US-Bundespolizei und der US-Army auf der einen, den untereinander zerstrittenen Kartellen auf der anderen Seite, ein irrwitziger Konflikt, dem bereits mindestens eine halbe Million Menschen zum Opfer gefallen sind, unter ihnen viele Kinder und Frauen. Der zweite Band ‚Tequila Sunset‘ liegt bisher nicht auf Deutsch vor.

Im Mittelpunkt des ersten Bandes ‘Die toten Frauen von Juarez’ stehen Kelly Courter und Rafael Sevilla, zwei heruntergekommene Männer, die noch einen letzten Rest von Anstand bewahren konnten. Der weisse, heroinsüchtige US-Boxer Kelly bestreitet seinen Lebensunterhalt in Ciudad Juarez mit Drogenhandel und arrangierten Kämpfen, nachdem er im Rausch ein Kind zu Tode gefahren hat. Seine Freundin Paloma engagiert sich in der Gruppe „Mujeres Sin Voces“ für die Aufklärung der ungezählten Frauenmorde in Ciudad Juarez. Als Paloma spurlos verschwindet und später ermordet aufgefunden wird, ist Kelly absurderweise der Hauptverdächtige. Er gerät in die Fänge des Polizisten Captain Garcia „La Bestia“, wird auf grausamste Weise gefoltert und vegetiert danach mit zu Brei zermatschtem Gehirn in einem Pflegeheim. Da schlägt die Stunde des versoffenen, von seiner Frau verlassenen Cops Rafael Sevilla, der nichts mehr zu verlieren hat, seit seine Tochter vor Jahren entführt und ermordet wurde. Konfrontiert mit Palomas gewaltsamem Tod, stellt er die Schnapsflasche zur Seite und begibt sich im Alleingang auf seine Rachetour.

Ins Zentrum des dritten Bandes ‚Vermisst‘ stellt Hawken zwei zerrissene, kompromisslose Männer: den Handwerker Jack Searle aus der südtexanischen Stadt Laredo, der seit dem Krebstod seiner Frau umsichtig für seine halbwüchsigen Stieftöchter Marina und Lidia sorgt, und Gonzalo Soler, einer der wenigen integren Polizisten in der von den Kartellen kontrollierten Stadt Nuevo Laredo, wo die gesamte Polizei wegen Korruptionsverdacht suspendiert worden ist. Als Marina und ihre zwei Jahre ältere Cousine Patricia von einem Konzert in Nuevo Laredo nicht mehr zurückkommen, schliessen sich die beiden nur scheinbar gegensätzlichen Männer zusammen – und nehmen das Gesetz in die eigene Hand.

Auch der vom Autor als Standalone konzipierte Roman ‚Kojoten‘ – „Kojoten“ schleusen illegale Einwanderer in die USA, ein einträglicher, zumeist mit Drogenhandel kombinierter Job – spielt im Niemandsland zwischen Texas und Mexiko: zwischen den Kleinstädten Presidio und Ojinaga. In drei chronologisch überlappenden Teilen verknüpft Hawken die Schicksale von Ana Torres, Luis Gonzales und Marisol Herrera miteinander. Die Texas-Rangerin Ana Torres findet bei einem Kontrollritt die Leiche eines Mexikaners mit drei Schusslöchern im Rücken in der Nähe eines mit sechs Frauenunterhosen als grausige Trophäen behängten „Vergewaltigungsbaumes“. Der ehemalige Kojote Luis Gonzales, genannt Hundemann (er betreibt eine Auffangstation für herrenlose Hunde) hat das Schleusen aufgegeben, weil er nicht länger die Ausbeutung der Migrierten unterstützen will. Er führt in Ojinaga einen kleinen Laden, bis er von dem brutalen Schleuser-Boss Angel Rojas noch einmal zu einem Einsatz gezwungen wird. Die junge Salvadorianerin Marisol Herrera, die schon lange davon träumt, in die USA auszuwandern, hält nach dem Tod ihrer Grossmutter nichts mehr in der Heimat zurück. Sie begibt sich auf die gefährliche Reise aus der Provinz in die Hauptstadt San Salvador, dann weiter nordwärts durch Guatemala und Mexiko. In ruhigem Tempo und sachlichem Stil entwickelt Sam Hawken seine beklemmende Geschichte um diese einfühlsam gezeichneten Figuren und legt dar, weshalb der Migrant als Einziger nicht von der Grenzkriminalität profitiert: „Er oder sie bezahlt mit Bargeld, bezahlt mit Dienstleistungen oder bezahlt mit dem Leben, wird aber für seine Opfer nie einen Lohn bekommen“.

Bibliografie:

Borderland-Trilogie: ‘The Dead Women of Juarez’ – ‘Die toten Frauen von Juarez’ 2011), ‘Tequila Sunset’ (2012), ‘Missing’ – ‘Vermisst’ (2014);

Camaro Espinoza-Trilogie: ‘The Night Charter’ (2015), ‘Walk Away’ (2017), ‘Make Them Sorry’ (2018);

Einzelwerke: ‚La Frontera‘ – ‚Kojoten‘ (2013), ‚The Guilty‘ (2025).