(*1954)

Geboren in Chillicothe, Southern Ohio, als Spross einer Arbeiterfamilie, aufgewachsen mit drei Geschwistern im nahegelegenen 450-Seelen-Ort Knockemstiff, verbrachte Donald Ray Pollock sein gesamtes Erwachsenenleben in Chillicothe. Mit siebzehn brach er die Highschool ab und arbeitete zunächst in einer Fleischfabrik, anschliessend, von 1973 bis 2005, als LKW-Fahrer für die Papiermühle, in der bereits sein Vater und sein Grossvater angestellt waren. Ende der 90er-Jahre holte er in Abendkursen seinen Schulabschluss nach und absolvierte ein Programm für kreatives Schreiben an der Ohio State University. Gleichzeitig schrieb er die ersten seiner achtzehn schnörkel- und schonungslosen, stark autobiografisch gefärbten Stories, die 2008 im Sammelband ‚Knockemstiff‘ veröffentlicht wurden. 2011 erschien sein erster Roman ‚The Devil All the Time‘ (‚Das Handwerk des Teufels‘). Fünf Jahre später folgte ‚The Heavenly Table‘ (‚Die himmlische Tafel‘), mit dem er 2017 den Deutschen Krimipreis, Kategorie International, gewann. Donald Ray Pollock, seit über dreissig Jahren in dritter Ehe mit der Englischlehrerin Patsy verheiratet, nennt Flannery O.Connor, Larry Brown und Harry Crews als prägende Einflüsse.

Southern Ohio, 50er- und 60er-Jahre: Arvin wächst nach dem schrecklichen Tod seiner Eltern, Willard und Charlotte Russell, in dem trostlosen Ort Knockemstiff bei seiner Grossmutter Emma auf. Auch die fast gleichaltrige Lenora ist bei dieser frommen Dame untergekommen, nachdem ihr verrückter Vater, der Wanderprediger Roy, ihre Mutter umgebracht und darauf mit seinem Begleiter, dem verkrüppelten, pädophilen Musiker Theodore, das Weite gesucht hatte. Zu seinem fünfzehntem Geburtstag bekommt Arvin von einem Onkel die Luger, die sein Vater aus dem Zweiten Weltkrieg mitgebracht hatte. Ein zweiter Erzählstrang gehört dem perverse Ehepaar Sandy – Kellnerin, Gelegenheitsnutte und Schwester des korrupten Sheriffs – und dem fetten Fotografen Carl, die alle paar Monate durch den Mittleren Westen ziehen, um streunende junge Männer aufzulesen: Sandy hat Sex mit ihnen, Carl fotografiert sie dabei. Anschliessend erschiesst und zerlegt er die Männer, und die beiden kehren nach Hause zurück. Als Arvins Freundin Lenora durch den neuen Ortsprediger Teagardin seelisch und körperlich missbraucht wird und sich daraufhin erhängt, holt Arvin die Luger aus seiner Kommode und nimmt das Gesetz in die eigene Hand. Dann will es der Zufall, dass Arvin und das Killer-Pärchen aufeinanderprallen. Mit seinem Erstling ‚Das Handwerk des Teufels‘ hat Pollock ein Meisterwerk vorgelegt: einen bluttriefenden, bizarren, in lakonischem Stil erzählten Southern Gothic über religiösen Wahn, ungezügelte Triebe und rohe Gewalt, bevölkert von monströsen Gestalten – und von Pollocks Alter Ego, dem charakterfesten Teenager Arvin Powell, der schon seit Kindsbeinen den abscheulichsten Seiten der menschlichen Natur ausgesetzt ist. Antonio Campos verfilmte den Roman mit Tom Holland, Robert Pattison und Riley Keough in den Hauptrollen. 2020 wurde der Streifen ins Netflix-Programm aufgenommen.

‚Die himmlische Tafel‘ spielt 1917, kurz vor dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg. Der seit vierzehn Jahren verwitwete Hinterwäldler Pearl Jewett und seine Söhne – Cane, 23-jährig, fürsorglich und klug (der Einzige, der lesen kann), Cob, der mittlere, ein gutmütiger Bursche von schlichtem Gemüt, und Chimney, 17-jährig, ein notgeiler Heisssporn – leben im Grenzgebiet zwischen Georgia und Alabama in einer erbärmlichen Hütte. Sie schuften hart, um nach dem Tod mit einem Platz an der himmlischen Tafel belohnt zu werden. Eines Tages verschwindet in der fiktiven Stadt Meade im Süden Ohios der arbeitsscheue Säufer Eddie, 16-jähriger Sohn der liebenswürdigen, trotz ihrer Arbeitsamkeit am Hungertuch nagenden Farmer Ellsworth und Eula Fiddler, die mit dem schnellen Wandel der Zeit nicht zurechtgekommen sind. Hat Eddie sich im nahegelegenen Camp freiwillig für den Krieg gegen Deutschland gemeldet? Weitere wichtige Figuren sind der schwule Lieutenant Vincent Boward, ein lebensmüder, im Camp stationierter Altphilologe, der den Heldentod an der französischen Front herbeisehnt, und der von Selbstekel gepeinigte Sanitätsinspektor Jasper Cone, der den Ersatz von Plumpsklos durch Toiletten mit Wasserspülung in den Südstaaten vorantreibt. Dazu kommen Dutzende Gestalten mit kleinen Auftritten. Zurück zu den Jewett-Brüdern: Als ihr Vater überraschend stirbt, verlassen sie den Weg der Tugend und machen sich als Gesetzlose mit zwei Schrotflinten, zwei Macheten und einem Rasiermesser auf den Weg gegen Westen, um den amerikanischen Traum zu verwirklichen. Sie morden und plündern, der Heftchenroman ‚Das Leben von Bloody Bill‘ dient ihnen als Leitfaden. Das auf sie ausgesetzte Kopfgeld schnellt bald in die Höhe. In Southern Ohio treffen sie auf das Ehepaar Fiddler.

Pollock, ein Meister der prägnanten Figurenzeichnung, veredelt den multiperspektivisch konzipierten Roman, in dem sich umwerfend komische, tieftraurige und grausige Passagen abwechseln, mit ungezählten Kurzporträts, kulturellen Anspielungen und staubtrockenen Dialogen. Darüber hinaus gestaltet er auf 450 Seiten ein berauschendes Sittengemälde. Ein farbenfrohes Patchwork, dessen Einzelteile sich am Ende zusammenfügen. „Anyone wanting to understand contemporary America’s political direction might be well advised to start with this novel.“ Diesem Zitat eines Kritikers der Zeitung ‚The Scotsman‘ kann man nur beipflichten.

Bibliografie:

‚Knockemstiff‘ – ‚Knockemstiff‘ (Stories, 2008), ‚The Devil All the Time‘ – ‚Das Handwerk des Teufels‘ (2011), ‚The Heavenly Table‘ – ‚Die himmlische Tafel‘ (2016).