(*1947)

Thomas Perry kam als Sohn eines Lehrer-Ehepaars in Tonawanda, New York State, zur Welt und wuchs dort mit einer Schwester und einem Bruder auf. Er studierte Englische Literatur an der Cornell University, Abschluss 1969, und erwarb 1974 einen Doktortitel an der University of Rochester mit einer Arbeit über William Faulkner. Danach war er unter anderem als Fabrikarbeiter, Fischer, Waffenmechaniker und in der Verwaltung von zwei kalifornischen Universitäten tätig, bis er als Drehbuchautor und Produzent zum Fernsehen kam. 1982 debütierte er als Krimiautor. Er lebt mit seiner zweiten Frau Jo Ann in Südkalifornien und hat mit ihr zwei Töchter, Alix und Isabel.

Perrys Erstling ‚Abrechnung in Las Vegas‘ dreht sich um die junge, im Dienst des Justizministerium stehende Datenanalytikerin Elizabeth Waring, die jetzt ihre Feuerprobe im Aussendienst erlebt: Sie wird beauftragt, dem trickreichen für die Mafia arbeitenden Berufskiller mit dem Kampfnamen „Sohn des Schlächters“ („Butcher’s Son“) das Handwerk zu legen. Als der nicht unsympathische Killer wegen schweren Gesichtsverletzungen auf die Abschussliste seiner Arbeitgeber gerät, bahnt sich für ihn ein Zweifrontenkrieg an. Zehn Jahre später, in ‚Schlafende Hunde‘, kommt der „Sohn des Schlächters“, der die letzten Jahre unter neuer Identität an einem abgeschiedenen Ort in England verbracht hat, zu einem überraschenden Comeback, als er von der Mafia enttarnt wird. Er taucht in den USA unter, doch auch das FBI und Elizabeth Waring sind ihm dicht auf den Fersen.

Leroy «Chinese» Gordon, ein ausgekochter Ex-Söldner mit einer Wohnung in Los Angeles, die er mit seiner smarten Freundin Margaret, dem Kater Dr. Henry Metzger und neuerdings auch mit dessen bestem Freund, einem monströsen halbwilden schwarzen Hund teilt, hat sich darauf spezialisiert, in Zusammenarbeit mit Margaret und den Schlitzohren Immelmann und Kepler heisse Dinger zu drehen, deren Erlös es ihnen erlaubt, ein sorgloses Leben zu führen. Damit ihn seine Gegner ernst nehmen, hat er eine Flugzeugkanone aus ihren Einzelteilen hergestellt und in seinen Kastenwagen eingebaut. Ihr jüngster Coup, die Beschaffung von Kokain im Wert von einer Million Dollar aus der Forschungsabteilung der UCLA, bringt Gordons Truppe zufällig in den Besitz der brisanten Donohue-Papiere, einer Anleitung zur psychologischen Kriegsführung in Lateinamerika , mit deren Hilfe die CIA einen Machtwechsel in Mexiko herbeiführen will. Der berüchtigte Agent Ben Porterfield – man nennt ihn El Angel de Muerte, seit er vor Jahren eine Guerilla-Truppe in Guatemala angeführt hat – soll die Katastrophe abwenden. Dies ist die Ausgangslage in Perrys haarsträubend-komischer, perfekt gebauter Caper Novel ‚Der Tag der Katze‘, die mit verblüffenden Wendungen, herrlichen Hunde- und Katzen-Szenen und bitterbösen Schilderungen der CIA und ihrer trotteligen Beamten (Ausnahme: Porterfield) gefüllt ist – ein Meisterwerk des Genres, mit den «Katzen» Chinese Gordon & Gang und Dr. Henry Metzger, der «Maus» CIA und dem namenlosen Hund als Hauptakteure. Und auf den letzten Zeilen gibt Chinese Gordon seinem Hund dann doch noch einen Namen: Porterfield.

Der grosse Durchbruch gelang Perry 1994 mit ‚Die Hüterin der Spuren‘, dem ersten Band der Jane Whitefield-Serie. Jane Whitefield, Tochter eines Indianers und einer irisch-stämmigen Amerikanerin, die beide vor geraumer Zeit gestorben sind, gehört dem Stamm der Seneca-Indianer an und lebt allein in einem alten Haus im kleinen fiktiven Ort Deganawida im Norden des Staates New York. Sie ist jung, schön und gross gewachsen, verfügt über blitzschnelle Reflexe, geht geschickt mit Waffen um und hat einen ganz besonderen Job – Leute, die untertauchen wollen, mit neuen Identitäten versorgen und ihnen beibringen, ein anderes Leben zu führen: Frauen und Kinder, die von gewalttätigen Familienvätern bedroht sind, aber auch kleine Gauner, die den Unterweltbossen im Wege stehen. Sie will dafür kein Honorar, doch manchmal schickt man ihr später ein Geschenk. Jane Whitefield, hochintelligent, mit allen Wassern gewaschen und ungemein mutig, legt falsche Fährten, verwischt Spuren und weiss am Ende selbst nicht, wohin ihr jeweiliger Kunde verschwunden ist. Bei all ihren Talenten ist sie aber doch ständig von Angst begeleitet: Angst, einen Fehler zu begehen, Angst vor dem Gefängnis, vor ihren scheinbar übermächtigen Gegnern. Als sie im ersten Roman von einem Klienten reingelegt wird, dreht sie den Spiess um und wird selbst zur Jägerin.

Der fünfte Band ‚Auf der Spur des Wolfs‘, der vielschichtigste Titel der Reihe, erzählt vom Kampf zwischen Jane und der gesamten amerikanischen Mafia. Die junge Rita Shelford arbeitet in Florida als Haushälterin bei Bernie „der Elefant“ Lupus, der seit fünfzig Jahren die Konten aller bedeutenden Mafiafamilien verwaltet, ohne Unterlagen, denn alle Daten sind in seinem phänomenalen Gedächtnis gespeichert. Dass seine mnestischen Fähigkeiten im Alter etwas nachzulassen beginnen, macht ihn zum Sicherheitsrisiko – er wird auf dem Flughafen in Detroit erschossen. Rita gerät nun in den Fokus der Mafiafamilien. Sie sucht Hilfe bei Jane, kurz darauf taucht überraschend Bernie Lupus auf – sein Tod in Detroit war getürkt -, und die drei schlitzohrigen Helden planen einen grossen Coup: Das ganze Geld der Mafia – mindestens zehn Milliarden Dollar – soll an wohltätige Organisationen gespendet werden. Als die ersten Millionen zu fliessen beginnen, argwöhnen die Mafiosi, jemand (aber wer?) verschiebe das Geld, um es zu waschen – eine wilde Jagd beginnt.

Nach diesem grandiosen Roman legte Perry die Serie vorerst aufs Eis. Er veröffentlichte mehrere Einzelwerke, bis er Jane Whitefield nach neun Jahren aus ihrem geruhsamen Leben in Amherst an der Seite des grossherzigen Chirurgen Carey McKinnon (die beiden haben in ‚Die Jagd der Schattenfrau‘ geheiratet) reisst, damit sie sich in ‚Runner‘ einer jungen, schwangeren Frau annimmt, die ihrem psychopathischen Freund davonläuft.

Jack Till, Vater einer erwachsenen Tochter mit Down-Syndrom, ist die Hauptfigur in Perrys Krimis ‚Silence‘ und ‚The Boyfriend‘. Er war 23 Jahre bei der Mordkommission des LAPD, bevor er sich in Los Angeles als Privatdetektiv selbständig machte, um mehr Zeit für seine Tochter zu haben.

Bibliografie:

Butcher’s Boy-Trilogie: ‚The Butcher’s Boy‘ – Abrechnung in Las Vegas‘ (1982), ‚Sleeping Dogs‘ – ‚Schlafende Hunde‘ (1992), ‚The Informant‘ (2011);

Einzelwerke: ‚Metzger’s Dog‘ – ‚Der Tag der Katze‘ (1983), ‚Big Fish‘ – ‚Blutgeld‘ (auch unter dem Titel ‚Big Fish‘, 1985), ‚Island‘ – ‚Im Treibsand‘ (1987), ‚Death Benefits‘ – ‚Sicher ist nur der Tod‘ (2001), ‚Pursuit‘ (2001), ‚Dead Aim‘ – ‚Der finale Schuss‘ (2002), ‚Nightlife‘ (2006), ‚Fidelity‘ (2008), ‚Strip‘ (2010), ‚Forty Thieves‘ (2016), ‚The Old Man‘ (2017);

Jane Whitefield-Serie: ‚Vanishing Act‘ – ‚Die Hüterin der Spuren‘ (1994), ‚Dance for the Dead‘ – ‚Der Tanz der Kriegerin‘ (1995), ‚Shadow Woman‘ – ‚Die Jagd der Schattenfrau‘ (1997), ‚The Face-Changers‘ – ‚Das zweite Gesicht‘ (1998), ‚Blood Money‘ – ‚Auf der Spur des Wolfs‘ (2000), ‚Runner‘ (2009), ‚Poison Flower‘ (2012), ‚A String of Beads‘ (2014);

Jack Till-Romane: ‚Silence‘ (2007), ‚The Boyfriend‘ (2013).