(1912-1997)

Samuel Fuller kam als Sohn jüdisch-osteuropäischer Einwanderer in Worcester, Massachusetts, zur Welt. Nach dem Tod des Vaters 1923 ging die Mutter mit ihren sieben Kindern nach New York und führte das Leben einer Bohemien in der Künstlerszene von Greenwich Village. Mit zwölf begann Fuller als Botenjunge für das ‚New York Journal‘, mit siebzehn erhielt er einen gut dotierten Job als Polizeireporter beim Revolverblatt ‚New York Evening Graphic‘ und hielt so seine Familie über Wasser. Es folgten Journalistenjobs in San Diego und San Francisco, ehe er sich in Hollywood niederliess, um Drehbücher, Romane (sein satirischer Erstling ‚Burn, Baby, Burn‘ kam 1934 heraus) und Kurzgeschichten für die Pulp-Magazine zu verfassen. 1936 heiratete Fuller die femme fatale Mae Scriven. Als herauskam, dass sie bereits einen Ehemann hatte, annullierte er die Ehe nach sechs Wochen. Der Ehemann hiess Buster Keaton.

Kurz nach Pearl Harbour wurde Fuller zum Militärdienst eingezogen. Als Mitglied der legendären 1. Infanteriedivision „The Big Red One“, nahm er an den Landungen in Nordafrika, auf Sizilien und in der Normandie sowie im Mai 1945 an der Befreiung des Flossenbürger KZ-Aussenlagers Falkenau in der Tschechoslowakei teil. Hoch dekoriert verliess er die Army kurz danach im Range eines Korporals.

Sam Fuller war einer der grossen Männer in Hollywoods Blütezeit. Sein Credo lautete: „Film ist ein Schlachtfeld: Liebe, Hass, Gewalt, Aktion,Tod, mit einem Wort: Emotion“. Er verfasste Drehbücher (u.a. für Douglas Sirks ‚Shockproof‘), führte Regie in Filmen wie ‚I Shot Jesse James‘, ‚The Naked Kiss‘, ‚Pickup on South Street‘ und ‚The Big Red One‘, spielte kleine Filmrollen, gründete 1956 seine eigene Produktionsgesellschaft ‚Globe Enterprises‘ und produzierte seine Filme fürderhin selbst. 1981/82 arbeitete er an seinem letzten amerikanischen Film ‚White Dog‘, der in Hollywood unverständlicherweise als rassistisch abgewunken wurde. Wutentbrannt wanderte Fuller daraufhin nach Paris aus, wo er bereits einen zweiten Wohnsitz hatte. Dort schrieb er noch drei Romane und drehte er zwei weitere Filme.

Ende der 80er-Jahre kehrte Fuller nach Los Angeles zurück, wo er 85-jährig starb. Er hinterliess seine Frau, die deutsche Schauspielerin Christa Lang, mit der er seit 1967 verheiratet war, und seine 1975 geborene Tochter Samantha. Fünf Jahre nach seinem Tod erschien die von Christa und seinem langjährigen Freund Jerome Henry Rudes vollendete Autobiografie ‚A Third Face: My Tale of Writing, Fighting and Filmmaking‘, 2014 der in den 80er-Jahren entstandene, 1993 in der französischen Übersetzung unter dem Titel ‚Cérébro-Choc‘ erstveröffentlichte Noir ‚Brainquake‘. 2013 schuf Samantha Fuller den Dokumentarfilm mit dem hübschen zweideutigen Titel ‚A Fuller Life‘ über das ausgefüllte Leben ihres Vaters.

In Fullers Werk finden sich fünf Krimis, von denen drei auf Deutsch vorliegen. Unter ihnen ‚Saphos Flucht‘, eine schmutzige, explosive Geschichte mit blutrünstigen Szenen und wilden Verfolgungsjagden.  Der arabische General Chattab, intrigengestählt und machthungrig, setzt im Jahr 1980 alles daran, seinen lange gehegten Traum zu verwirklichen: Seinen König ermorden, die Regierung stürzen, zum Anführer der Vereinigung von 34 arabischen Ländern gewählt werden – hochrangige Vertreter der vier wichtigsten europäischen Nationen sollen ihn gegen fürstliche Belohnung dabei unterstützen. Chattabs Gegenspieler sind die junge Französin Sappho und ihr heruntergekommener amerikanischer Ex-Geliebter Quint, genannt der Bluthund, ein eingespieltes Gepann, das eine gigantische Erpressung vorhat. Grossbriannien, Frankreich, Deutschland und Italien sind die Stationen des atemlosen Geschehens.

Im Jahr 1972 schrieb und drehte Fuller in Deutschland den ‚Tatort‘-Film ‚Tote Tauben in der Beethovenstrasse‘, der am 7. Januar 1973 mit Fullers Frau Christa Lang in der weiblichen Hauptrolle im Deutschen Fernsehen ausgestrahlt und danach heftig verrissen wurde. Fuller novellisierte das Drehbuch im selben Jahr, und 1974 kam der Film als Director’s Cut in ein paar wenige amerikanischen Kinos. Die spritzige, schwarzhumorige Geschichte um Erpressung, Geldgier, Politik, Liebe und Mord mit dem abgebrühten New Yorker Privatdetektiv Sandy und der schönen Gaunerin Christa als Hauptfiguren spielt in den Rheinstädten Bonn und Köln, die Fuller vom Zweiten Weltkrieg her kannte.

Seinen erfolgreichsten Roman ‚Die dunkle Seite‘ schrieb Fuller kurz bevor er in den Zweiten Weltkrieg zog. Es ist die nachtschwarze Geschichte des skrupellosen Journalisten Carl Chapman – glücklich mit der entzückenden Rose verheirateter Vater zweier Kinder, höchst erfolgreicher Chefredakteur des New Yorker Blattes ‚Comet‘ -, der als PR-Coup einen „Ball der einsamen Herzen“ inszeniert, um die Auflagen noch weiter in die Höhe zu jagen. Doch dann taucht ein einsames Herz aus seiner weniger glanzvollen Vergangenheit im Tanzsaal auf, Charlotte Faith, die sein Lebenswerk zu zerstören droht. Chapman sieht keinen andern Ausweg, als sie aus dem Weg zu räumen – und macht jetzt Jagd auf sich selbst, hat sich doch seine Zeitung zum Ziel gesetzt, den Mörder auf den elektrischen Stuhl zu befördern. Mit dem Polizeireporter Lance McLeary weiss Chapman einen zähen, erfahrenen Ermittler in seinen Reihen, der sich von den falschen Fährten, die sein Chef legt, nicht gross beirren lässt.

Bibliografie:

‚The Dark Page‘ (auch unter dem Titel ‚Murder Makes a Deadline‘) – ‚Die dunkle Seite‘ (1944), ‚The Naked Kiss‘ (1964), ‚144 Piccadilly‘ (1971), ‚Dead Pigeon on Beethoven Street‘ – ‚Tote Tauben auf der Beethoven Strasse‘ (1973), ‚Quint’s World‘ (auch unter dem Titel ‚Battle Royal‘) – ‚Sapphos Flucht‘ (1984), ‚Brainquake‘ (2014).