(*1963)
Geboren in Braunschweig, wuchs Johannex Groschupf mit vier Schwestern in der niedersächsischen Stadt Lüneburg auf. Er studierte Germanistik, Amerikanistik und Publizistik an der FU Berlin und arbeitete danach als freier Reisejournalist unter anderem für die Zeit, FAZ und Frankfurter Rundschau. 1994 erlitt er bei einem Hubschrauberabsturz in der Sahara Verbrennungen, die er nur knapp überlebte. 1998 veröffentlichte er das mit dem Geisendörfer-Preis ausgezeichnete Radio-Feature ‚Absturz‘, in dem er sich mit diesem Unfall befasste. Nach langwieriger Genesung verrichtete er Gelegenheitsjobs, bis er das Schreiben zum Hauptberuf machte. Sein Werk besteht aus Romanen für Jugendliche und für Erwachsene, darunter vier in Berlin angesiedelte Thriller. Er hat zwei erwachsene Kinder und lebt seit vielen Jahren in Berlin.
Walter Noack, die Hauptfigur in ‚Berlin Prepper‘, ist Mitte vierzig, geschieden, Vater eines Sohnes. Als Online-Redakteur bei einer grossen Berliner Boulevardzeitung muss er täglich Tausende Hasskommentare aus der „Wehrbürgerecke“ sortieren. Von Fremdenhass gesteuerte Gewaltfantasien, die vor allem gegen Angela Merkels Asylpolitik gerichtet sind. In seiner Freizeit ist er ein „Prepper“: er bereitet sich mit aller Kraft auf jedes denkbare Endzeitszenarium vor – von Stromausfall und Überschwemmungen bis zum Untergang der Zivilisation -, hortet Lebensmittelbüchsen und trainiert Überlebensstrategien. Eines Tages wird er vor dem Zeitungsgebäude spitalreif zusammengeschlagen. Die Tat eines wütenden Lesers, dessen Kommentare er gefiltert hatte? oder eines arabischen Flüchtlings aus der benachbarten Unterkunft? Wenig später wird eine Arbeitskollegin angegangen. Als dann auch sein Sohn brutal verprügelt wird, dreht Noack endgültig durch. ‚Berlin Prepper‘ ist ein rasanter, harter und böser Thriller mit prägnant gezeichneten Figuren und scharf geschliffenen Dialogen.
‚Berlin Heat‘ spielt im Sommer 2021. Der Ich-Erzähler Tom Lohoff, Sohn eines früheren Vopo-Kriminalkommissars, ist eine zwiespältige Figur. Ein schwer verschuldeter, spielsüchtiger Linker. Aber auch ein selbsternannter „Facilitator“: Als Verwalter von fünf Wohnungen, die sein Vater einem Stasi-Fond entnommen hatte, spezialisierte er sich auf Ausländer, die nach Berlin kommen, um Party zu machen, und denen er nicht nur die Apartments, sondern auch Drogen, von Gras über Koks bis Ketamin, besorgt. Nach Ende des Covid-Lockdowns, kurz vor den Bundestagswahlen, herrscht in der Stadt eine fiebrige Stimmung, als zwei Mieter einen angeblich von ihnen entführten AFD-Politiker anschleppen. Weil Tom bei einem albanischen Gangster mit 12’000 Euro in der Kreide steht, lässt er sich auf den lukrativen Deal ein – und gerät in eine äusserst ungemütliche Lage. Am Brandenburger Tor, in der Nähe des ehemaligen Führerbunkers, kommt es zu einem höllischen Showdown. Eine wichtige Rolle spielt die scharfzüngige, attraktive Kommissarin Romina Winter, eine mit allen Wassern gewaschene Romni, die als Zehnjährige mit fünfhundert Roma aus einem Dorf in der Nähe von Bukarest nach Berlin gekommen war – einzig ihre Grossmutter lebte weiter in ihrer rumänischen Heimat und „träumte von Wölfen und Vampiren“. Romina hatte als erste Romni die Polizeiakademie Berlin abgeschlossen.
Es brodelt in Kreuzberg: Maurice Jaenisch, ein unglücklicher, unter schwierigen Bedingungen aufgewachsener zwanzigjähriger Postbote, fackelt Fahrzeuge ab, weil ihn das sexuell erregt. Diesmal trifft es den obdachlosen polnischen Fernfahrer Radek, der unlängst im Suff eine Frau totgefahren hat. Er überlebt den Anschlag mit schweren Verbrennungen und nimmt dies zum Anlass, dem Alkohol abzuschwören und als weiss gekleideter „polnischer Messias“ aufzutreten. Zwei mutige junge Frauen setzen sich mit den Branddelikten auseinander: die Gerichtsreporterin Jette Geppert, die nie ein Gesicht vergisst, und die schlagfertige Kommissarin Romina Winter, die nach ‚Berlin Heat‘ aus disziplinarischen Gründen ins Branddezernat versetzt worden war. Eine weitere Hauptfigur ist Maurices Freundin Britta, eine gequälte Seele, deren Familie (wie auch jene von Maurice) einer grausigen Sekte angehört. ‚Die Stunde der Hyänen‘ zeichnet in einer schlackenlosen Sprache, mit schnellen Perspektivenwechseln und vielen szenischen Schnitten das Bild einer unbarmherzigen, selbstsüchtigen Gesellschaft. Doch es gibt auch herzerwärmende Momente: Menschen, die sich wiederfinden, Menschen, die sich näherkommen. Und ein ziemlich optimistisches Ende.
In seinem vierten, im Sommer 2024 spielenden Thriller ‚Skin City‘ bündelt Groschupf drei Handlungsstränge souverän in einem mitreissenden Finale. Koba, ein durchaus sympathischer, aus der georgischen Hauptstadt Tiflis stammender junger Mann, beging mit zehn Jahren seine ersten Diebstähle, um seiner Familie zu helfen, mit fünfzehn war er zum ersten Mal im Gefängnis. Jetzt lebt er in Berlin und hat sich mit zwei Kumpeln auf Einbrüche in wohlhabenden Aussenbezirken spezialisiert. Er träumt davon, in Kanada ein neues Leben zu beginnen. Die Kriminalpolizistin Romina Winter liess sich nach den schlimmen (in ‚Die Stunde der Hyänen‘ beschriebenen) Erlebnissen in die Berliner Peripherie versetzen, um ihre Ruhe zu finden. Sorgen bereitet ihre kleine Schwester Sanda, die immer wieder von zuhause ausreisst. Der dritte Strang gehört dem gewissenlosen, zu Gewaltausbrüchen neigenden Hochstapler und Betrüger Jacques Lippold, der nach zweieinhalb Jahren aus dem Tegeler Gefängnis entlassen wird und sich nun als „Finanzberater“ in der Berliner Kunstszene versucht.
Johannes Groschupf gehört zu den begabtesten und originellsten deutschsprachigen Krimiautoren der Gegenwart. Schnörkellose Handlungsführung, prägnante Milieuschilderungen und ein feines Händchen für Schauplätze, Dialoge und Figuren zeichnen ihn aus. Drei seiner tiefschwarzen Romane wurden mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet: 2019 ‚Berlin Prepper‘, 2021 ‚Berlin Heat‘ (2. Platz), 2022 ‚Die Stunde der Hyänen‘.
Bibliografie:
‚Berlin Prepper‘ (2019), ‚Berlin Heat‘ (2021), ‚Die Stunde der Hyänen‘ (2022), ‚Skin City‘ (2024).