(Pseudonym für Francesco de Nato Napolitano, *1958; schreibt auch als F.R. Tallis)

Frank Tallis, geboren in Stoke Newington im Nordosten Londons als Sohn von süditalienischen Migranten, aufgewachsen im multikulturellen Londoner Stadtteil Tottenham, war Klavierlehrer und Rockmusiker, ehe er an der University of London einen Doktortitel in Psychologie erwarb. Daraufhin arbeitete er als Psychotherapeut beim National Health Service, unterrichtete klinische Psychologie und Neurowissenschaften am King’s College in London, behandelte Privatpatienten und schrieb Sachbücher, unter ihnen das Meisterwerk ‚Mortal Secrets. Freud, Vienna and the Discovery of the Modern Mind‘, und populärwissenschaftliche Bücher über Zwangsstörungen. 2008 machte er das Schreiben zu seinem Hauptberuf. Sein belletristisches Werk umfasst den bereits 1999 erschienenem Standalone-Krimi ‚Killing Time‘, vier unter dem Pseudonym F.R. Tallis veröffentlichte Horrorromane und die im ersten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts angesiedelte Max Liebermann-Serie. Frank Tallis lebt in London und hat einen Sohn aus geschiedener Ehe.

Dr. Max Liebermann, zu Beginn der Reihe Mitte zwanzig und frisch verlobt mit der bildhübschen Clara, ist ein liebenswürdiger Freudianer mit scharfem Verstand, der sich gut in seine Patienten einfühlen kann. Neben seiner psychoanalytischen Tätigkeit berät er seinen besten Freund, den glücklich verheirateten Familienvater Kriminalinspektor Oskar Reinhardt, mit dem er in der Freizeit musiziert. Die Reihe besteht aus sieben kunstvoll gebauten Mixturen aus Whodunit, Zeitgeschichte und psychologischer Studie mir lebensecht gezeichneten Haupt- und Nebenfiguren, präzis recherchiertem Lokalkolorit und sparsam eingestreuten übersinnlichen Szenen. Darüber hinaus entwirft der Autor ein anschauliches Bild der kulturell und wissenschaftlich hochstehenden Weltstadt, die sich in den Jahren vor dem Untergang der k. u. k. Doppelmonarchie im Umbruch befindet: „Zu viele Menschen, zu wenig Arbeit, und ein unablässiger Strom von Parasiten aus dem Osten.“ Dazu ein skrupelloser, antisemitischer Bürgermeister, Dr Karl Lueger, der von 1897 bis 1910 die Stadt regierte.

Der erste Band ‚Die Liebermann-Papiere‘ dreht sich um einen mysteriösen Todesfall im Wien des Jahres 1902. Das stadtbekannte Medium Charlotte Löwenstein, eine extravagante Schönheit, wird in dem von innen verschlossenen Raum, in dem sie ihre Séancen abhielt, tot aufgefunden. Kriminalinspektor Reinhardt findet einen Abschiedsbrief, jedoch keine Waffe, und die Autopsie bringt einen Herzschuss, aber keine Kugel und keine Austrittswunde zu Tage. Zudem zeigt sich, dass die Tote schwanger war. Kriminalinspektor Reinhardt tappt im Dunkeln und bittet seinen Freund um Unterstützung. Dieser setzt alles daran, der Lösung mit intensiven Befragungen der Mitglieder des Löwenstein-Kreises, aber auch mit psychologischen Experimenten auf die Spur zu kommen, kann jedoch nicht verhindern, dass ein weiterer Angehöriger des Kränzchens ermordet wird. Eine entscheidende Rolle spielt die angehende englische Medizinstudentin Amelia Lydgate, die als Patientin in Liebermanns Leben tritt – und sich als gewitzte Detektivin erweist.

Zu ‚Wiener Tod‘ liess sich Tallis von Musils Roman ‚Die Verwirrungen des Zöglings Törless‘ inspirieren. In einer abgeschiedenen Wiener Militärakademie wird der aus einfachen Verhältnissen kommende tschechische Schüler Thomas Zelenka tot im Chemielabor aufgefunden. Die Autopsie ergibt keine Hinweise auf eine unnatürliche Todesursache. Der Nachweis von älteren Schnittverletzungen am Körper weist allerdings darauf hin, dass der Junge von Kiefer Wolf, dem sadistischen Neffen des Polizeikommandanten, und seiner gewaltbereiten Kadettenschar gequält worden war. Die aufgeheizte Stimmung in der Schule lässt zudem an ein sexuell motiviertes Verbrechen denken. Gleichzeit gerät auch Liebermanns Liebesleben arg aus dem Gleichgewicht: Nach Auflösung der Verlobung mit Clara verliebt er sich in Amelia, doch diese Liaison wird durch (wohl unbegründete) Eifersucht getrübt, worauf er sich auf eine Affäre mit der faszinierenden ungarischen Violinistin Trezska einlässt. Dann hat Liebermann einen Geistesblitz, der zu der überraschenden Lösung führt.

In ‚Kopflos‘ wird einem mit antisemitischen Schriften aufgefallenen katholischen Geistlichen der Kopf buchstäblich vom Leib gerissen, kurz danach widerfährt dem fanatischen Judenhasser Stadtrat Burke Faust dasselbe Schicksal. Nächstes Opfer des offensichtlich über Bärenkräfte verfügenden Mörders ist ein gewalttätiger Zuhälter, doch der ist Jude und passt somit nichts Bild. Die Leichen liegen jeweils vor einer Kirche, am Fusse einer mittelalterlichen Pestsäule. Bei seinen lebensgefährlichen, bis nach Prag führenden Ermittlungen gelingt es dem von Liebeskummer und Krankenhausintrigen gebeutelten Protagonisten in letzter Sekunde, einen wahnwitzigen – wenn auch gut gemeinten – Plan zu durchkreuzen.

Bibliografie:

Max Liebermann-Serie: ‚Mortal Mischief‘ (auch unter dem Titel ‚A Death in Vienna‘) – ’Die Liebermann-Papiere’ (2005), ‚Vienna Blood‘ – ’Wiener Blut’ (2006), ‚Fatal Lies‘ – ‚Wiener Tod’‘ (2008), ‚Darkness Rising‘ (auch unter dem Titel ‚Vienna Secrets‘) – ’Kopflos’ (2009), ‚Deadly Communion‘ (auch unter dem Titel ‚Vienna Twilight‘) – ‚Rendez-vous mit dem Tod‘ (2010), ‚Death and the Maiden‘ – ‚Der Tod und das Mädchen‘ (2011), ‚Mephisto Waltz‘ – ‚Teuflischer Walzer‘ (2018);

Einzelwerk: ‚Killing Time‘ (1999).

Als F.R. Tallis:

‚The Forbidden‘ (2012), ‚The Sleep Room‘ – ‚Das Haus der bösen Träume‘ (2013), ‚The Voices‘ (2014), ‚The Passenger‘ (2016).