(Pseudonym für Kenneth Millar, 1915-1983; schrieb auch als John Macdonald und John Ross MacDonald)

Ross Macdonald, geboren in Los Gatos, Kalifornien, als Sohn eines kanadisch-stämmigen Journalisten, wuchs nach der frühen Trennung seiner Eltern in Kanada auf. Er lebte bei verschiedenen Verwandten und wurde von einer Schule in die andere abgeschoben, bis er zu seiner in Kitchener, Ontario, ansässigen Mutter zog und dort die Highschool abschloss. Danach studierte er an der University of Western Ontario und der University of Toronto. Nach einigen Jahren als Englisch- und Geschichtslehrer an Privatschulen und dem Militärdienst in der US Navy Reserve machte er einen Doktorabschluss in Englisch an der University of Michigan in Ann Arbor.

1938 heiratete Macdonald die spätere Krimi- und Drehbuchautorin Margaret Millar, geborene Sturm, die im folgenden Jahr ihr einziges Kind, Linda, auf die Welt brachte. Nach dem Krieg liess er sich mit seiner Familie in der südkalifornischen Küstenstadt Santa Barbara nieder, um hauptberuflich zu schreiben, zunächst unter dem Pseudonym John Macdonald. Später änderte er das Pseudonym zu Ross Macdonald, um nicht mit dem Krimiautor John D. MacDonald verwechselt zu werden. Sein Familienleben war unglücklich: Die schriftstellerische Konkurrenz führte zu Spannungen und handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen den Ehepartnern, und Tochter Linda, die schon als Teenager zu trinken begann und 1956 einen tödlichen Verkehrsunfall verursachte, starb mit 31 Jahren im Schlaf an einer Medikamentenüberdosis. Macdonald unterzog sich daraufhin einer Psychoanalyse, die sich auch in seinem Romanwerk niederschlug. Ende der 70er-Jahre an Alzheimer erkrankt, starb er 67-jährig in Santa Barbara. Seine Autobiografie ’Self-Portrait’ ist zwei Jahre vor seinem Tod erschienen.

Ross Macdonald gilt als bedeutendster Nachfolger von Dashiell Hammett und Raymond Chandler, mit denen er die „Heilige Dreieinigkeit der Hardboiled-Autoren“ bildet. Herzstück seines Krimiwerks ist die 1949 begonnene und 1976 abgeschlossene 18-teilige Serie um Lew Archer, der auch in einigen Kurzgeschichten zum Zuge kommt. Lew Archer, 1914 geborener Veteran des Zweiten Weltkriegs, nach kurzer Ehe von seiner Frau Sue verlassener Ex-Cop beim Long Beach Police Department, ist ein unbestechlicher, unnachgiebiger und hartgesottener, aber auch kluger und empathischer Privatdetektiv, dessen Fälle zumeist in der fiktiven Stadt Santa Teresa (gemeint ist Santa Barbara) angesiedelt sind, und über dessen Privatleben wir praktisch nichts erfahren. Die einzigen wiederkehrenden Nebenfiguren sind der Privatdetektiv Arnie Walters und seine Ehefrau Phyllis aus Reno, Nevada, mit denen er befreundet ist. Archer ist eine Art Vaterfigur, der wie kaum ein zweiter Ermittler der Kriminalliteratur tief in das Leben der Opfer und der Täter eindringen kann, und sich im Fortgang der Reihe immer mehr in Richtung Seelsorger und Psychotherapeut entwickelt. Manche Geschichten kreisen um gestrauchelte, von ihren Eltern im Stich gelassene Jugendliche, und oft werfen verhängnisvolle, weit zurückliegende Geschehnisse ihre Schatten auf die Gegenwart. Ein Kritiker bezeichnete Macdonalds Hauptpersonen als „tragische Figuren des griechischen Dramas in Polohemd und Badehose“.

„Telling the plot of an Archer Novel is impossible. The books are so ramified, Delphic and dark… But if there ist a a kind of over-all structure that tend to fit the late novels: in general, perhaps a full generation before the present time of the novel, two people come together, neither of them lethal alone, but united, deadly. And they do something terrible. They murder or steal or assume different identities. Or all three. It is a wild compulsive drive that operates on them. Sometimes what they do they do for money or lust or power. But mostly they do it for love. And they get away with it. And everything is quiet. Until Archer comes. Usually he is hired for something standard: my wife has left me – find her; my husband has a mistress – tell me who; my Florentine box is gone – get it. So he begins, and gradually, obliquely, the generation-old crime is scratched alive.“ Zitat: William Goldman: The New York Times review of Macdonald’s ‚The Goodbye Look‘; June 1, 1969.

Die Lew Archer-Krimis ähneln sich tatsächlich stark bezüglich des Themas und Plots, und doch gibt es einige Besonderheiten: Den achten Band ‚Der Fall Galton‘ bezeichnete Macdonald als den Roman, der seinen eigenen Lebenslauf am deutlichsten widerspiegelt. Es ist auch der Roman, in dem er mit den Privatdetektiv-Romanen seines Vorbilds Raymond Chandler bricht. Der dreizehnte Band ‚Schwarzgeld‘ ist eine Hommage an Macdonalds Lieblingsroman ‚The Great Gatsby‘ von F. Scott Fitzgerald‘, ein Roman, der sich mit dem grandiosen Scheitern des American Dreams auseinandersetzt. In einzelnen späten Romanen – namentlich ‚Der Untergrundmann‘ und ‚Dornröschen‘ setzt sich Macdonald auch mit ökologischen Themen auseinander. Und im letzten Band, ‚Der blaue Hammer‘, zeichnet sich eine innige Liebesbeziehung zwischen Lew Archer und der jungen, mutigen Enthüllungs-Journalisten Betty Jo Siddon ab, was wir ihm von Herzen gönnen.

Die besten Bände der Lew Archer-Reihe stammen aus den frühen Fünfzigerjahren. Zu nennen sind vor allem ‚Unter Wasser stirbt man nicht‘ (Band 2), ‚Ein Grinsen aus Elfenbein‘ (Band 4) und ‚Die Küste der Barbaren‘ (Band 6): Harte und rasante Krimis mit sorgfältig gestalteten, verästelten Plots, unerwarteten Wendungen und einem von Siegmund Freud noch kaum beeinflussten Detektiv, dem man gerne bei der Arbeit zuschaut. Die zwei ersten Romane wurden mit Paul Newman als Detektiv verfilmt: ‚Harper‘ (1966, basierend auf ‚The Moving Target‘) und ‚The Drowning Pool‘ (1975). In beiden Filmen heisst der Detektiv Lew Harper.

Im Jahr 2014 startete der Diogenes Verlag die längst fällige Neuübersetzung der Lew Archer-Romane durch Karsten Siegelmann, der Macdonalds Stil ausgezeichnet ins Deutsche überträgt, brach dieses Unterfangen jedoch nach den Bänden ‚Unterwegs im Leichenwagen‘, ‚Gänsehaut‘, ‚Schwarzgeld‘, ‚Der Untergrundmann‘, ‚Dornröschen‘ und ‚Der blaue Hammer‘ bedauerlicherweise wieder ab.

Bibliografie:

Lew Archer-Serie:

‚The Moving Target‘ – ‚Reiche sterben auch nicht anders‘ (auch unter dem Titel ‚Das wandernde Ziel‘, 1949), ‚The Drowning Pool‘ – ‚Unter Wasser stirbt man nicht‘ (auch unter den Titeln ‚Kein Öl für Mrs. Slocum‘ und ‚Wer zögert, ist verloren‘, 1950), ‚The Way Some People Die‘ – ‚Tote ertrinken nicht‘ (auch unter dem Titel ‚Freut mich, Sie kennen zu lernen, Mr. Archer‘, 1951), ‚The Ivory Grin‘ – ‚Ein Grinsen aus Elfenbein‘ (auch unter den Titeln ‚Bis auf die Knochen‘ und ‚Nichts als ein Skelett‘, 1952), ‚Find A Victim‘ – ‚Anderer Leute Leichen‘ (auch unter dem Titel ‚Opfer gesucht‘, 1954), ‚The Barbarous Coast‘ – ‚Die Küste der Barbaren‘ (auch unter dem Titel ‚Sprungbrett ins Nichts‘, 1956), ‚The Doomsers‘ – ‚Sanftes Unheil‘ (auch unter dem Titel ‚Schuldkonto der Vergangenheit‘, 1958), ‚The Galton Case‘ – ‚Der Fall Galton‘ (auch unter dem Titel ‚Ein schwarzes Schaf verschwindet‘, 1959), ‚The Wycherly Woman‘ – ‚Die wahre Mrs. Wycherly‘ (auch unter dem Titel ‚Mutter und Tochter‘, 1961), ‚The Zebra-Striped Hearse‘ – ‚Unterwegs im Leichenwagen‘ (auch unter dem Titel ‚Camping im Leichenwagen‘, 1962), ‚The Chill‘ – ‚Gänsehaut‘ (1964), ‚The Far Side of the Dollar‘ – ‚Die Kehrseite des Dollars‘ (1965), ‚Black Money‘ – ‚Schwarzgeld‘ (auch unter den Titeln ‚Schwarzes Geld‘ und ‚Geld zahlt nicht alles‘, 1966), ‚The Instant Enemy‘ – ‚Durchgebrannt‘ (1968), ‚The Goodbye Look‘ – ‚Geld kostet zu viel‘ (1969), ‚The Underground Man‘ – ‚Der Untergrundmann‘ (1971), ‚Sleeping Beauty‘ – ‚Dornröschen‘ (auch unter dem Titel ‚Dornröschen war eine schönes Kind‘, 1973), ‚The Blue Hammer‘ – ‚Der blaue Hammer‘ (1976);

Einzelwerke:

‚The Dark Tunnel‘ (1944), ‚Trouble Follows Me‘ (1946), ‚Blue City‘ – ‚Blue City‘ (auch unter dem Titel ‚Wettlauf mit dem Gestern‘, 1947), ‚The Three Roads‘ – ‚Der Mörder im Spiegel‘ (auch unter dem Titel ‚Schwarze Vergangenheit‘, 1948), ‚Meet Me at the Morgue‘ – ‚Triff mich in der Leichenhalle‘ (auch unter dem Titel ‚Der Koffer unter dem Bett‘, 1953), ‚The Ferguson Affair‘ – ‚Die Akte Ferguson‘, 1960).