(*1943)

Frank Göhre wurde als Sohn eines Bankbeamten und einer Geschäftsfrau in der nordtschechischen Kleinstadt Tetschen-Bodenbach (heute: Decin) geboren und wuchs in Bochum auf. Er verliess mit fünfzehn das Gymnasium und bildete sich zum Grosshandelskaufmann und Buchhändler aus. Danach war er im Buch- und Kunsthandel, als Werbetexter und Bibliothekar tätig. Von 1973 bis 1976 war er Hörspielautor beim NDR und WDR und Dozent an der Volkshochschule Marl. Es folgten fünf Jahre als Verlagsmitarbeiter und Lektor beim Weismann-Frauenbuchverlag in München. Nebenbei verfasste er Reportagen, Essays sowie (ab 1974) sozialkritische Erzählungen und Romane für Jugendliche und Erwachsene. 1981 liess er sich als freier Autor in Hamburg nieder. 1982/83 arbeitete er am Drehbuch zum Thriller ’Abwärts’, den er 1984 in Romanform brachte.

Mit der St. Pauli- oder Kieztrilogie, einer scharfsinnigen Darstellung der organisierten Kriminalität im Hamburg der 80er-Jahre, schrieb sich Göhre in die vorderste Reihe der deutschen Krimiautoren. Im Mittelpunkt stehen die Polizeibeamten Jan Broszinski, Peter „Pit“ Gottschalk und Jörg Fedder, drei kantige Figuren, und ihr mächtiger Gegenspieler, der Kiezpate Werner „Emma“ Stobbe, doch auch kleinere Gangster und zwielichtige Frauen haben ihren Platz. Der zweite und der dritte Band beruhen auf dem authentischen Fall Pinzner: Werner „Mucki“ Pinzner, dem „St. Pauli-Killer“, der in Göhres Romanen den Namen Karl „Zappa“ Weber trägt, wurden acht Auftragsmorde an Zuhältern und anderen Kiez-Grössen zur Last gelegt, als er am 29. Juli 1986 im Polizeipräsidium am Berliner Tor den Staatsanwalt, seine Frau und sich selbst tötete.

Im Jahr 2006 überraschte Göhre seine Leser mit ’Zappas letzter Hit’, der düsteren Fortsetzung der St. Pauli-Trilogie, die nahtlos an deren fünfzehn Jahre zuvor veröffentlichten Krimi ’Der Tanz des Skorpions’ anknüpft und mit demselben Personal aufwartet: Fedder ist noch immer bei der Polizei, Broszinski versucht sich als Kunstmaler und Gottschalk betreibt das Gourmetrestaurant Paulsen. In einer wichtigen Rolle: Zappas Tochter Julie, die den Tod ihres Vaters rächen will.

Zwei Jahre später publizierte Göhre ‚Mo – Der Lebensroman des Friedrich Glauser’, eine Mischung aus Fakten und Fiktion, und den Sammelband ‚An einem heissen Sommertag’ mit den überarbeiteten Einzelwerken ‚Letzte Station vor Einbruch der Dunkelheit’ und ‚Schnelles Geld’ und zwei zuvor unveröffentlichten Erzählungen. Es folgten ‚Seelenlandschaften‘ mit Texten über Krimiautoren (2009), das Einzelwerk ‘Der Auserwählte’ (2010), ‘I and I’ mit Stories, Reportagen und Essays (2012), der St. Pauli-Sammelband ‘Geile Meile’ mit den Romanen ‘Zappas letzter Hit’ und ‚St. Pauli Nacht’, den Erzählungen ‘Rentner in Rot’ und ‘Der letzte Freier’ und dem Essay ‘Es war einmal in St. Pauli’ (2013), der Kurzgeschichtenband ‘Gut leben – früh sterben’ (2014), das Sachbuch ‚Cops in the City. Ed McBain und das 87. Polizeirevier‘ (gemeinsam mit Alf Mayer, 2015) sowie die Texte-Sammlungen ‚CrimeWelten‘ (2016) und ‘Das Montage Werk’ (2018).

‚Verdammte Liebe Amsterdam‘ ist Göhres bisher letzter Streich. In diesem schnörkellosen, rasant zwischen Zeiten, Orten und Perspektiven hin und her springenden Noir behandelt der Autor auf 150 Seiten mehrere ineinander verzahnte Verbrechen, die ein düsteres Licht auf unsere Gesellschaft werfen. Michael Köster, ein Jahr älterer Bruder von Schorch, der auf dem Kiez ein Lokal betreibt, wird auf einer Autobahnraststätte totgeschlagen und ausgeraubt. Die beiden verbindet ein dunkles Geschehnis in der Jugendzeit. Später haben sie sich voneiander entfremdet, doch Michaels Tod lässt Schorch keine Ruhe, und er begibt sich auf die Spuren des Mannes mit den vielen Gesichtern und Geheimnissen. Der Weg führt ins Amsterdamer Rotlichtmilieu, wo es Schorsch unter Lebensgefahr gelingt, das Geflecht aus Raub, Zwangsprostitution, Korruption, Kindesmissbrauch und Mord zu enthüllen.

Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit gab Göhre die Werke des Krimiautors Friedrich Glauser im Zürcher Arche-Verlag neu heraus, war bis 1998 Tutor an der Drehbuch-Schreibschule in Köln und leitete Seminare und Workshops über das Drehbuchschreiben.

Bibliografie:

St. Pauli-Serie: ‚Der Schrei des Schmetterlings‘ (1986), ‚Der Tod des Samurai‘ (1989), ‚Der Tanz des Skorpions‘ (1991), ’Zappas letzter Hit’ (2006);

Einzelwerke: ‚Abwärts‘ (gemeinsam mit Carl Schenkel, 1984), ’Peter Stohm – Agent für Sonderfälle’ (1989), ‚Letzte Station vor Einbruch der Dunkelheit‘ (1990), ’Schnelles Geld’ (1992), ’St. Pauli Nacht’ (1993), ‚Ritterspiele‘ (1996), ‚Der letzte Freier’ (Kurzkrimi, 2006), ‚An einem heissen Sommertag’ (2008), ‚Der Auserwählte‘ (2010), ‚Verdammte Liebe Amsterdam‘ (2020).