(*1967)

Tom Mathew Bradby kam auf Malta zur Welt und verbrachte seine Kindheit auf Gibraltar, bis die Familie nach England übersiedelte. Nach seiner Ausbildung an der unabhängigen Internatschule in Sherborne, Dorset, und der Edinburgh University arbeitete er ab 1990 als Journalist für ITN, das grösste unabhängige Netzwerk Grossbritanniens, bzw. dessen TV-Segment ITV. Von 1993 bis 1996 verfolgte er als Reporter den Friedensprozess in Nordirland, drei Jahre später wurde er Südostasien-Korrespondent. Als er 1999 über die Aufstände in der indonesischen Hauptstadt Jakarta berichtete, erlitt er schwere Verletzungen, blieb jedoch bis 2001 vor Ort. Zurück in England, arbeitete er als London-Korrespondent für das Netzwerk. Von 2012 bis 2016 war er Gastgeber der politischen Diskussionsrunde ‚The Agenda with Tom Bradby. Seit 2015 präsentiert er die Fernsehsendung ‚ITV News at Ten‘.

Tom Bradby begann seine schrifstellerische Laufbahn im Jahre 1998 mit dem ersten von bisher neun Politthrillern.

‚Schattentänzer’erzählt die Geschichte der IRA-Kämpfer-Familie McVeish im letzten Jahr der „Troubles“, die am Karfreitag 1998 nach zähen Verhandlungen zu Ende gingen. Im Mittelpunkt steht Colette, Mutter von zwei kleinen Kindern, die ihren Vater, einen Bruder und ihren Mann im Bürgerkrieg verloren hat. Nach einem misslungenen Atentat in London wird sie vor die Wahl gestellt, für die Briten zu spionieren und ihre beiden noch lebenden Brüder zu verraten, oder jahrzehntelang im Knast zu schmoren. Der Autor macht daraus einen Roman mit Stärken und Schwächen. Gut gelungen ist die Darstellung der alltäglichen Gewalt bis in die allerletzten Monate des Bürgerkriegs und von Colettes unerträglichem Gewissenskonflikt, während die zahlreichen Haupt- und Nebenfiguren etwas farblos bleiben.

‚Der Herr des Regens‘, angesiedelt im Shanghai des Jahres 1926, in der Zeit des aufkommenden Kommunismus, als Engländer, Franzosen, Amerikaner und Chinesen in getrennen Rayons leben und es von russischen Flüchtlingen wimmelt, dreht sich um den bestialischen Mord an einer russischen Edelprostituierten in der schillernden asiatischen Metropole – Hort der Korruption, Intrige, Verkommenheit und Sünde -, in der man niemandem trauen kann. Der junge und aufrichtige, wenn auch reichlich naive Polizeibeamte Richard Field aus Yorkshire, der seit wenigen Monaten bei der Special Branch in Shanghai arbeitet, um sich nach nach einer unglücklichen Jugendzeit von seinem Elternhaus zu lösen und ein neues Leben zu beginnen, Detective Caprisi aus Chicago von der Kriminalpolizei und sein chinesischer Kollege Chen werden mit den Recherchen betraut. Die Spuren führen zum Triadenboss „Pockengesicht“ Lu Huang, dem mächtigsten Opiumschmuggler der Stadt, der auch die Prostitution fest im Griff hat und für seine sadistische Art hinlänglich bekannt ist, sowie zu hochrangigen britischen Beamten und britischen Polizisten, die höchst wahrscheinlich auf Huangs Lohnliste stehen. Bradby konzipiert den Roman weniger als Periodic Piece denn als Noir vor dem Hintergrund des zerfallenden Kolonialismus, verwässert seine 570 Seiten lange Geschichte jedoch mit sexuellen Verwicklungen und Schilderungen der traurigen Vergangenheit seiner Hauptfiguren. Zu diesen gehört auch die schöne Natascha Medwedew – eine enge Freundin der ermordeten Frau und wie diese eines von „Lus Mädchen“ -, in die Field sich rettungslos verliebt.

Januar 1917 in Petrograd (dem heutigen Sankt Petersburg, damals russische Hauptstadt): Kurz nach Rasputins gewaltsamem Tod und wenige Wochen vor der Februarrevolution versinkt das Land im Chaos, Streiks und Demonstrationen, leere Regale und endlose Schlangen vor den Geschäften erschweren den Alltag – das russische Volk ist nach drei Jahren Krieg zermürbt, erschöpft und ausgehungert. Der 1881 durch Alexander III. gegründete Geheimdienst Ochrana will nicht wahrhaben, dass das Ende der zaristischen Herrschaft unmittelbar bevorsteht und sorgt immer noch für ein Klima der Missgunst, Angst und Gier, als auf der zugefrorenen Leva vor dem Winterpalast eine Nanny der Zarenfamilie und ihr mutmasslicher Liebhaber, ein Gangster aus Chicago (was hat er eigentlich in Russland verloren?) aufgefunden werden. Im Mittelpunkt der Erzählung steht Sandro Ruzsky, nach drei Jahren im sibirischen Exil wieder Chef der Petrograder Mordkommission – ein Mann am Abgrund: Die Ehe mit seiner Frau Irina, die ihn immer wieder betrogen hat, besteht nur noch auf dem Papier, den kleinen gemeinsamen Sohn hält sie von ihm fern, und das Verhältnis zu seinem einflussreichen Vater ist längst gestört, neuerdings auch jenes zu seinem Bruder Dimitri, seit dieser ihm die heiss geliebte Ballerina Maria Popova ausgespannt hat. Zudem fühlt sich Ruzsky bis heute schuldig am Tod seines anderen Bruders, der mit sieben Jahren ertrunken ist. Als zwei weitere Morde geschehen, nimmt ihm der Geheimdienst den Fall aus den Händen, was Ruztsky jedoch nicht davon abhält, zusammen mit seinem Freund und Partner Pawel im Dreck zu wühlen – und einem unerhörten Komplott auf die Spur zu kommen. In seinem vierten Krimi ‚Tod in St. Petersburg‘ ist es Bradby vorzüglich gelungen, die Stimmung in der zerbrechenden Grosstadt einzufangen und eine spannungsgeladene Handlung um vielschichtige Personen zu entwickeln.

Bradbys Meisterwerk ’Der Gott der Dunkelheit’ spielt im brütend heissen Kairo kurz vor Beginn der ersten Schlacht von El Alamein im Juli 1942. Rommels Armee steht vor den Toren der ägyptischen Hauptstadt, die zum Leidwesen eines Grossteil des Volkes seit einigen Monaten unter britischer Herrschaft steht, als die Leiche des „Movement Controllers“ Captain Rupert Smith aufgefunden wird – mit durchschnittener Kehle an einem Baum aufgeknüpft, die Figur von Seth, dem Gott des Chaos und des Verderbens, in die Brust geritzt. Joe Quinn, Leiter der Special Investigation Branch in der Kriminalabteilung der Royal Military Police, ein ehemaliger New Yorker Cop, seit dem ein Jahr zurückliegenden Unfalltod seines kleinen Sohnes mit unbekanntem Täter ein zerrissener und unberechenbarer Mann, leitet die Ermittlungen gemeinsam mit seinem Kollegen und Freund Chief Detective Effat von der Kairoer Polizei, doch die beiden tappen zunächst im Dunkeln. Dann geschehen weitere Morde nach demselbem Muster, Quinn gerät in eine Verschwörung und weiss nicht mehr, wem er trauen kann – nach Effats gewaltsamem Tod vermutlich keinem. ‚Der Gott der Dunkelheit‘: Ein komplexer, mitreissender Politthriller, angesiedelt in einer ungemein plastisch geschilderten Grossstadt, die durch Deserteure, Spione, arabische Terroristen und zwielichtige Geschäftsmänner verseucht ist.

Nachdem Tom Bradby seine belletristische Laufbahn für zehn Jahre aufs Eis gelegt hatte, startete er im Jahre 2019 mit ‚Secret Service‘ die bisher dreiteilige – in der Gegenwart spielende – Serie um Kate Henderson, eine Frau in ihren mittleren Jahren mit vielen Facetten: einfallsreiche und hartnäckige, mit einer gesunden Portion Misstrauen ausgestattete Leiterin der Russland-Abteilung des britischen Geheimdienstes MI6, glücklich mit dem coolen Staatsbeamten Stuart verheiratete Mutter von zwei Kindern und gepeinigt durch eine hinterhältige, halbdemente Mutter, der sie in schwachen Stunden einen baldigen Tod wünscht. Kate hat vor zwanzig Jahren, als sie bereits mit Stuart liiert war, eine Zeitlang in Sankt Petersburg studiert und sich dort in einen Mann namens Sergei Malinski verliebt. Dieser taucht zu Beginn der Erzählung in London auf und versorgt sie mit brisanten Insider-Informationen – Informationen, auf die sie dringend angewiesen ist, als der an Krebs erkrankte Premierminister überraschend zurücktritt und sich daraufhin nicht nur der frauenverschlingende Aussenminister und die attraktive, mit Kates Mann (allzu?) gut befreundete Bildungsministerin, sondern offensichtlich auch ein für die Russen arbeitender, von einem Maulwurf mit dem Decknamen „Viper“ geführter Kandidat um die Nachfolge streiten – oder ist gar einer der beiden offiziellen Kandidaten ein Verräter? Karen kontert, indem sie eine mutige junge Serbin mit russischen Wurzeln in die höchsten Kreise des Moskauer Geheimdienstes einschleust. ‚Secret Service‘, geschickt konstruiert und immer wieder mit verblüffenden Wendungen aufwartend, beleuchtet nicht nur den durch Machtspiele, Paranoia, Intrigen, Verunglimpfung und Verrat gekennzeichneten Geheimdienstalltag, sondern vor allem auch die Mammutaufgabe, das Leben als Ehefrau, Mutter von pubertierenden Sprösslingen und erbitterte Kämpferin in einer gefährlichen, von Männern dominierten Umgebung unter einen Hut zu bringen.

Tom Bradby ist seit 1994 mit der Juwelen-Designerin Claudia Hill-Norton verheiratet. Sie haben drei erwachsene Kinder, Jack, Louisa und Sam, und leben in einem ländlichen Dorf in der südenglischen Grafschaft Hampshire.

Bibliografie:

‚Shadow Dancer‘ – ‚Schattentänzer‘ (1998), ‚The Sleep of the Dead‘ (2001), ‚The Master of Rain‘ – ‚Der Herr des Regens‘ (2002), ‚The White Russian‘ – ‚Die Toten von St. Petersburg‘ (2003), ‚The God of Chaos‘ – ’Der Gott der Dunkelheit’ (2004), ‚Blood Money‘ (2009);

Kate Henderson-Serie: ‚Secret Service‘ – ‚Secret Service: Du kannst keinem trauen‘ (2019), ‚Double Agent‘ (2020), ‚Triple Cross‘ (2021).