Hinweise auf bisher nicht besprochene Kriminalromane von Autoren, die im Blog bereits aufgeführt sind. Die Texte habe ich in angepasster Form in die Autorenporträts eingefügt.

Buddy Giovinazzo: ‚Caution to the Winds‘ – ‚Piss in den Wind‘, 2008

„Meine Geschichte ist eine Geschichte des Wahnsinns“: So beginnt der zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und springende Lebensrückblick des psychisch äusserst labilen 34-jährigen James Gianelli, College-Dozent für Fotografie in einer kalifornischen Küstenstadt. Nach dem gewaltsamen Tod seiner Freundin Karen, die gerade dabei war, ihn zu verlassen (hat er sie in geistiger Umnachtung erwürgt?), entsorgt er die Leiche im Ozean – und verliebt sich kurz danach Hals über Kopf in die wunderschöne Dominique, die eben erst an den Strand gespült worden ist, ermordet mit zahlreichen Messerstichen. Er beginnt eine enge Beziehung mit der Seele der Toten, deren Körper natürlich einzig für ihn sichtbar ist, und unterbreitet ihr seine Vergangenheit – das Aufwachsen an der Seite einer schwer gestörten Mutter, eines schwachen Vaters und seines heiss geliebten älteren Bruders, der als Teenager unter tragischen Umständen ums Leben kam. So richtig in die Bredouille gerät James jedoch erst, als er sich ein zweites Mal verliebt – diesmal in Dominiques quietschfidele achtzehnjährige Schwester Susan -, worauf Dominique in seiner Vorstellung ein aufmüpfiges Eigenleben entwickelt. ‚Piss in den Wind‘, im amerikanischen Original bis heute unveröffentlicht, ist ein irrwitziger, zwischen Wahrheit und Phantasie mäandernder Noir, wie er wohl nur bei PULP MASTER erscheinen kann.

Zum Porträt: Giovinazzo, Buddy

Lawrence Block: ‚Even the Wicked‘ – ‚Im Namen des Volkes‘, 1997

Er nennt sich „Will of the People“, richtet Leute hin, die seiner Ansicht nach längst hinter Gitter gehören, und kündigt seine Taten jeweils im New Yorker Schundblatt ‚Daily News‘ an – der Journalist Marty McGraw ist sein Sprachrohr. Nach einem Kindermörder, einem Mafiaboss, einem militanten Abtreibungsgegner und einem schwarzen, rassistischen Judenhasser steht jetzt Adrian Whitfield, Matt Scudders gelegentlicher Auftraggeber, ein höchst erfolgreicher, durchaus integrer Strafverteidiger, auf Wills Abschussliste. Er bittet den Detektiv um Unterstützung, doch der kann Adrians durch vergifteten Whisky herbeigeführten Tod nicht verhindern. Fast gleichzeitig wird Matts Aids-kranker AA-Kumpel Byron Leopold in einem Park erschossen, ohne dass eine Verbindung zwischen den beiden Todesfällen ersichtlich wäre. Matt wird jedoch hellhörig, als die Autopsie des Anwalts eine weit fortgeschrittene Krebserkrankung zu Tage bringt. Wollte Whitfield ein paar Soziopathen in die ewigen Jagdgründe mitnehmen? Eine verlockende Theorie, die allerdings daran leidet, dass bald schon ein weiterer von Will angedrohter Mord geschieht. Matt lässt sich dadurch jedoch nicht beirren und schafft dank seiner mit Hartnäckigkeit gepaarten Menschenkenntnis das Kunststück, gleich drei (nicht einmal besonders unsympathische) Männer als Mörder zu entlarven. Block erzählt die verwickelte Whodunit-Geschichte in diesem suchterzeugenden ironischen Tonfall, den er wie kein anderer Krimiautor beherrscht, und glänzt wie immer mit seinen kunstvoll eingestreuten „Running gags“. Zudem erläutert er eine besonders fiese Methode, mit Lebensversicherungen einen Haufen Knete abzuräumen.

Zum Porträt: Block, Lawrence

Ross Thomas: ‚Briarpatch‘ – ‚Dornbusch‘ (aka ‚Schutzwall‘), 1984

Felicity Dill, Detective der Mordkommission einer unbenannten Stadt im Südwesten der USA, wird durch eine Autobombe getötet. Ihr gescheiter und charakterfester, exakt zehn Jahre älterer Bruder Ben „Pick“ Dill, der in Washington als Berater des jungen Senators Joseph Ramirez „den Dingen auf den Grund geht“, begibt sich zurück in seine Heimatstadt, um den Täter zu ermitteln – ohne Rücksicht auf Verluste. Nebenbei soll er dort seinem alten Buddy Jake Spivey auf den Zahn fühlen und eine eidesstaatliche Erklärung abluchsen, hat dieser doch unmittelbar nach dem Vietnamkrieg, damals noch als CIA-Agent, mit illegalen Waffengeschäften ein riesiges Vermögen angehäuft. Bei seinen Recherchen entdeckt Ben, dass Felicity in den letzten Monaten weit über ihre Verhältnisse gelebt hat. Er redet mit ihrer schönen Anwältin und Freundin Anna Maud Singe, die wie er davon überzeugt ist, dass Felicity nie im Leben krumme Dinge gedreht hätte, und beginnt mit ihr eine Affäre. Als mit dem geldgierigen Elektonikspezialisten Harold Snow und dem Ex-Cop und jetzigen Privatdetektiv Clay Corcoran zwei Männer aus Felicity naher Umgebung erschossen werden und Zusammenhänge zwischen den Morden und Spiveys Vergangenheit ans Licht kommen, muss Ben sich zwischen seinem Freund und seiner Regierung entscheiden. Die Entscheidung fällt ihm leicht.

Zum Porträt: Thomas, Ross

Gerald Petievich: ‚The Quality of the Informant‘ – ‚Die Informantin‘, 1984

Widersacher der Falschgeldfahnder Charles Carr und Jack Kelly sind diesmal der raffinierte, über Leichen gehende Gangster Paul LaMonica alias Robert French alias Paulie der Drucker – er erlernte das perfekte Fälschen von Banknoten, Schecks und Ausweisen während eines Knastaufenthalts und entwich vor einem Jahr aus dem Hochsicherheitstrakt von Terminal Island – und LaMonicas alter Kumpel Teddy Mora, der die Hollywoodstars mit Kokain und anderem Stoff versorgt. Seine langjährige Informantin Linda Gleason füttert Charly mit Hinweisen auf einen Deal, den der flüchtige Verbrecher gerade anleiert, doch dieser kommt Linda auf die Schliche, serviert sie kurzerhand ab und sucht das Weite – Destination Ensenada im kalifornisch-mexikanischen Grenzgebiet, wo er ein mit perfekten Blütenherstellungs-Utensilien ausgestattetes Haus besitzt und im Handumdrehen Travellerschecks im Wert von einer Million Dollar fabriziert. Die Papiere verhökert er dann für fünfzig Riesen der zuständigen Versicherungsgesellschaft „Travel Checks Incorporated“, damit er endlich in Moras Drogengeschäfte einsteigen kann. Carr und Kelly hat er dabei allerdings nicht auf der Rechnung. Unterstützt durch den rabiaten Polizeichef von Ensenada, treiben die beiden Fahnder den Drucker immer auswegloser in die Enge, bis zum blutigen Showdown im Norden Mexikos. ‚Die Informantin‘, der letzte Band des Vierteilers um die beiden coolen Bundesbeamten Carr und Kelly, besticht durch rasante Actionszenen, trockene, oft sarkastische Dialoge und einprägsam skizzierte Figuren.

Zum Porträt: Petievich, Gerald

D. B. Blettenberg: ‚Falken jagen‘, 2018

Dritter Auftritt (nach ‚Farang‘, 1988, und ‚Berlin Fidschitown‘, 2003) des lizenzlosen eurasischen Privatdetektivs und Auftragskillers Surasak „Farang“ Meier („jemand, der unangenehme Dinge erledigt“), der sich aus Bangkok in den südthailändisches Geburtsort seiner Mutter zurückgezogen hat. Inzwischen Ende fünfzig, ergraut und nicht mehr ganz so schlank wie früher, ist er noch immer voll auf Draht. Da kommt es ihm gerade recht, dass „Ismelda“, die hinterfotzige Tochter seines verstorbenen Ziehvaters und Mentors General Watana ihn beauftragt, einen Mörder mit dem Kampfnamen „Falke“ aufzuspüren, nachdem dieser in Bangkok drei deutsche Männer und einen korrupten griechischen Diplomaten exekutiert hat, und ihn endgültig aus dem Verkehr zu ziehen, bevor er weiteres Unheil anrichten kann. Die Spur führt auf die Ägäis-Insel Leros, wo die deutsche Wehrmacht vor 65 Jahren die Zivilbevölkerung eines Dorfes niedergemetzelt hatte – mit der Mutter des Falken als hilflose dreizehnjährige Zeugin. ‚Falken jagen‘ ist nicht nur ein kunstvoll gebauter, um Schuld und Sühne kreisender Krimi, sondern auch eine Dokumentation von wenig bekannten Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg und eine Liebeserklärung an Leros, die neue Wahlheimat des Autors.

Zum Porträt: Blettenberg, D.B.

Jacques Tardi und Pierre Siniac: ‚L’étrangleur‘ – ‚Das Geheimnis des Würgers‘, 2006

Februar 1959: Generalstreik der Pariser Polizisten, dichter Nebel, beissende Kälte und menschenleere Strassen – ideale Bedingungen für den selbsternannten „Mitternachtswürger“ Valentin Esbirol, gescheiterter Krimiautor und misanthroper Bouquinist. Sein erstes Opfer ist der alte Schauspieler Gaston Malinguet, in den folgenden Nächten sind Lanchois der Blinde, der Handlungsreisende Maurice Blot, der Zeitungsverkäufer Opa Bleuet und schliesslich der Violonist Delboeuleux an der Reihe – ausgewählt scheinbar nach dem Zufallsprinzip und umgebracht stets nach demselben Muster: Der Mörder versetzt den Todgeweihten zuerst in Angst und Schrecken, hypnotisiert ihn ein bisschen, gönnt ihm eine kurze Verschnaufpause und geht ihm dann an die Gurgel, ohne dass er auch nur die geringste Gegenwehr zu gewärtigen hat – so zumindest sieht es aus für den fetten zwölfjährigen Bücherwurm Alphonse, Esbirols Komplizen, der als Zeuge eine wichtige Rolle spielt. In Wahrheit aber zieht der wahre Mörder (oder sind es sogar zwei?) eine Show ab, deren Hintergründe erst ganz am Schluss offenbart werden – allerdings in nicht weniger als acht divergierenden Versionen! Die von Jacques Tardi gewohnt stilsicher in Schwarz-Weiss illustrierte, auf Siniacs 1960 erstveröffentlichtem Krimi ‚Monsieur Cauchemar‘ beruhende Geschichte einer Rache ist zuerst von März bis August 2006 in fünf Folgen als fiktive Zeitschrift ‚L’étrangleur‘ erschienen, ergänzt durch eingeschobene Reportagen über kulturelle, soziale und politische Ereignisse des Jahres 1959.

Zum Porträt des grossen Vergessenen der französischen Kriminalliteratur: Siniac, Pierre