(Pseudonym für Pierre-Mitsos Zakariadis, 1928-2002; schrieb auch als Pierre Signac)

Pierre Siniac wurde als Sohn eines griechischen Schuhmachers und einer französischen Kostümverleiherin in Paris geboren und wuchs als jüngstes von vier Kindern in höchst bescheidenen Verhältnissen auf. Er verliess die Grundschule mit vierzehn und besuchte verschiedene Berufsschulen, blieb jedoch ohne Abschluss. Danach zog er durch Frankreich, hielt sich mit Gelegenheitsarbeiten auf Bauernhöfern über Wasser und verschlang die Bücher von Pierre Véry, Simenon, Poe, Gogol und Céline. Ende der 40er-Jahre leistete er in Deutschland seinen Militärdienst. Es folgte eine längere Zeit bei verschiedenen kleinen Theatertruppen, für die er als Autor, Regisseur, Hilfsdekorateur und administrativ tätig war.

1958 debütierte Siniac als Krimiautor, 1967 machte er das Schreiben zum Hauptberuf. Er verfasste zahlreiche Kurzgeschichten, sieben Romane um das einzigartige Gespann Luj Inferman‘ der Schlawiner und La Cloducque das Monstrum – weder Mann noch Frau -, die zu Fuss durch Frankreich streifen und dem Land den Spiegel vorhalten; sowie 42 Krimis – teilweise in der Zukunft spielende Noir-Grotesken, die er mit wunderschönen Titeln schmückte und mit absurden, fantastischen und philosophischen Elementen versah – und den grossartigen, gemeinsam mit Jacqes Tardi gestalteten Comic-Band ‚Das Geheimnis des Würgers‘, dem der 1960 veröffentlichte, ursprünglich mit dem Pseudonym Pierre Signac gezeichnete Roman ‚Monsieur Cauchemar‘ zugrunde liegt. Die letzten dreissig Jahre seines Lebens verbrachte er zurückgezogen in Aubergenville, einem trostlosen Städtchen vierzig Kilometer westlich von Paris – bis zu ihrem Tod mit seiner Mutter Hélène, danach allein und praktisch ohne Kontakt zur Aussenwelt. Er pflegte jedoch eine intensive Brieffreundschaft mit seinem Bewunderer Jean-Pierre Manchette, der ihm Namen wie Manchemol, Channel-He, Superman…chette oder Grostitre gab.

Pierre Siniac, ein Misanthrop, dem seine Katzen weitaus mehr bedeuteten als die Menschen, starb im März 2002 in seiner Wohnung, die Leiche wurde jedoch erst nach mehreren Wochen von einer Nachbarin entdeckt. Einer seiner Brüder verscherbelte kurz danach die gesamte Hinterlassenschaft für 600 Francs an einen Trödler. Am 20. Juni 2002 veröffentlichte der Pariser Journalist Philippe Lancon unter dem Titel ‚Enquête‘ einen feinfühligen Text über Siniacs Leben und Werk. Im März 2022, in ihrer monatlich erscheinenden Podcast-Serie ‚Abweichendes Verhalten‘, führte die Journalistin Sonja Hartl mit dem Krimiautor Robert Brack ein äusserst informatives und anregendes Gespräch über den grossen Vergessenen der Kriminalliteratur.

Siniac war einer der innovativsten Schöpfer von frankophoner Spannungsliteratur des zwanzigsten Jahrhunderts, seine produktivste Phase erlebte er in den 70er- und 80er-Jahren. Im deutschsprachigen Raum ist er weitgehend unbekannt geblieben, und die drei bei Heyne erschienenen Krimis sind heute selbst antiquarisch kaum mehr greifbar. Wer seine Bücher im Original lesen will, sollte über gute Kenntnisse der französischen Sprache verfügen.

‚Der Unverwüstiliche‘ dreht sich um eine zünftige Intrige. Der abenteuerlustige Sohn eines renommierten Dirigenten stürzt mit seinem kleinen Flugzeug über dem guatemaltekischen Dschungel ab und ist dann nicht mehr auffindbar. Der Maestro hat jedoch einen zweiten – illegitimen, von ihm nie anerkannten – Sohn, und so kommt die ausgekochte Betreuerin des ob seines Verlustes untröstlichen, ja lebensmüden Vaters ins Spiel: Der „falsche Sohn“, von dessen Existenz sie zufällig erfahren hat, soll den Platz des höchst wahrscheinlich toten Halbbruders einnehmen, um später als Alleinerbe dazustehen. Ein raffinierter Plan, der allerdings – wie bei diesem Autor zu erwarten – gründlich in die Hosen geht.

‚Todesreigen‘ spielt auf einer namenlosen, gottverlassenen Pazifikinsel, die bloss aus ein paar hohen Felsen und einem schmalen Strand besteht. Dorthin treffen zwei schiffbrüchige Verbrecher aufeinander – der Amerikaner Burks, der kürzlich einen Polizisten umgelegt hat, mit einem Paket Heroin im Wert von 1.2 Millionen Dollar im Gepück, und der skrupellose französische Abenteurer Sébran mit seiner arg ramponierten Jacht. Die beiden belauern sich Tag und Nacht, intrigieren gegeneinander, wenngleich sie aufeinander angewiesen sind. Wichtige Rollen spielen ein auf dem Inselchen zerschelltes Flugzeug aus dem Zweiten Weltkrieg mit fünf menschlichen Skeletten an Bord und einer tickenden 500-kg-Bombe, die jeden Augenblick explodieren kann, sowie eine Schar gefrässige Haie, die die Insel umkreisen.

‚Ein Mörder kommt, ein Mörder geht‘, einer von Siniacs wenigen Krimis, in dem ein Polizist vorkommt, spielt in Paris. Ausgangspunkt ist das verhängnisvolle Dreiecksverhältnis zwischen Feuillard, dem Direktor der schlüpfrigen Show ‚Paris Porno‘, seiner rechten Hand Mellieras und der verblühenden Schönheit Lise Dolari, Feulliards frühere Partnerin und Geliebte, die jetzt mit Mellieras liiert ist. Am 14. Juli tanzt Feuillard vor mehreren Zeugen mit einer ihm unbekannten rothaarigen Frau auf einem Ball an der Place de la Bastille, während Lise sechzig Kilometer entfernt bestialisch ermordet wird, wobei sämtliche Indizien auf Feuillard als Täter deuten. Inspector Kiéwitz, ein Flic der alten Schule, und der zwielichtige Ex-Polizeispitzel und Ex-Privatdetektiv Givrette, der seine Lizenz verlor, nachdem er sich zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte, nehmen den Verdächtigen gewaltig in die Mangel – und enthüllen ein ungeheuerliches Komplott.

Bibliografie:

‚Les Morfalous‘ (1968), ‚Le Casse-route‘ (1969), ‚La Nuit des Auverpins‘ (auch unter dem Titel ‚La Nuit des flingueurs‘, 1969′), ‚Les Monte-en-l’air sont là‘ (1970), ‚L’Increvable‘ – ‚Der Unverwüstliche‘ (1970), ‚Deux pourris dans l’île‘ – ‚Todesreigen‘ (‚1971), ‚Les Sauveurs suprêmes‘ (1971), ‚Si jamais tu m’entubes‘ (1974), ‚Les Congelés‘ (1974), ‚L’Or des fous‘ (auch unter dem Titel ‚Sous l’aile noire des rapaces‘, 1975), ‚Le Tourbillon‘ (1975), ‚L’Orchestre d’enfer‘ (1977), ‚L’Epinglage‘ (1980), ‚Aime le Maudit‘ (auch unter dem Titel ‚Vampir’s Club‘, 1980), ‚Femmes blafardes‘ (1981), ‚La Câline inspirée‘ (1981), ‚Un assassin, ca va ca vient‘ – ‚Ein Mörder kommt, ein Mörder geht‘ (1981), ‚Comment tuer son meilleur copain‘ (1981), ‚Bazar bizarre‘ (1982), ‚La Tenue léopard‘ (1983), ‚Charenton non-stop‘ (1983), ‚Ras le Casque‘ (1984), ‚Les Enfants du père Eddy‘ (1984), ‚Carton blème‘ (auch unter dem Titel ‚Coupes sombres‘, 1985), ‚L’Affreux joujou‘ (1985), ‚La Femme au cigare‘ (1986), ‚Des amis dans la police‘ (1989), ‚Sombres soirées chez madame Glauque‘ (1989), ‚Mystère en coup de vent‘ (1990), ‚Les Mal-lunés‘ (1995), ‚Démago Story‘ (1996), ‚Ferdinand Céline‘ (1997), ‚Le Mystère de la Sombre Zone‘ (1999), ‚De l’horrifique chez les tarés‘ (2000), ‚Bon cauchemar, les petits‘ (2001), ‚Le Crime du dernier métro‘ (2001), ‚La Course du hanneton dans une ville détruite ou La Corvée de soupe‘ (2006);

Luj Inferman‘ & La Cloducque-Serie: ‚Luj Inferman‘ et La Clodique‘ (1971), ‚Les 401 coups de Luj Inferman“ (1972), ‚Les 5 milliards de Luj Inferman“ (1972), ‚Lij Inferman‘ dans la jungle des villes‘ (1979), ‚Pas d’ortolans pour La Cloducque‘ (1979), ‚Lui Inferman‘ chez les poulets‘ (1980), ‚Luj Inferman‘ ou Macadam-Clodo‘ (1982).

Als Pierre Signac: ‚Illégitime défense‘ (1958), ‚Bonjour cauchemar‘ (1959), ‚Monsieur cauchemar‘ (auch unter dem Titel ‚Le miroir obscur‘, 1960).