Susanne Tägder: Die Farbe des Schattens (Tropen, 2025)

‚Die Farbe des Schattens‘ spielt drei Monate nach Susanne Tägders erstem Krimi ‚Die Farbe des Wassers‘. Im Mittelpunkt steht wieder der feinfühlige, melancholische Hauptkommissar Arno Groth von der fiktiven Polizeiwache Wechtershagen in Mecklenburg. Der elfjährige Matti Beck ist verschwunden, einige Tage später wird seine Leiche im Keller eines leerstehenden Blocks in einer Plattenbausiedlung aufgefunden. Die Ermittlungen verlaufen im Sand, bis der versoffene Hilfshauswart Karl die Tat gesteht, doch Groth ist sich sicher, dass sie mit ihm den falschen Mann verhaftet haben. Erst recht, als er erfährt, dass vor sechs Jahren in der Nähe ein ähnliches, ungeklärtes Verbrechen verübt worden ist, und als Karl sein Geständnis am folgenden Tage widerruft. Sorgfältig und detailreich, in bildhaftem Stil beschreibt Tägder die Polizeiarbeit des kleinen, schlecht ausgerüsteten Teams und den Alltag in der heruntergekommenen, von Arbeitslosigkeit, häuslicher Gewalt und brauner Gesinnung geprägten ostdeutschen Gemeinde.

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Jerome Charyn: Ravage & Son (2023) – Ravage & Son (Suhrkamp, 2025)

Jerome Charyn war bereits 86-jährig, als er 2023, sechs Jahre nach dem letzten Band seiner legendären Isaac Sidel-Serie, den historischen Thriller ‚Ravage & Son‘ herausbrachte. Ein furioser Mix aus Sittengemälde, Entwicklungsroman und Noir-Dram mit schillernden Figuren, angesiedelt im jüdischen Ghetto an der Lower East Side, Manhattan, zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Im Brennpunkt stehen der einflussreiche Immobilienspekulant, Frauenheld und Harembesitzer Lionel Ravage und sein ausserehelicher, in scheusslichen Waisenhäusern aufgewachsener Sohn Benjamin „Ben“ Ravage – eine der wenigen Lichtfiguren der Geschichte. Protegiert durch den Sozialisten Abe Cahan, Chefredakteur der angesehenen Zeitung ‚Jewish Daily Forward‘, wird der charakterfeste, intelligente junge Mann nach abgeschlossenem Jurastudium Detektiv für die Kehillah, eine Privatpolizei, die einflussreiche jüdische Geschäftsleute unterstützt. In dieser Funktion soll er einem durchgeknallten Serientäter, der junge Prostituierte attackiert, das Handwerk legen. Wichtige Rollen spielen Bens grosse Liebe Clara Karp, eine charismatische Schauspielerin russischer Herkunft; der ex-Gangster Monk Eastman, der mit seinen rabiaten Kanarienvögeln Ben beschützt; Moses Brill, Hehler, Zuhälter und Leiter einer Schule für Taschendiebe; Marcus Mendelssohn, Chefermittler und Spion des jüdischen Geheimdienstes ‚Bureau of Social Morals‘; und natürlich auch das durch Hunger, Tuberkulose, organisierte Kriminalität und korrupte Gesetzeshüter verseuchte New Yorker Viertel.

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Pascal Carnier: La Solution esquimau (2006) – Die Eskimo-Lösung (Septime, 2025)

Pascal Garniers erster Roman ‚Die Eskimo-Lösung‘ handelt von einem abgebrannten vierzigjährigen Mann namens Louis, der seine Mutter umbringt, damit er an ihr Erbe gelangt. Dabei kommt er auf den Geschmack des Mordens – und tötet reihenweise die Eltern von Bekannten, denen er damit das Leben erleichtern will. Louis ist eine fiktive Figur. Erfunden von einem namenlosen Kinderbuchautor, der sich mit dem Vorschuss seiner Verlegerin an die nordfranzösische Küste zurückgezogen hat, um erstmals einen Krimi zu verfassen. Seine Freundin Hélène hat er in Paris zurückgelassen. Als Hélènes lebenslustige sechzehnjährige Tochter Nathalie und kurz danach sein einziger Freund Christophe im Ferienhäuschen auftauchen, gerät Louis‘ Leben vollends aus den Fugen. ‚Die Eskimolösung‘ – der Titel bezieht sich auf den Brauch der Inuit, ihre Altvorderen auf eine Eisscholle zu setzen und ins Jenseits treiben zu lassen, wenn ihre Zeit auf Erden abgelaufen ist – ist eine bitterböse, tiefschwarze, mit hochkomischen Passagen garnierte Erzählung.

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Percival Everett: Dr. No (2022) – Dr. No (Hanser, 2025)

Die Agententhriller-Persiflage ‚Dr. No‘ ist ein Feuerwerk aus Wortwitz, Slapstick und skurrilen Dialogen, gespickt mit philosophischen und mathematischen Gedankenspielen, sozialpolitischen Verweisen und herrlichen Pointen. Im Mittelpunkt stehen der milliardenschwere schwarze „Superschurke“ John Milton Bradley Sill, der renommierte, weltfremde, ebenfalls schwarze Mathematik-Professor und „Spezialist für das Nichts“ Ralph Townsend, aka Wala Kitu (Wala ist Tagalog für nichts, Kitu ist Suaheli für nichts), Kitus junge Kollegin Eigen Vector und Kitus enger Vertrauter und bester Freund Trigo – ein einbeiniger Hund, den er aus einem Tierheim gerettet hat. Sill, Sohn eines von weissen Männern ermordeten Clubbesitzers, hat Grosses vor: „Amerika wieder zu nichts machen. Dieser fette Clown wird endlich das Nichts sein, das er schon immer ist. Ich habe es gehasst, jahrelang in seinen orangenen Arsch kriechen zu müssen.“ Zu diesem Zweck will er Fort Knox ausrauben, denn dort befindet sich nicht nur die Goldreserve, sondern auch eine Schachtel, die das pure Nichts enthält. Gegen ein Honorar von drei Millionen Dollar sollen Wala Kitu und Eigen Vector ihm diesen Wunsch erfüllen.

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Martin von Arndt: Der Wortschatz des Todes (ars vivendi, 2025)

Mit Irina Starilenko hat Martin von Arndt eine faszinierende Figur in die Spannungsliteratur gebracht. Den Hintergrund seines Romans ‚Der Wortschatz des Todes‘ bildet die Geschichte der Ukraine in den letzten hundert Jahren: Der Genozid „Holodomor“ (ukrainisch für „Tötung durch Hunger“) 1932/33, als durch die Industrialisierung der sowjetischen Wirtschaft rund 4 Millionen Ukrainer ums Leben kamen; die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986; das Massaker auf dem Kiewer Maidan an Demonstranten, die am 20.Februar 2014 für die Annäherung der Ukraine an die EU kämpften; und der russische Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022.

Irina, 37-jährige Tochter eines Strahlenmediziners, der an den Spätfolgen des Reaktorunfalls von Tschernobyl qualvoll gestorben war, quittierte vor wenigen Wochen aus privaten Gründen ihren Job als BKA-Ermittlerin und möchte jetzt an der Nordsee als Wirtschaftsdetektivin Fuss fassen. Die kompromisslose, kampfsportgestählte, über einsachtzig grosse intergeschlechtliche Frau wird von ihrem jüngeren Bruder Konstantin gebeten, einem befreundeten ukrainischen Flüchtling zu helfen, der fälschlicherweise des Mordes an einem polnischen Geschäftsmann verdächtigt wird. Bald stellt sich heraus, dass das Opfer kein Pole, sondern ein Russe war. Und dass die Mordwaffe 1979 bei einem Banküberfall der RAF eingesetzt worden war. Martin von Arndt entwickelt daraus eine fesselnde Mélange aus Politthriller und Geschichtslektion. Falsche Fährten, überraschende Wendungen und schnelle Szenenwechsel halten das Tempo hoch.

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Mark SaFranko: Dear Professor Romance (2022) – Dear Professor Romance (pulp master, 2025)

Dough Guthrie, ein alleinstehender trockener Alkoholiker Anfang sechzig, betreibt seit sieben Jahren höchst erfolgreich die Beziehungsberatungs-Webseite „Professor Romance“, seine demente Mutter hat er in einem Pflegeheim untergebracht. Der Autor Lance Bertovich, verheirateter Vater eines kleinen Jungen, liefert ihm jede Woche einen Text für die verzweifelte Kundschaft dazu. Einer von ihnen ist Norman Bright ein kleinwüchsiger, unscheinbarer Angestellter ohne sexuelle Erfahrung, der bei seinen linkischen Bemühungen, seine attraktive Arbeitskollegin Cynthia zu erobern, auf Granit stösst, obwohl er die Anleitungen des Professors minuziös befolgt. Die drei sich als Erzähler abwechselnden Protagonisten eint die Sehnsucht nach einer erfüllenden Beziehung mit einer Frau, doch bald ist klar, dass keinem von ihnen Glück widerfahren wird. DiFranko erzählt die lose an Nathanel Wests Roman ‚Miss Lonelyhearts‘ angelehnte Geschichte mit einer gehörigen Portion teils trockenen, teils bissigen Humors, streut immer wieder hochkomische Szenen ein – und am Schluss fliegen die Fetzen. ‚Dear Professor Romance‘: eine Höllenfahrt auf dem Schlachtfeld der Liebe.

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Dave Zeltserman: Murder Club (2018, unveröffentlicht) – Alles endet hier (pulp master, 2026)

Dem Ich-Erzähler Dan Selby droht der finanzielle Ruin, als sein skrupelloser Geschäftspartner – und einst bester Freund – Warren Costas alles daransetzt, das vor kurzem gemeinsam gegründete Software-Startup aus gekränkter Eitelkeit zu vernichten. Da kommt sein alter Kumpel Marat Baranovsky mit dem Vorschlag auf Dan zu, das Desaster auf „russische Art“ abzuwenden: ein aus Russland eingeflogener Killer soll es richten. Ein Pakt mit dem Teufel, auf den Dan sich ohne Wissen seiner rechtschaffenen Frau einlässt. Nach Warrens als Verkehrsunfall mit Fahrerflucht getarnter Ermordung entwickeln sich die Geschäfte viel schneller, als Dan dies erwartet hat. Doch bald ziehen dunkle Wolken auf. Die Schlinge um seinen Hals zieht sich zu – und Dan kann seine soziopathischen Neigungen nun nicht mehr verbergen, „und zwar nicht nur vor anderen Menschen. sondern auch vor mir selbst“. ‚Alles endet hier‘ ist eine grossartig gestaltete, ungemein düstere Geschichte, mit der Zeltserman unserer kalten, gewinnsüchtigen Gesellschaft den Spiegel vorhält.

Zum Porträt: Zeltserman, Dave