(1949-2010)
Pascal Garnier kam im 14. Arrondissement von Paris zur Welt. Mit fünfzehn verliess er die Schule und reiste zehn Jahre durch die Welt. Zurück in Frankreich versuchte er sich als Rockmusiker und verrichtete Gelegenheitsjobs, bis er mit 35 Jahren zu schreiben begann. Nach langem Aufenthalt in Lyon liess er sich in Cornas, einem kleinen Dorf im Departement Ardèche, nieder, wo er Jugendbücher und Noir-Romane verfasste. Er starb mit sechzig an Krebs. Im deutschsprachigen Raum erscheinen Garniers Bücher seit 2023 in dem kleinen Wiener Verlag Septime, elegant übersetzt durch Felix Mayer.
Pascal Garniers erster Roman ‚Die Eskimo-Lösung‘ handelt von einem abgebrannten vierzigjährigen Mann namens Louis, der seine Mutter umbringt, damit er an ihr Erbe gelangt. Dabei kommt er auf den Geschmack des Mordens – und tötet reihenweise die Eltern von Bekannten, denen er damit das Leben erleichtern will. Louis ist eine fiktive Figur. Erfunden von einem namenlosen Kinderbuchautor, der sich mit dem Vorschuss seiner Verlegerin an die nordfranzösische Küste zurückgezogen hat, um erstmals einen Krimi zu verfassen. Seine Freundin Hélène hat er in Paris zurückgelassen. Als Hélènes lebenslustige sechzehnjährige Tochter Nathalie und kurz danach sein einziger Freund Christophe im Ferienhäuschen auftauchen, gerät Louis‘ Leben vollends aus den Fugen. ‚Die Eskimolösung‘ – der Titel bezieht sich auf den Brauch der Inuit, ihre Altvorderen auf eine Eisscholle zu setzen und ins Jenseits treiben zu lassen, wenn ihre Zeit auf Erden abgelaufen ist – ist eine bitterböse, tiefschwarze, mit hochkomischen Passagen garnierte Erzählung.
Auf hundertdreissig Seiten schildert Garnier in seinem zweiten Krimi ‚Der Beifahrer‘ das Leben des lethargischen Mittvierzigers Fabien, der in Paris mit Sylvie eine eintönig gewordene Ehe führt. Ausgangspunkt der Geschichte ist ein merkwürdiger Verkehrsunfall im Burgund, dem Sylvie und ihr Liebhaber Martial, von dessen Existenz Fabien bisher keine Kenntnis hatte, zum Opfer fallen. Als Fabien im Leichenschauhaus zufällig auf Martine, die Witwe des Verunglückten, trifft, kommt er auf die bizarre Idee, sich für Sylvies Seitensprung zu revanchieren, indem er mit Martine eine Affäre beginnt – nicht ahnend, dass Martines beste Freundin Madelaine früher mit Martial verheiratet war. Vor diesem Hintergrund entwickelt der Autor eine bitterböse Geschichte, die sich durch unerwartete Wendungen, messerscharfe Dialoge und komische Szenen auszeichnet.
In ‚Die Insel‘ reist Olivier, ein verheirateter, seit einigen Jahren trockener Alkoholiker um die vierzig, drei Tage vor Weihnachten nach Versailles, wo seine Mutter soeben gestorben ist. Dort trifft er auf die Nachbarin seiner Mutter, die Lehrerin Jeanne. Sie ist seine Jugendliebe, mit der ihn ein schreckliches Geheimnis verbindet. Vor 25 Jahren haben sie sich letztmals gesehen. Jeanne teilt sich die Wohnung mit ihrem blinden Bruder Rodolphe, einem zynischen, fettleibigen Widerling. Der bringt den obdachlosen Säufer Roland für die Weihnachtsfeier nachhause, um seiner Schwester, deren Geheimnis er kennt, das Fest zu versauen. Schnaps und Wein fliesst gleich in Strömen. Zwischen Jeanne und Olivier, der schnell wieder dem Alkohol verfällt, entflammt eine groteske amour fou, die sie davon träumen lässt, auf einer imaginären Insel den Rest ihres Lebens miteinander zu verbringen. Am nächsten Morgen liegt Roland erwürgt in der Badewanne.
‚An der A26‘ gehört zu den härtesten Romanen der neueren Zeit. Hundertzehn Seiten tiefschwarze Nacht. Die monströsen, in einer zerstörerischen Beziehung gefangenen Geschwister Bernard und Yolande leben seit über vierzig Jahren in einer zugemüllten und von Ratten wimmelnden Bruchbude in einem trostlosen nordfranzösischen Landstrich, wo die von Calais nach Troyes führende Autobahn A26 erbaut wird. Yolande wurde 1945 von den Einheimischen kahlgeschoren, nachdem sie sich im Krieg mit einem deutschen Besatzungssoldaten vergnügt hatte. Seither hat sie das düstere Haus nicht mehr verlassen. Und allmählich den Verstand verloren. Ihr Bruder, ein ehemaliger Eisenbahner, ist unheilbar an Krebs erkrankt und hat nur noch wenige Monate zu leben. Tagsüber kümmert er sich um seine Schwester. Nachts treibt er sich in den Kneipen und auf der Strasse herum. Dabei entdeckt er seine Lust am Töten. Die Leichen entsorgt er in der A26-Baustelle. Bernard hat nichts mehr zu verlieren. Dann liegt er tot in seinem Bett, und Yolande verfällt endgültig dem Wahnsinn.
‚Zu nah am Abgrund‘ spielt in einer spärlich besiedelten Gegend der Ardèche. Ausgangspunkt ist die unverhoffte Begegnung zweier gegensätzlicher Figuren. Eliette, seit zehn Jahren verwitwet, eine attraktive, lebensfrohe, jedoch vereinsamte Frau um die sechzig, trifft am Rand einer Bergstrasse zufällig auf den etwa zwanzig Jahre jüngeren Etienne – ein charmanter Bursche mit bewegter Vergangenheit. Erfüllt von Verlangen nach Zärtlichkeit und körperlicher Nähe, nimmt sie ihn bei sich auf. Am folgenden Tag steht Etiennes Tochter mit einem Koffer voller Kokain vor der Tür. Kurz danach stürmt ein benachbarter Bauer, der schon lange scharf auf Eliette ist, mit einem Gewehr in ihr Haus und richtet beim Versuch, sie zu vergewaltigen, ein Blutbad an. Eliettes kleine, idyllische Welt zerschellt.
Bibliografie:
‚La Solution esquimau‘ – ‚Die Eskimo-Lösung (1996), ‚La Place du mort‘ – ‚Der Beifahrer‘ (1997), ‚Les Insulaires‘ – ‚Die Insel‘ (1998), ‚L’A26‘ – ‚An der A26‘ (1999),‚Trop Près du bord‘ – ‚Zu nah am Abgrund‘ (1999), ‚Chambre 12‘ (2000), ‚Nul n’est à l’abri du succès‘ (2001), ‚Les nuisibles‘ (2002), ‚Les Hauts du bas‘ (2003), ‚Parenthèse‘ (2004), ‚Flux‘ (2005), ‚Comment va la douleur‘ (2006), ‚La Théorie du panda‘ (2008), ‚Lune captive dans un oeil mort‘ – ‚Mond gefangen in einem toten Auge‘ (2009), ‚Le Grand loin‘ (2010), ‚Cartons‘ (2012).
Danke für die Vorstellung. Ein Grund für mich, das Werk von Garnier kennenzulernen.
Weitere deutsche Übersetzungen sind geplant, ‚Die insel‘ (Les Insulaires‘) wird in den nächsten Tagen erscheinen.