(1875-1940)
Der britische Schriftsteller, Geheimagent, Diplomat und Politiker John Buchan führte ein höchst abwechslungsreiches Leben. Im Nachwort zu dem 2022 bei Elsinor erschienenen Frühwerk ‚Der Übermensch‘ beschreibt der Herausgeber Martin Compart kenntnisreich den Lebenslauf und die Bedeutung des im deutschsprachigen Raum etwas in Vergessenheit geratenen Autors. Hier einige Eckdaten: Geboren in der schottischen Grafschaft Peeblesshire als Sohn eines presbyterianischen Vikars, studierte John Buchan Jura in Glasgow und Oxford. Im Ersten Weltkrieg war er Times-Korrespondent in Frankreich und später Chef des britischen Geheimdienstes. Nach dem Krieg wandte sich der Tory-Anhänger der Politik zu. 1935 liess er sich in Montral nieder, wurde zum First Baron Tweedsmuir of Eisfield ernannt und amtete bis zu seinem Tod als Generalgouverneur von Kanada. Er erlag 64-jährig einem Hirnschlag und hinterliess seine Frau und vier Kinder. Sein Werk enthält 29 Romane (Thriller, Abenteuerromane, historische Romane), 2 Geschichten-Sammlungen, 4 Lyrik-Bände, 42 Sachbücher und 10 Biografien.
‚Der Übermensch‘ spielt im London des Sommers 1913. Es ist die Geschichte einer gigantischen Verschwörung, die das Ende der Zivilisation herbeiführen könnte. Der junge Anwalt und Tory-Parlamentarier Edward Leithen, ein glühender Patriot, erzählt sie. Der Roman beginnt mit der unerklärlichen Flucht seines wohlhabenden, abenteuerlustigen Freundes Charles Pitt-Herron in Richtung Osten, worauf sich Tommy Deloraine – Cousin von Charles Frau und Edwards engster Freund – auf dessen Suche begibt, während Edward in London die Stellung hält und bei seinen Recherchen auf das „Power-House“ stösst, eine Vereinigung skrupelloser, hochintelligenter Männer mit Andrew Lumley als Mastermind. Edward wird beschattet und bedroht, denkt aber nicht daran, klein beizugeben. Er zieht den impulsiven Labour-Politiker Chapman als Verstärkung hinzu und stellt sich seinem diabolischen Widersacher mit kämpferischen Worten entgegen.
Buchans berühmtester Roman, ‚Die neununddreissig Stufen‘, Teil 1 der Richard Hannay-Serie, wurde 1935 von Alfred Hitchcock unter dem Titel ‚The 39 Steps‘ ziemlich frei verfilmt. Die Mischung aus Politthriller, Spionage- und Abenteuerroman stiess damals auf grosse Resonanz. Der Ich-Erzähler Richard „Dick“ Hannay lebt seit kurzem in London, nachdem er viele Jahre als Bergbauingenieur in Rhodesien verbracht hatte. Eines Abends im Mai 1914 unterbreitet ihm sein amerikanischer Nachbar Scudder eine wilde Geschichte: Er habe Wind von einem Komplott bekommen, dessen Ziel es sei, den griechischen Premierminister am 15. Juni in London zu ermorden und damit einen grossen Krieg auszulösen. Hannay soll ihn bis dahin in seiner Wohnung verstecken. Doch schon am nächsten Tag findet Hannay Scudders Leiche mit einem Messer im Rücken vor. Er beschliesst, die Stelle des Toten einzunehmen und bis zum Attentat in Schottland abzutauchen. Dort gelingt es ihm, den Code von Scudders Notizen zu entschlüsseln, wonach eine deutsche Agentengruppe an die britischen Kriegspläne gelagen will – die Begriffe „Neununddreissig Stufen“ und „Flut um 10:17 Uhr“ müssen ihm als Hinweise genügen. Als Hannay kurz darauf von den Deutschen aufgespürt wird, beginnt eine atemlose Hetzjagd durch das kaum besiedelte – von Buchan anschaulich beschriebene – schottische Heide- und Moorland.
‚Grünmantel‘ beginnt im November 1915. Richard Hannay, frisch gebackener Major, und sein Freund, der Verkleidungskünstler Sandy Arbuthnot, haben sich von den Verletzungen, die sie sich in der Schlacht von Loos zugezogen hatten, einigermassen erholt, als ein hoher britischer Geheimagent mit einem brandgefährlichen Auftrag an sie herantritt. Ihm ist nämlich zu Ohren gekommen, dass die Deutschen und ihre osmanischen Verbündeten einen muslimischen Aufstand planen, der den Nahen Osten, Nordafrika und Indien in Aufruhr versetzt, ein mysteriöser Prophet mit dem Decknamen Grünmantel soll ihr „Oberster Führer“ sein. Hannays und Sandys Aufgabe besteht nun darin, den Propheten aufzuspüren und aus dem Weg zu räumen, der abgebrühte amerikanische Spion John S. Blenkiron und Hannays früherer Kriegskamerad Pieter Pienaar, ein erstklassiger Schütze und Pilot, sollen ihnen zur Hand gehen. Der stiernackige deutsche Offizier Ulrich von Stumm als Schlächter und die teuflische Schönheit Hilda von Einem als Mastermind sind die härtesten Widersacher der vierköpfigen Gruppe. Ziel der überaus gefährlichen – von Buchan detailverliebt beschriebenen – Expedition ist Erzurum im Osten des Osmanischen Reichs, wo es zu einem spektakulären Finale kommt. ‚Grünmantel‘, eine etwas zähe Mischung aus Abenteuer- und Spionageroman, gefällt mit farbigen Reiseschilderungen, während die Figuren allzu klischeehaft gezeichnet sind.
‚Mr. Standfast oder Im Westen was Neues‘ schliesst zeitlich an ‚Grünmantel‘ an – wir stehen im vierten Jahr des Ersten Weltkriegs. Richard Hannay, inzwischen zum Brigadegeneral aufgestiegen, soll wieder einmal einen deutschen Spionagering ausheben. Getarnt als südafrikanischer Gentleman, der in England seinen Urlaub verbringt, wird er in eine pazifistische Künstlerkolonie eingeschleust, weil die Briten dort einen hochkarätigen deutschen Spion vermuten. Schnell findet Hannay heraus, dass es sich bei diesem um einen alten Bekannten handelt: um den Mann, der vier Jahre zuvor, in ‚Die neununddreissig Stufen‘, sein gefährlichster Gegner war, jedoch unter anderer Identität. Eine atemberaubende Jagd auf englischem und schottischem, später auch auf französischem und schweizerischem Boden nimmt ihren Lauf. Dabei verliebt Hannay sich in die kluge, erst 19-jährige britische Agentin Mary, die einen entscheidenden Beitrag zum Erfolg der Mission leistet – und kurz nach dem Krieg seine Frau wird. Auch John S. Blenkiron und Peter Pienaar sind wieder mit von der Partie. Der spektakuläre Showdown findet im Sommer 1918 an der nordfranzösischen Westfront statt.
‚Die drei Geiseln‘, angesiedelt in den Wirren der Nachkriegszeit, sorgt trotz des hanebüchenen Plots für erfreuliche Lesestunden – grossartig beschriebene Charaktere, tiefsinnige Gespräche und Buchans feiner Humor sind dafür besorgt. Die Geschichte dreht sich um ein Komplott, das den Finanzmarkt in Europa massiv destabilisieren könnte, angezettelt von dem genialen Propagandisten und Manipulator Dominick Medina und seinem kriminellen Syndikat. Um seine Ziele zu erreichen, hat Medina die Kinder von drei einflussreichen Persönlichkeiten entführt und als Geiseln genommen. Die Zeit drängt, Dick Hannay, als glücklich verheirateter Vater eines kleinen Knaben dem Ruhestand frönend, ist die letzte Hoffnung, nachdem Scotland Yard kläglich gescheitert ist. Mit wertvoller Unterstützung von seiner Frau Mary und seinem aus ‚Grünmantel bekannten Freund Sandy Arbuthnot, nimmt Hannay die Herausforderung an. Das Finale in einsamer Bergwelt ist atemberaubend.
Bibliografie:
Richard Hannay-Romane:
‚The Thirty-Nine Steps‘ (auch unter dem Titel ‚The 39 Steps‘) – ‚Die neununddreissig Stufen‘ (1915), ‚Greenmantle‘ – ‚Grünmantel‘ (1916), ‚Mr Standfast‘ – ‚Mr. Standfast, oder im Westen was Neues‘ (1918), ‚The Three Hostages‘ – ‚Die drei Geiseln‘ (1924), ‚The Courts of the Morning‘ (1929, mit Hannay in einer kleinen Rolle), ‚The Island of Sheep‘ (auch unter dem Titel ‚The Man from the Norlands‘) – ‚Das Tablett aus Jade‘ (1936);
Edward Leithen-Romane:
‚The Power-House‘ – ‚Der Übermensch‘ (1916), ‚John Macnab‘ (1925), ‚The Dancing Floor‘ (1926), ‚The Gap in the Curtain‘ (1932), ‚Sick Heart River‘ (1941);
Dickson McCunn-Romane:
‚Huntingtower‘ (1922), ‚Castle Gay‘ (1930), ‚The House of the Four Winds‘ (1935);
Standalone: ‚A Prince of Captivity‘ (1933).
Vor genau 50 Jahren habe ich „Die neununddreißig Stufen“ zu ersten Mal gelesen. es erschien 1975 in der schwarz-gelben Diogenes-Reihe als Taschenbuch. Inzwischen las ich es mehrmals, sah die Hitchcock-Verfilmung, eine Theaterversion.
Bis heute fasziniert mich die Story noch immer.
Vielen Dank für die Vorstellung der weiteren Richard Hannay-Romane!