Hinweise auf bisher nicht vorgestellte Krimis von Autoren, die im Blog bereits aufgeführt sind
Pascal Garnier: Les Insulaires (1998) – Die Insel (2025, Septime Verlag)
Olivier, ein verheirateter, seit einigen Jahren trockener Alkoholiker um die vierzig, reist drei Tage vor Weihnachten nach Versailles, wo seine Mutter soeben gestorben ist. Dort trifft er auf die Nachbarin seiner Mutter, die Lehrerin Jeanne. Sie ist seine Jugendliebe, mit der ihn ein schreckliches Geheimnis verbindet. Vor 25 Jahren haben sie sich letztmals gesehen. Jeanne teilt sich die Wohnung mit ihrem blinden Bruder Rodolphe, einem zynischen, fettleibigen Widerling. Der bringt den obdachlosen Säufer Roland für die Weihnachtsfeier nachhause, um seiner Schwester, deren Geheimnis er kennt, das Fest zu versauen. Schnaps und Wein fliesst gleich in Strömen. Zwischen Jeanne und Olivier, der schnell wieder dem Alkohol verfällt, entflammt eine groteske amour fou, die sie davon träumen lässt, auf einer imaginären Insel den Rest ihres Lebens miteinander zu verbringen. Am nächsten Morgen liegt Roland erwürgt in der Badewanne.
Zum Porträt: Garnier, Pascal
Laurence Shames: Virgin Heat (1997) – Virgin Heat (1999, Europa Verlag)
Familientreffen auf Key West. Der Barkeeper und Ex-Mafioso Sal Matucci führt hier ein geruhsames Leben in einem Zeugenschutzprogramm mit einem neuen Gesicht und dem neuen Namen Ziggy Maxx, seit er vor zehn Jahren in New York seinen Capo Paulie Amaro in die Pfanne gehauen hat. Paulies hübsche, sanftmütige Tochter Angelina hatte sich damals unsterblich in Sal verliebt. Als sie ihn jetzt in einem Ferienvideo ihres Lieblingsonkels Louie, dem einzigen rechtschaffenen Mann des Amaro-Clans, erkennt, reist sie Hals über Kopf auf die Insel. Louie folgt ihr wenig später, und auch Paulie, der soeben seine neunjährige Gefängnisstrafe verbüsst hat, erscheint geschäftehalber auf den Keys, während seine Brüder Joe und Al in New York die Stellung halten. Louies autoritäre Gattin Rosie, Angelinas schwuler Schutzengel Michael, der auf Ziggy angesetzte FBI-Agent Keith McCullough und einige hiesige Waffenhändler runden das exquisite Ensemble ab, um das der Autor einen saukomischen Plot entwickelt.
Zum Porträt: Shames, Laurence
Jake Hinkson: Find Him (2022) – Die Tochter des Predigers (2025, Polar Verlag)
Das rührende, mutige Gespann Lily Stevens (kluge, eigensinnige 18-jährige Tochter eines Pfingstpredigers und einer bigotten Mutter, im fünften Monat schwanger) und ihr Onkel Allan Woodson (ein grundanständiger, von seiner Familie verstossener schwuler Hüne Anfang vierzig) bilden den Kern der düsteren, um Menschenhandel und Zwangsprostitution kreisenden Geschichte. Sie beginnt damit, dass Lilys Freund Peter Cutchin, von dem sie schwanger ist, wenige Tage vor der geplanten Hochzeit spurlos verschwindet. Ist er mit einer anderen Frau weggelaufen? Oder in eine üble Sache verstrickt? Lily und ihr Onkel machen sich auf die Suche nach ihm und kommen im Grenzgebiet zwischen Arkansas und Tennessee einer vor nichts zurückschreckenden Gang auf die Spur. ‚Die Tochter des Predigers‘: Ein grandioser, brillant übersetzter, mit staubtrockenen Dialogen gespickter Noir.
Zum Porträt: Hinkson, Jake
Les Edgerton: The Genuine, Imitation, Plastic Kidnapping (2014) – Das grenzgeniale Pseudo-Kidnapping (2025, PULP MASTER)
Der spielsüchtige, hochverschuldete Ex-Baseball-Profi Pete Halliday steht als redseliger Ich-Erzähler im Mittelpunkt der Pulp-Groteske ‚Das grenzgeniale Pseudokidnapping‘. Als er seine Sportkarriere wegen illegaler Wetten beenden muss, verdrückt er sich für einen Neuanfang nach New Orleans. Er tut sich mit dem Ganoven Tommy LeClerc zusammen, einem grossspurigen Cajun, von dem er sagt, dass er, was sein kriminelles Geschick betraf, „so hell war wie eine 15-Watt-Birne mit Fliegenschiss drauf.“ Doch Tommy schmiedet einen mit Gradlinigkeit brillierenden Plan: Ein Supermarktleiter soll unter Tommys Aufsicht den Safe seines Ladens leeren und den Inhalt ihm dann übergeben, falls er seine von Pete festgehaltene Gattin heil zurückhaben will. Was Tommy nicht weiss: Das Schicksal seiner Frau lässt den Marktleiter kalt. Zudem erweist sich der Supermarkt als Geldwaschanlage der Mafia, deren Killer sich jetzt an ihre Fersen heftet. In dieser verzwickten Situation hat Superhirn Tommy eine neue Idee: Den König der Cajun-Mafia, Charles Lacy Deneuvé, kidnappen, ihm eine Hand absägen und gegen ein Lösegeld von zwei Millionen zurückgeben, damit er sie wieder annähen lassen kann. Nach ausgiebigem Werweissen lässt sich Pete von seinem Kumpel ein weiteres Mal breitschlagen.
Zum Porträt: Edgerton, Les
Ross Thomas: The Seersucker Whipsaw (1967) – Stimmfang. Ein afrikanischer Wahlkampf (2025, Alexander Verlag)
„Die Bilder zeigten Shartelle als Mann mit einem Gesicht in der Form eines verbeulten Herzens. Sein Kinn endete in einer groben Spitze, über die sich ein breiter Mund zog. Seine Nase war auf der richtigen Spur, bis sie etwas die Hälfte der vorgesehenen Strecke zurückgelegt hatte, wo sie dann leicht nach links abbog. Falls das Gesicht überhaupt etwas verriet, dann eine Art amüsierter Besorgnis, die noch nicht zynisch war, aber kurz davor.“ Clint Shartelle ist der politische Stratege, den der PR-Mann Peter Upshaw anheuert, damit Chief Akomolo die Wahl zum Premier von Albertia gewinnt, wenn das fiktive, rohstoffreiche und damit Begehrlichkeiten weckende Land am nächsten Labour Day die Unabhängigkeit erlangt. Das Buch basiert darauf, was Ross Thomas 1960/61 als Wahlkampforganisator in dem gerade unabhängig gewordenen Nigeria erlebt hat. Ärgster Widersacher der ausgebufften Amerikaner Upshaw und Shartelle ist die CIA, die mit dreckigen Tricks daran arbeitet, ihren eigenen Kandidaten an die Macht zu bringen. Doch Shartelle hat noch ein Ass im Ärmel.
Mit diesem Roman hat der kleine, unabhängige Alexander Verlag die 25-bändige Werkausgabe des 1995 gestorbenen Ausnahmeautors Ross Thomas abgeschlossen. Eine verlegerische Grosstat!
Zum Porträt: Thomas, Ross
Ich bewundere es immer sehr, mit welcher Leidenschaft Du Dich durch den scheinbar undurchdringlichen Dschungel der Krimi-Literatur kämpfst und dabei immer wieder Unbekanntes abseits der gängigen „Tatverdächtigen“ zutage förderst!
Ich wünsche Dir ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Start ins Neue Jahr!
Gruß
Andreas
Lieber Andreas
Vielen Dank für Deine freundlichen Zeilen. ich wünsche Dir gemütliche Feiertage und einen
geschmeidigen Rutsch ins Neue Jahr.
Deine fein geschliffenen Texte sind stets ein Quell der Freude!
Herzliche Grüsse
Alex