(Pseudonym für Jacob Benjamin Bothe, 1964-2013)

Jacob Bothe wurde als Sohn des Dramatikers Hans Günter Michelsen und der Literaturagentin und Lektorin Ursula Bothe in Frankfurt am Main geboren und wuchs dort und in der südhessischen Kleinstadt Oberroden auf. Mit neun kam er in das antiautoritäre hessische Internat Odenwaldschule, das Ende der 90er-Jahre wegen jahrzehntelangen sexuellen Missbrauchs durch die Medien ging. Nach dem Abitur und abgebrochenem Studium jobbte er in Montpellier, Südfrankreich, als Kellner und Verkäufer. Mitte der 80er-Jahre bezog er Wohnsitz in Berlin und verfasste – beeinflusst von Dashiell Hammett, Raymond Chandler und Jörg Fauser – seinen ersten Krimi ‚Happy birthday, Türke!‘. Das Pseudonym übernahm er von seiner damaligen Lebensgefährtin, der französisch-marokkanischen Musikmanagerin Kadisha Arjouni, weil er als Autor nicht ständig mit seinem Vater verglichen werden wollte. Später lebte er mit seiner zweiten Frau, der amerikanischen Menschenrechtsanwältin und Immobilienmaklerin Miranda Junowicz Bothe, und den beiden gemeinsamen Kindern in einem selbst renovierten Haus im südfranzösischen Dorf Ginestas. Einen zweiten Wohnsitz hatte er am Lietzensee in Berlin. Arjouni starb dort im Januar 2013 im Kreis seiner Familie. Er hatte Krebs.

Aufgrund seiner gefeierten fünfteiligen Kemal Kayankaya-Serie wurde Arjouni lange Zeit fast nur als Krimiautor wahrgenommen. Sehr zu Unrecht, hat er doch auch fünf andere Romane sowie Kurzgeschichten, Märchen, Theaterstücke und Hörspiele veröffentlicht.

Arjounis Kayankaya-Romane brachten frischen Wind in die deutsche Soziokrimi-Szene der 70er- und 80er-Jahre. Kemal Kayankaya, geboren 1957 in der Türkei, Vollwaise mit drei, wuchs in Frankfurt am Main bei gutbürgerlichen deutschen Adoptiveltern auf. Nach abgebrochenem Jurastudium erwarb er eine Lizenz für Privatermittlungen. Der in Echtzeit alternde Ich-Erzähler ist eine coole Socke. Ein hartgesottener, trinkfester, raubeiniger und unbestechlicher „Kanacke“ mit grosser Klappe, der aussieht wie ein Türke, aber kein Wort Türkisch spricht, und Tag für Tag mit rassistischen Sprüchen belästigt wird.

Die in der Main-Metropole angesiedelten Geschichten sind geprägt von Arjounis lakonisch-schnoddrigem Tonfall, farbigen Milieustudien, bissigen Kommentaren zur sozialpolitischen Lage, urkomischen Dialogen. Und von scharf gezeichneten Figuren: „Schmidi stand in Unterhose und T-Shirt im Türrahmen. Er war kein Fettsack, aber viel fehlte auch nicht. Dennoch, die strammen Schenkel sahen nicht nach Macroschlabberei aus“. Kemals bester Freund ist Ernst Slibulsky, der sich im Verlauf der Jahre vom Kleinganoven zum Eiscrème-Grossunternehmer hochdient: „Er reparierte mein Auto, ich beriet ihn bei Geschenken für seine Freundin, und wenn er sich mit ihr gestritten hatte, schlief er bei mir auf dem Sofa. Einmal die Woche spielten wir Billard; anschliessend tranken wir ein paar Bier und redeten über Fussball“. Im Dialog mit einer Polizistin, die ihn wiederholt beleidigt, spielt er den ordinären türkischen Rabauken: „Sie wär’n ne klasse Ficksau. Und ich bin genau der richtige Typ dafür. Bei mir zu Hause nennen mich die Leute Ali die Dachlatte. Und wenn ich Dachlatte sage, Süsse, meine ich keine Zierleiste“.

‚Happy birthday, Türke!‘ handelt von illegalen Machenschaften im Drogen- und Rotlichtmilieu des Frankfurter Bahnhofsviertels, in die auch Polizeibeamte verwickelt sind, und einem damit zusammenhängenden Mord, dessen Opfer ein Türke ist. Beauftragt von der Witwe des Opfers soll Kayankaya Licht in die Sache bringen.

‚Mehr Bier‘ beginnt mit einem terroristischen Anschlag auf einen Chemiekonzern, dessen Inhaber dabei erschossen wird. Vier junge Männer werden verhaftet, doch es gibt einen fünften Mann, der sechs Monate später, als Kayankaya im Auftrag des Anwalts der Ökoterroristen ins Geschehen eingreift, immer noch auf freiem Fuss ist. Dann passieren weitere Morde, der Detektiv wird von einem Bullen windelweich geschlagen, was ihn allerdings nicht davon abhält, einem bodenlosen Komplott auf die Spur zu kommen, während die Polizei ihr eigenes Süppchen kocht.

‚Ein Mann, ein Mord‘, Schauplatz Frankfurter Kiez. Eine Thailänderin, die ohne Papiere als Prostituierte in einem Club arbeitet, soll abgeschoben werden. Um dies zu verhindern, hat ihr Freund, der merkwürdige Künstler Weidenbusch, dem Clubbesitzer 5’000 Mark hingeblättert, damit er sie mit gefälschten Papieren versorgt. Darauf ist sie verschwunden, und Kayankaya soll sie für ihn finden. Seine Ermittlungen führen zu einem weitverzweigten – durch korrupte Polizisten und fremdenfeindliche Behörden gedeckten – Fall von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung.

Versteckt im Geschirrschrank, ausgerüstet mit kugelsicheren Westen, erwarten Kayankaya und sein Kumpel Slibulsky in der schäbigen Kneipe ihres um Schutzgeld erpressten brasilianischen Kollegen Romario zwei Schläger einer unbekannten Organisation. Es kommt zu einer wilden Schiesserei, die Geldeintreiber beissen ins Gras, Kayankaya entsorgt die Leichen im Wald, und Romarios Lokal geht in Flammen auf. Dies ist die Ausgangslage des vierten Bandes ‚Kismet‘. Als Kayankaya der Sache tiefer auf den Grund geht, gerät er zwischen die Fronten – ex-jugoslawische Gangs, die den Balkankrieg mit anderen Mitteln fortsetzen, ein Rudel deutsche Neo-Nazis und eine mafiöse Organisation mit Beziehungen zu hohen Regierungskreisen sind seine Widersacher.

Der letzte und beste Titel der Serie, ‚Bruder Kemal‘, sieht einen in Würde gealterten Detektiv im Brennpunkt des Geschehens: Kemal hat es geschafft, mit dem Rauchen aufzuhören, trinkt nur noch zwei, drei Bier am Abend oder ein paar Flaschen Wein mit Freunden, fährt Velo und schmiedet Zukunftspläne mit seiner langjährigen Lebensgefährtin, der reizenden Ex-Hure Deborah. Die Geschichte beginnt mit Kemals umwerfend komischen Begegnung mit der einer reichen Familie entstammenden, mit einem berühmten Künstler verheirateten ehemaligen Edelprostituierten Valerie de Chavannes, deren sechzehnjährige Tochter Marieke mit einem zwielichtigen Fotografen durchgebrannt ist. Der Suchauftrag ist schnell erledigt, doch es geschah ein Mord, der Kemal noch verfolgen wird. Vorerst aber wird er von einem deutschen Verlag als Leibwächter für den islamkritischen marokkanischen Skandalautor Malik Rashid engagiert, der sein neues Buch an der Frankfurter Buchmesse vorstellen soll und offenbar mit Drohbriefen eingedeckt wurde. Bald zeigt sich, dass die beiden Aufträge miteinander verbunden sind. Und dass Kayankayas Leben stark gefährdet ist.

Bibliografie:

Kemal Kayankaya-Serie: ‚Happy birthday, Türke!‘ (1985), ‚Mehr Bier‘ (1987), ‚Ein Mann, ein Mord‘ (1991), ‚Kismet‘ (2001), ‚Bruder Kemal‘ (2012).