(*1968)

Geboren als Sohn ungarischer Eltern in Ludwigsburg, Baden-Württemberg, studierte Martin von Arndt Religionswissenschaft, Germanistik und Psychologie in Saarbrücken, Budapest und Würzburg mit anschliessender Promotion in Religionswissenschaft. Er lebt als Schriftsteller, Lektor, Übersetzer, Saxophonist und Literaturdozent in der Kleinstadt Markgröningen unweit von Stuttgart. Sein vielfältiges Werk enthält auch fünf präzis recherchierte, tempogeladene Politthriller, in denen er historisch belegte Geschehnisse mit fiktiven Passagen verknüpft. Sie sind bei ars vivendi erschienen und jeweils mit einem informativen Glossar versehen.

Andreas Eckart, Protagonist der ersten drei Romane, ist eine faszinierende, gebrochene Figur. 1885 als Sohn einer Römerin und eines Deutschen geboren, arbeitete er in Berlin als Psychoanalytiker, bis er als Stabsarzt in den Ersten Weltkrieg eingezogen wurde. Morphiumabhängig und seelisch schwer gezeichnet kehrte er 1918 nach Berlin zurück und diente sich bei der Kriminalpolizei zum Kommissar hoch. Assistiert wird der charakterfeste, die sozialdemokratischen Werte hochhaltende Beamte durch den eilfertigen jungen Juden Ephraim Rosenberg und den antisemitischen Polterer Gerhard Wagner. Eine weitere tragende Gestalt ist Daniele „Dan“ Vanuzzi, ein italienischstämmiges jüdisches Chicagoer Strassenkind, das der Reihe nach für den Heeresnachrichtendienst CIC, den Mossad und den MI6 arbeitet, bis er nach dem Zweiten Weltkrieg als „unabhängiger Informationsbeschaffer“ in Deutschland hängen bleibt.

Ausgangspunkt des Krimis ‚Tage der Nemesis‘ ist die Ermordung eines türkischen „Obsthändlers“ im Januar 1921 durch Soghomon Tehlerian, einen jungen Mann mit persischem Pass, der die Tat sofort gesteht. Beim Getöteten handelt es sich um Mehmet Talat Pascha, ehemaliger Innenminister und Grosswesir des Osmanischen Reichs und – als Anführer der Bewegung Ittihat – treibende Kraft hinter dem Völkermord an den Armeniern 1915/16. Kommissar Eckart ermittelt den brisanten Fall. Gelingt es ihm, die „Operation Nemesis“ zu stoppen, bevor weitere Racheakte geschehen? Einige Monate nach Tehlerians etwas überraschender Freilassung wird in Rom mit Said Halim Pascha wiederum ein ehemaliger Grosswesir erschossen. Eckart begibt sich daraufhin in die Stadt seiner Kindheit, wo die Faschisten bereits ihr Unwesen treiben. Weitere Exekutionen folgen, diesmal wieder in Berlin. Zerrissen durch die Zweifel, ob es gerechtigfertigt ist, einen – ungesühnt gebliebenen – Genozid mit Selbstjustiz zu rächen, erkennt Eckart nach und nach, dass auch der türkische Geheimdienst und das Auswärtige Amt ihre Finger im Spiel haben. ‚Tage der Nemesis‘, eine fesselnde, stimmungsvolle, in sinnlichem Stil erzählte Geschichte, zeigt auf, dass nicht das türkische Volk, sondern eine Clique von mächtigen osmanischen Männern den armenischen Massenmord zu verantworten hat.

„Rattenlinie“ ist der von der CIA geprägte Begriff für die beliebteste Fluchtroute von Nazi-Kriegsverbrechern in der zweiten Hälfte der 40er-Jahre. Sie führte über die österreichischen Alpen und Südtirol in die Hafenstadt Genua und von da nach Lateinamerika, hauptsächlich Argentinien unter Juan Peron. Eichmann, Mengele und Franz Stangl gehörten zu den Flüchtigen. In von Arndts Roman ist es Eckarts ehemalige Assistent Gerhard Wagner, der nach Hitlers Machtübernahme als „Schlächter von Baranawitschy“ eine steile Karriere bei der SS hinlegte, während Andreas Eckart 1933 in die USA floh und dort lange Jahre bei einem Freund verbrachte, bis er im Herbst 1946 vom CIC auf seinen offenbar in Innsbruck abgetauchten intimfeind Wagner angesetzt wird. Zusammen mit Special Agent Dan Vanuzzi schlägt er sich bei heftigem Schneefall über das eiskalte Hochgebirge des österreichisch-italienischen Grenzgebiets nach Bozen durch, wo der von der Katholischen Kirche, dem Roten Kreuz und sogar dem CIC geschützte Massenmörder in einem Franziskaner Kloster Unterschlupf fand. Hier stösst nun auch Ephraim Rosenthal zu den beiden Verfolgern – er überlebte den Krieg mit knapper Not im deutschen Untergrund, während seine Mutter, Schwestern und Tanten dem Holocaust zum Opfer fielen. Am Ende der atemlosen Jagd hält von Arndt einige unerwartete Wendungen bereit.

‚Sojus‘ beginnt mit Schilderungen des Leidensweg von Andreas Eckart nach den Abenteuern in Südtirol. Da er zuviel über die Machenschaften der amerikanischen Geheimdienste wusste, sperrte man ihn in eine psychiatrische Anstalt ein, um mit giftigen Substanzen und Schockbehandlungen sein Gedächtnis auszulöschen. Den inzwischen im Dienst des neu gegründeten israelischen Geheimdienstes stehenden Spionen Rosenberg und Vanuzzi gelingt es, ihn zu befreien. Sprung in den Herbst 1956: Eckart erfährt, dass seiner Beziehung zu der armenischen Rebellin Aghawni vor 33 Jahren ein Sohn namens Sarkis entsprang, der jetzt für den KGB im aufständischen Ungarn unter dem Kampfnamen Sojus vermutlich die Funktion eines Agent provocateur einnimmt: die Stimmung in der Haupstadt anheizen, bis die Sowjets einen Vorwand haben, einzumarschieren und das Volk auf den richtigen Weg zurückzuführen. Begleitet von Eckart, der seinen Sohn treffen will, reist Vanuzzi nach Budapest, denn hier soll ein Dossier existieren, in dem die Namen aller im Westen stationierten KGB-Agenten aufgeführt sind. Die Lage ist explosiv, als Vanuzzi und Eckart in der ungarischen Hauptstadt eintreffen: Die sowjetischen Panzer richten ein Blutbad an, es wimmelt von Verrätern, und auch die Vater-Sohn-Begegnung ist von tiefem gegenseitigem Misstrauen geprägt. Kommt hinzu, dass die westlichen Mächte weitaus weniger am Schicksal der Ungarn als am Ausgang der Suezkrise interessiert sind.

‚Wie wir töten, wie wir leben‘ spielt im Herbst 1961, in in den letzten Monaten des Algerienkriegs. Dan Vanuzzi, inzwischen 54-jährig, schlägt sich im Ruhrgebiet mit abgesprochenen Boxkämpfen durch, begleitet von seinem dreissig Jahre jüngeren ungarischen Kumpel Ödön, der 1956 vor den Sowjets geflüchtet ist. Nach einem vermasselten Fight völlig abgebrannt, erhält Vanuzzi von dem MI6-Offizier Monty Hanson den Auftrag, die in Deutschland untergetauchten, von Frankreich kurzerhand als Kriegsverbrecher deklarierten Kämpfer der ALN – dem militärischen Arm der nationalen Befreiungsfront Algeriens FLN – Ben Kemali und Djefel aufzuspüren und dem französischen Spion mit dem Decknamen Sélestat zu übergeben. Ein zweiter, gleichwertiger Erzählstrang gehört dem gut sechzigjährigen Mossad-Agenten Ephraim Rosenberg, der sich auf der Jagd nach dem entnazifizierten Kommandanten des Vernichtungslagers Majdanek, Arthur Florstedt, befindet. Im zweiten Teil des Romans kommen Vanuzzi und Rosenberg unverhofft zusammen und stossen bei ihren sich überschneidenden (und ergänzenden) Ermittlungen auf ein undurchdringliches Geflecht aus Lügen, Verrat, Machtspielen und Hass.

Mit Irina Starilenko hat Martin von Arndt eine faszinierende Figur in die Spannungsliteratur gebracht. Den Hintergrund seines Romans ‚Der Wortschatz des Todes‘ bildet die Geschichte der Ukraine in den letzten hundert Jahren: Der Genozid „Holodomor“ (ukrainisch für „Tötung durch Hunger“) 1932/33, als durch die Industrialisierung der sowjetischen Wirtschaft rund 4 Millionen Ukrainer ums Leben kamen; die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986; das Massaker auf dem Kiewer Maidan an Demonstranten, die am 20.Februar 2014 für die Annäherung der Ukraine an die EU kämpften; und der russische Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022.

Irina, 37-jährige Tochter eines Strahlenmediziners, der an den Spätfolgen des Reaktorunfalls von Tschernobyl qualvoll gestorben war, quittierte vor wenigen Wochen aus privaten Gründen ihren Job als BKA-Ermittlerin und möchte jetzt an der Nordsee als Wirtschaftsdetektivin Fuss fassen. Die kompromisslose, kampfsportgestählte, über einsachtzig grosse intergeschlechtliche Frau wird von ihrem jüngeren Bruder Konstantin gebeten, einem befreundeten ukrainischen Flüchtling zu helfen, der fälschlicherweise des Mordes an einem polnischen Geschäftsmann verdächtigt wird. Bald stellt sich heraus, dass das Opfer kein Pole, sondern ein Russe war. Und dass die Mordwaffe 1979 bei einem Banküberfall der RAF eingesetzt worden war. Martin von Arndt entwickelt daraus eine fesselnde Mélange aus Politthriller und Geschichtslektion. Falsche Fährten, überraschende Wendungen und schnelle Szenenwechsel halten das Tempo hoch.

Bibliografie:

Andreas Eckart-Trilogie: ‚Tage der Nemesis‘ (2014), ‚Rattenlinien‘ (2016), ‚Sojus‘ (2019);

‚Wie wir töten, wie wir sterben‘ (2021), ‚Der Wortschatz des Todes‘ (2025).