Hinweise auf bisher nicht besprochene Kriminalromane von Autoren, die im Blog bereits aufgeführt sind. Die Texte habe ich in angepasster Form in die Autorenporträts eingefügt.

Bill Moody: ‚Czechmate: The Spy Who Played Jazz‘ – ‚Der Spion, der Jazz spielte‘ (2012)

‚Czechmate: The Spy Who Played Jazz‘, bereits 1987 zu Papier gebracht, aber erst 2012 veröffentlicht, spielt im Prag des Augusts 1968 mittelbar vor und während dem blutigen Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei. Auf Drängen ihres langjährigen tschechischen Spions Josef Blaha, der einen Maulwurf in der US-Botschaft vermutet und deshalb einen sicheren Kontakt verlangt, wirbt die CIA den zum Prague Jazz Festival eingeladenen Drummer Gene Williams als Agenten an: Er soll dem Westen brisante Informationen übermitteln, doch Blaha wird unmittelbar nach Genes Ankunft ermordet. Zusammen mit Blahas Enkelin Lena – die beiden verlieben sich sofort ineinander – versucht der frisch gebackene Spion hinter Blahas Geheimnis zu kommen, gerät in Lebensgefahr – und wächst an seiner Aufgabe. In seinem ersten Krimi, einer fein gestalteten Mischung aus Spionage, Jazzmusik und Liebesgeschichte, überzeugt Moody mit präzisen, stimmungsvollen Schilderungen der Atmospäre zwischen Aufbruch und Verzweiflung in der Stadt, in der er sich damals längere Zeit aufhielt. Alf Mayers informatives Nachwort rundet die Geschichte ab.

Zum Porträt: Moody, Billy

James Hadley Chase: ‚A Lotus for Miss Quon‘ – ‚Lotosblüten für Miss Quon‘, 1961

Der Amerikaner Steve Jaffe, Mitte dreissig, geschieden, arbeitet in Saigon für eine Handelsgesellschaft. Eines Tages stösst er in seiner Villa auf Diamanten im Wert von 2 Millionen Dollar, die er um jeden Preis behalten will. Um sie verkaufen zu können, muss er sie nach Hongkong schmuggeln, seine schöne und loyale eurasische Freundin Nhan Quon soll ihn begleiten. Als sich jedoch Colonel Khuc, der gefürchtete, äusserst grausame Chef der Sicherheitspolizei, an seine Fersen heftet, hängt Jaffes Leben nur noch an einem dünnen Faden. Und auch die hinterhältigen chinesischen Brüder Blackie und Charlie Lee haben es auf die Edelsteine abgesehen. ‚Lotosblüten für Miss Quon‘ ist eine schnelle Pulp-Geschichte mit eindrucksvollen Schilderungen der vietnamesischen Lebensart durch einen Autor, der sich nie im fernen Osten aufgehalten hat.

Zum Porträt: Chase, James Hadley

William Gay: ‚Stoneburner– ‚Stoneburner‘, 2017

Gays posthum erschienener zweiteiliger Noir ‚Stoneburner‘ spielt 1974, ein Kaff am Tennessee River ist der Hauptschauplatz. Der erste, in der dritten Person ezählte Teil gehört Sandy Thibodeaux, einem versoffenen, zwischen Genie und Wahnsinn pendelnden Vietnamveteranen, der dem leutseligen, gewalttätigen Ex-Sheriff und Verführer junger Frauen Frank „Cap“Holder nicht nur 185’000 Dollar Drogengeld, sondern auch die durchtriebene Schönheit Cathy Meecham wegschnappt und mit ihr das Weite sucht. Texas oder New York City soll das Ziel sein, doch die Flucht erweist sich als Debakel.

Im zweiten Teil folgen wir dem Ich-Erzähler John Stoneburner, der mit Thibodeaux im vietnamesischen Dschungel war, danach Jura studierte und als Cop arbeitete und jetzt, nach der Ermordung seiner Frau durch einen ihrer unzähligen Liebhaber, am Fluss eine Hütte baut und gelegentlich als Privatermittler angeheuert wird. Sein aktueller Auftraggeber ist ausgerechnet Cap Holden, für den er Cathy und die Scheine finden soll, doch auch der windige Musikproduzent Weyerhauser aus Nashville, mit dessen Hilfe Cathy in der Country-Szene Fuss fassen möchte, ist hinter der Beute her. William Gay erweist sich in diesem Roman einmal mehr als meisterhafter Schöpfer unvergesslicher Figuren, denen es nicht gelingt, die Gespenster ihrer Vergangenheit abzuschütteln.

Zum Porträt: Gay, William

John Lansdale: ‚The Thicket‘ – ‚Das Dickicht‘, 2013

Osttexas in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts: Die Zeit des Wilden Westens neigt sich dem Ende zu, es wird nach Öl gebohrt, Automobile beginnen die Pferde zu ersetzen, das Büro des Sheriffs ist bereits mit einem Telefonapparat ausgestattet – und die Pocken fordern ungezählte Opfer, unter ihnen die Eltern des gottesfürchtigen 16-jährigen Ich-Erzählers Jack Parker und seiner jüngeren Schwester Lula. Diese wird zu Beginn der üblen Geschichte, einem Mix aus Western, Entwicklungsroman und Noir, von den drei steckbrieflich gesuchten Schwerverbrechern Cut Throat Bill, Nigger Pete und Fatty Worth verschleppt, und Jack setzt nun alles daran, sie zu befreien. Er rekrutiert zwei Kopfgeldjäger – den dunkelhäutiger Hünen Eustace, ein passabler Fährtenleser, und den zwergwüchsigen, belesenen Shorty, der mit harten Fäusten zum Rechten schaut und stets für einen weisen Spruch gut ist („Gott ist nur eine Idee, und der Teufel, das sind wir“). Der Vierte im Bund ist Eustaces gefrässiger, halbzahmer Keiler, später gesellt sich die abtrünnige Hure Jimmie Sue hinzu, in die sich Jack verliebt, und schliesslich auch noch der schlitzohrige Sheriff Winton. Der Weg führt ins Dickicht, eine unwirtliche, von Gangstern beherrschte Waldregion – Schauplatz des bluttriefenden Showdowns. Köstliche Dialoge, wüste Schlägereien und Schiessereien, Slapstick-Szenen und das farbige Figurentableau mit einem Teenager, der in kürzester Zeit erwachsen wird, sorgen für ein grossartiges Leseerlebnis.

Zum Porträt: Lansdale, Joe R.

Denise Mina: ‚Gods and Beasts‘ – ‚Götter und Tiere‘, 2013

‚Götter und Tiere‘ beginnt mit einem alltäglichen Raubüberfall auf eine Postfiliale im vorweihnachtlichen Glasgow. Ein maskierter, bewaffneter Mann erschiesst den alten Gewerkschafter Brendan Lyons, der ihm beim Einpacken des Geldes behilflich war, und verlässt seelenruhig das Gebäude mit seiner Beute, während sich ein kleiner Junge, der soeben seinen Grossvater verloren hat, an den ihm unbekannten, durch eine Erbschaft steinreich gewordenen, mit Waffen bestens vertrauten jungen Mann Martin Pavel klammert, bis seine Stiefmutter Rosie ihn übernimmt. DS Alex Morrow, Mutter von vier Monate alten Zwillingen, verheiratet mit dem pflichtbewussten Hausmann Brian, und ihr Partner Harris befragen die Zeugen, während das Team Tamsin Leonard und George Wilder den schicken Audi eines Verdächtigen stoppt und aus dem Kofferraum Drogengeld im Wert von 326’000 Pfund konfisziert – und unterschlägt. Ein dritterer Strang befasst sich mit dem alternden Labour-Politiker Kenny Gallagher, einem populären Linken mit schmutziger Wäsche (er ging unter anderem mit einer 17-jährigen Parteiangestellten in Bett) und seiner rabiaten Ehefrau Annie, die ihn regelmässig verprügelt. Und selbstverständlich ist auch Alex Morrows verbrecherische Halbbruder Danny McGrath in die lange Zeit höchst nebulösen Fälle involviert. Selbst wenn es in ‚Götter und Tiere‘ von Kriminellen und Polizisten wimmelt, ist dies kein Krimi nach üblichem Muster, sondern ein Politroman, ein Sittengemälde und eine breit gefächerte Schilderung der Geheimnisse einer Grossstadt – eine höchst originelle Lektüre.

Zum Porträt: Mina, Denise

Jurica Pavicic: ‚Blut und Wasser, 2017

Am 29. September 1989 verschwindet die lebensfrohe 17-jährige Studentin Silva mit Geld und Ausweis Mitten in der Nacht aus ihrem kleinen Heimatort Misto an der dalmatinischen Küste, ihre Eltern Jakob und Misti und ihr besonnener Zwillingsbruder Mate stehen vor einem Scherbenhaufen. Die Polizei, angeführt durch den scharfsinnigen Offizier Gorki, findet einzig ein Päckchen Heroin in der Regenrinne. Als die offiziellen Ermittlungen im Sand versickern, machen Vater und Bruder sich auf die Suche nach der Vermissten, verteilen Steckbriefe in der ganzen Region, reden mit Silvas engsten Freunden Brane und Adrian, mit dem Silva ihren letzten Abend, das Fischerfest an Ende der Saison, verbracht hat. Allerdings ohne Erfolg, bis Jakob zufällig auf Silvas Dealer Cvitko und eine mit Silva bekannte Zwischenhändlerin stösst.

Die Polizei hat derzeit allerdings andere Prioritäten als die Fahndung nach einer jungen Drogenkurierin: Der Kroatienkrieg ist ausgebrochen mit verheerenden Umwälzungen im Land und über zehntausend Toten, unter ihnen Adrian, – einzig Mate, inzwischen verheirateter Vater eines vierjährigen Tochter als Lkw-Fahrer in ganz Europa unterwegs, hat die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit Silva nicht aufgegeben, selbst wenn die Ehe schliesslich an der fieberhaften Suche zerbricht. 2004 erscheint Offizier Gorki, bei Ausbruch des Krieges von seinen Gegnern abgesägt, wieder auf der Bildfläche, diesmal nicht als Polizeibeamter, sondern als Immobilienmakler, denn der Tourismus beginnt im Land zu blühen, und kurz darauf taucht auch Brane aus dem Nichts auf. Erst auf den letzten Seiten, 27 Jahre nach Silvas Verschwinden, erzählt Pavicic, was damals wirklich geschah.

Zum Porträt: Pavicic, Jurica

Marcel Montecino: ‚Big Time‘ – ‚Riskantes Spiel‘ (1990)

Der schlitzohrige Buchmacher, Musiker und Frauenscharm Salvatore „Sal“ D’Amore aus New Orleans steht auf der Abschussliste der brutalen Venezia-Gang, nachdem er sie um 180 Riesen beschissen hat – Verwendung der Einnahmen für eigene Wetten war seine Masche. Nur wenige Stunden bleiben ihm noch, um den Zaster aufzutreiben. Sein langjähriger Manager und Mentor Santo Pecoraro legt ihm deshalb nahe, so rasch wie möglich unter falschem Namen und mit neuem Gesicht das Weite zu suchen. Seine Flucht führt Sal von einer Stadt zur anderen – Memphis, St. Louis, Bloomington, Lincoln, Toronto usw. -, er hält sich mit Gelegenheitsjobs in Kneipen und als Gigolo über Wasser, stets auf der Hut, nicht aufzufallen.

Als Sal D’Amore in Waukegan, Illinois, einen Mordanschlag durch einen Komplizen der Venezia-Familie nur haarscharf überlebt, beginnt er ein neues Leben. Er reist als Marco Toledano auf einem Schiff nach Rio, lernt unterwegs die hochbegabte, jedoch psychisch fragile 16-jährige Sängerin Isabel Gemelli kennen, verliebt sich heftig in sie und nimmt sie unter seine Fittiche, um ihr den Weg zu einer Welt-Karriere freizuschaufeln, was ihm auch gelingt. Nach einer Reihe von haarsträubenden – gewalttriefenden, witzigen, tieftraurigen – Abenteuern landet der endlich zum Mann gereifte Sal schliesslich in einem mexikanischen Wüstennest, wo sich der Kreis schliesst. ‚Riskantes Spiel‘ ist eine mitreissende Geschichte um denkwürdige Figuren – mit einem kurzen, herzerwärmenden Auftritt des aus Montecinos erstem Thriller bestens bekannten LAPD-Cops Jack Gold.

Zum Porträt: Montecino, Marcel