(1941- 2012)

William Elbert Gay kam in der Kleinstadt Hohenwald in den Wäldern von Tennessee als Sohn eines Farmpächters zur Welt. Nach der Highschool schloss er sich der US-Navy an und diente während des Vietnamkriegs vier Jahre im Pazifik. Anschliessend lebte er in New York City und Chicago, bevor er Ende der 60er in seinen Heimatort zurückkehrte und lange Zeit als Schreiner, Anstreicher, Gipser, Dachdecker und in anderen handwerklichen Berufen arbeitete, bis er zwanzig Jahre später als Schriftsteller debütierte. Er erlag dort mit siebzig einem plötzlichen Herztod und hinterliess zwei Söhne, William und Chris, und zwei Töchter, Lee und Laura, aus geschiedener Ehe mit Dianne Bowen, sowie acht Enkel und seinen Bruder Cody.

William Gay, bereits als Teenager ein leidenschaftlicher Leser und Autor, konnte im Herbst 1998 seine erste Story im Magazin ‚Georgia Review‘ unterbringen. Ein Jahr danach kam der seinen Vorbildern Flannery O’Connor, William Faulkner und Cormac McCarthy verpflichtete Roman ‘The Long Home’ heraus. Es folgten die Kurzgeschichten-Sammlungen ‚I Hate to see That Evening Sun Go Down‘ und ‚Wittgenstein’s Lolita‘ und die Romane ‘Provinces of Night’ und ‘Twilight’. Im Nachlass fanden sich drei weitere Romane. Darüber hinaus schrieb Gay Artikel über Musik für Magazine und Anthologien und gab 2004 die Anthologie ‚The Alumni Grill‘ mit Prosa und Lyrik von Südstaatenautoren heraus.

Gays Romane (als „Southern Gothics“ oder „Country Noir“ bezeichnet) sind in gottverlassenen Landstrichen der US-Südstaaten, vorwiegend im fiktiven Kaff Ackerman’s Field, Tennessee, angesiedelt. Poetische Schilderungen von Naturgewalten und -phänomenen in der archaischen Region, die bilderreiche Sprache, skurrile, knapp und prägnant vorgestellte Gestalten, die Verwendung von Elementen des Schauermärchens und die Inszenierung von Gewaltexzessen und Racheakten sind die Markenzeichen des hierzulande kaum bekannten Autors, der sich vor Daniel Woodrell und Joe Lansdale nicht verstecken muss.

‚The Long Home‘ (‚Ruhe Nirgends‘) konfrontiert den Leser mit einem teuflischen Bösewicht: Dem machtgierigen Schwarzbrenner Dallas Hardin, der sich mit psychologischer Manipulation, Bestechung, Erpressung, Brandstiftung und Mord in den 30er-Jahren zum gnadenlosen Herrscher der Gegend hochgearbeitet hat und seither Angst und Schrecken verbreitet, bis ihm ein folgenschwerer Fehler unterläuft: Er stellt den jungen Schreiner Nathan Winer an, nicht ahnend, dass es dessen Vater war, ein aufrechter Farmer, den er zehn Jahre zuvor, 1932, ermordet und in einem riesigen Erdloch entsorgt hat – und dass seine Tat damals von dem alten Landwirt mit dem schönen Namen William Tell Oliver beobachtet worden ist. Als sich Nathan in die verführerische, unter Hardins Knutte stehende Amber Rose verliebt, ist die Katastrophe nicht mehr abzuwenden.

‚Provinces of Nigth‘ (‚Provinzen der Nacht‘), angesiedelt im Jahr 1952, ist die Geschichte dreier Generationen der Familie Bloodworth aus Tennessee: Fleming, 17-jährig, sein Vater Boyd und dessen nichtsnutzige Brüder Brady und Warren, und seine Grosseltern Ebert, genannt E.F., und Julia. Gleich zu Beginn der Erzählung verlässt Boyd eines Nachts die Familie in Richtung Norden, um sich auf die Suche nach seiner Frau zu machen und den Mann, mit dem sie ihn verlassen hat, zu ermorden. Kurz danach kehrt der alte Ebert, gezeichnet von Schnaps und Krankheit, nach Jahrzehnten Abwesenheit aus Little Rock, Arkansas, nach Ackerman’s Field zurück, in der vagen Hoffnung, sich mit seiner Familie zu versöhnen, doch einzig Fleming begegnet ihm mit Respekt. E.F., hart im nehmen und noch immer eine imposante Erscheinung mit schlechtem Ruf  (offenbar sass er einst im Gefängnis, weil er einen Hilfssheriff erschossen hatte), aber auch ein begabter Banjospieler, und Fleming, ein anständiger Bursche, der das Hinterwäldler-Dasein endgültig hinter sich lassen und Schriftsteller werden möchte, kommen sich im Verlauf der Geschichte näher. Gleichzeitig verliebt sich Fleming heftig in die (von seinem verantwortungslosen Cousin Neal) schwangere, erst 16-jährige Schönheit Raven Lee und gewinnt dadurch an Kraft und Reife – wird ihm der Ausbruch aus dem zerrütteten, von Männern dominierten Clan gelingen? Der Roman wurde mit Kris Kristofferson (E.F.), Reece Thompson (Fleming), Hilary Duff (Raven Lee) und Val Kilmer  (Warren) unter dem Titel ‚Bloodworth‘ verfilmt.

Auch ‚Twilight‘ (‚Nächtliche Vorkommnisse‘) spielt in den frühen 50er-Jahren. Als ihr Vater Moose Tyler, ein heimtückischer, gewalttätiger Alkoholiker und Schnapsbrenner, endlich das Zeitliche segnet und von dem nekrophilen Bestattungsunternehmer Fenton Breece unter die Erde gebracht wird, ahnen die Teenager-Geschwister Corrie und Kenneth, dass bei der Bestattung nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist – und machen bei ihren Streifzügen eine schauderhafte Entdeckung. In der Hoffnung auf eine lukrative Erpressung sammeln sie brisantes Material gegen Breece, doch dieser denkt nicht im Traum daran, sich den beiden zu beugen, sondern setzt den soziopathischen Killer Granville Sutter auf sie an. Es kommt zu einer apokalyptischen Hetzjagd durch die (fiktive) unwegsame Gegend Harrikin mit ihren einsamen Wäldern, bedrohlichen Schluchten und Höhlen,  mit ihren verlassenen Farmen, ihren Autofriedhöfen und schiefen Strommasten – Zeugen einer Zivilisation, die sich längst wieder zurückgezogen hat.

William Gay zeichnet in seinen Romanen ein beängstigendes, jedoch nie durchwegs hoffnungsloses Bild von der menschlichen Natur: Die Teenager Nathan Winer, Amber Rose, Fleming Bloodworth, Raven Lee und Kenneth Tyler, aber auch der jeweils in kleinen Rollen auftretende Sheriff Bellwether, der einzige unbestechliche Gesetzeshüter weit und breit, sind seine Lichtgestalten.

Bibliografie:

‘The Long Home’ – ‚Ruhe nirgends’ (1999), ‘Provinces of Night’ – ‚Provinzen der Nacht’ (2000), ‘Twilight’ – ‘Nächtliche Vorkommnisse’ (2006), ‘Little Sister Death’ (2015), ‘Stoneburner’ (2017), ‘The Lost Country’ (2018).