(*1965)

Jurica Pavicic kam in der kroatischen Stadt Split zur Welt. Er studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und Geschichte an der Universität Zagreb und arbeitet seit Anfang der 90er-Jahre erfolgreich als Journalist, Film- und Literaturkritiker und Dramatiker. Von 1992 bis 1993 war er neun Monate als Soldat im Bosnienkrieg. Die Erfahrungen aus dieser Zeit verarbeitete er in seinem viel beachteten, unter dem Titel ‚Die Zeugen‘ verfilmten Erstlingswerk ‚Nachtbus nach Triest‘ (der Film wurde an der Berlinale 2004 mit dem Friedenspreis ausgezeichnet). Sein Werk umfasst sieben Romane (darunter fünf Krimis), zwei Theaterstücke und zahlreiche Kurzgeschichten sowie Essays und Sachbücher zu politischen und kulturellen Themen. 2019 ist eine vorzüglich übersetzte Geschichtensammlung unter dem Titel ‚Fremde Helden‘ erschienen.

Zu Beginn des verstörenden Krimis ‚Nachtbus nach Triest‘ verliert der Kroate Kreso als Führer eines missglückten Stosstruppenunternehmens, bei dem zwei seiner Kameraden ums Leben kommen, ein Bein. Dann ist der Krieg für viele Kämpfer zu Ende – nicht jedoch für einige von Kresos ehemaligen Mitstreitern, unter ihnen Baric, der Bruder eines der Getöteten: Sie rächen sich an den Serben, töten einen steinreichen Unternehmer und kidnappen seine zwölfjährige Tochter Mila, die Zeugin des Verbrechens war. Auch Kreso soll für seine letzte, verschlampte Aktion büssen. Doch dieser hat jetzt nur noch ein Ziel vor Augen: das entführte Mädchen zu retten, ihm die Flucht aus Split zu ermöglichen – die Kleine muss unbedingt den Nachtbus nach Triest erreichen, auch wenn sie ihm im Grunde egal ist. Ein symbolischer Akt. Am Schluss stehen sich Kreso und Baric auf einer Müllkippe gegenüber.

Wie in fast jedem seiner Werke geht es Pavicic auch in diesem multiperspektivisch angelegten Roman – Kresos Schwester Lidija, eine unbestechliche Journalistin, ihr Berufskollege Galjer, dessen Frau unheibar an Krebs erkrankt ist, der angesehene, jedoch käufliche Onkologe Matic, Onkel eines der Mörder, und andere kommen zu Wort – um die Auswirkungen des Krieges auf die zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Strukturen Kroatiens.

In ‚Blut und Wasser‘ verschwindet die lebensfrohe 17-jährige Studentin Silva mit Geld und Ausweis am 29. September 1989 Mitten in der Nacht aus ihrem kleinen Heimatort Misto an der dalmatinischen Küste, ihre Eltern Jakob und Misti und ihr besonnener Zwillingsbruder Mate stehen vor einem Scherbenhaufen. Die Polizei, angeführt durch den scharfsinnigen Offizier Gorki, findet einzig ein Päckchen Heroin in der Regenrinne. Als die offiziellen Ermittlungen im Sand versickern, machen Vater und Bruder sich auf die Suche nach der Vermissten, verteilen Steckbriefe in der ganzen Region, reden mit Silvas engsten Freunden Brane und Adrian, mit dem Silva ihren letzten Abend, das Fischerfest an Ende der Saison, verbracht hat. Allerdings ohne Erfolg, bis Jakob zufällig auf Silvas Dealer Cvitko und eine mit Silva bekannte Zwischenhändlerin stösst.

Die Polizei hat derzeit allerdings andere Prioritäten als die Fahndung nach einer jungen Drogenkurierin: Der Kroatienkrieg ist ausgebrochen mit verheerenden Umwälzungen im Land und über zehntausend Toten, unter ihnen Adrian, – einzig Mate, inzwischen verheirateter Vater eines vierjährigen Tochter als Lkw-Fahrer in ganz Europa unterwegs, hat die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit Silva nicht aufgegeben, selbst wenn die Ehe schliesslich an der fieberhaften Suche zerbricht. 2004 erscheint Offizier Gorki, bei Ausbruch des Krieges von seinen Gegnern abgesägt, wieder auf der Bildfläche, diesmal nicht als Polizeibeamter, sondern als Immobilienmakler, denn der Tourismus beginnt im Land zu blühen, und kurz darauf taucht auch Brane aus dem Nichts auf. Erst auf den letzten Seiten, 27 Jahre nach Silvas Verschwinden, erzählt Pavicic, was damals wirklich geschah.

Bibliografie:

‚Ovce od Gipsa‘ – ‚Nachtbus nach Triest‘ (auch unter dem Titel ‚Die Zeugen‘, 1997), ‚Nedeljnji prijatelj‘ (2000), ‚Minuta 80‘ (2001), ‚Zena s drugogkata‘ – ‚Ein Tod für ein Leben‘ (2015), ‚Crvena voda‘ –Blut und Wasser‘ (2017).