Hinweise auf bisher nicht besprochene Kriminalromane von Autoren, die im Blog bereits aufgeführt sind. Die Texte habe ich in leicht angepasster Form in die Autorenporträts eingefügt.

Sharyn McCrumb: ‚If Ever I Return, Pretty Peggy-O‘ – ‚Und kehre ich je zurück‘ (1990)

Sheriff Spencer Arrowood und sein Deputy, der Vietnamveteran Joe LeDonne, walten ihres Amtes in dem fiktiven Appalachen-Städtchen Hamelin, Bundesstaat Tennessy. Peggy Muryan, in den 60er-Jahren eine bekannte Folksängerin, lässt sich hier nieder, um in Ruhe neue Lieder zu schreiben. Daraus wird aber nichts – kaum ist sie dort angekommen, gerät ihr Leben aus den Fugen. Es beginnt mit Drohbriefen, die die Unterschrift ihres in Vietnam vermissten Freundes tragen, dann wird ihr Hund auf höchst brutale Art geschlachtet und kehrt ein fünfzehnjähriges, der jugendlichen Peggy wie aus dem Gesicht geschnittenes Mädchen von einem abendlichen Ausflug nicht mehr zurück. Eine entscheidende Rolle spielt, wie sich schliesslich zeigt, Arrowoods Bruder Cal, ein charismatischer, in Vietnam gefallener Draufgänger, der noch immer in den Köpfen der Einheimischen herumspukt. Der vielstimmige Roman (Band Eins der grandiosen „Ballad Series“) mündet in ein verstörendes Finale.

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Charles Willeford: ‚The Woman Chaser‘ – ‚Filmriss‘ (1960)

Willeford scheint von Gebrauchtwagenhändlern nicht viel gehalten zu haben. Nach Russel Haxby in ‚Der Hohepriester‘ bekommt auch in ‚Filmriss‘ (2023 bei Pulp Master erschienen) ein Vertreter dieser Zunft sein Fett weg: Richard Hudson, ein redseliger, arroganter Bursche, der die Schwächen seiner Kunden auf den ersten Blick erfasst, um sie dann gnadenlos zu nutzen; der Star unter den kalifornischen Gebrauchtwagenhändlern. Gelangweit vom täglichen Trott, kommt er eines Tages auf die Idee, einen Film zum Thema „Mr. und Mrs. America und der American Way of Life“ zu drehen. Angespornt durch seinen Stiefvater, den abgehalfterten Hollywood-Produzenten Leo Sternberg, schafft er, wie er findet, ein Massstäbe setzendes Werk voller Tempo und Dramatik, scheitert dann jedoch daran, dass der Streifen nur dreiundsechzig statt der verlangten neunzig Minuten dauert. Hudson dreht durch – und rächt sich an jedem, den er für sein Scheitern verantwortlich macht. Nicht Willefords stärkstes Garn, aber doch ein fieser kleiner Noir.

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Tito Topin: ’55 de fièvre‘ – ‚Casablanca im Fieber‘ (1983)

Der 1984 mit dem Prix Mystere de la Critique‘ ausgezeichnete Roman spielt im Casablanca des Sommers 1955, kurz vor Abzug der französischen Besatzer aus Marokko. Rassenhass und Aufbruchstimmung beherrschen die Stadt, als die 19-jährige Spanierin Ginette in der Nacht auf den Quatorze Juillet mit völlig entstelltem Gesicht in eine Privatklinik eingeliefert wird – vergewaltigt und halb tot geschlagen durch Georges Bellanger, der es nicht mehr ausgehalten hat, von allen schönen Frauen abgewiesen zu werden. Bellangers Mutter, Chefärztin dieser Klinik und Geliebte des Zivilgouverneurs, versucht mit allen Mitteln, die Tat den Arabern anzuhängen. Dann kehrt Ginettes Verlobter Manu aus dem Militärdienst zurück und sinnt auf Rache. Die Ermordung der Zeugin, die Bellanger belasten könnte, heizt die fiebrige Atmosphäre weiter auf – die zerrissene Metropole wird zum Hexenkessel.

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Sam Jaun: Der Weg zum Glasbrunnen, 1983

Der Bieler Privatdetektiv Peter Keller ist seit dem Suizid seiner schwangeren Frau ein einsamer, gebrochener Mensch – zerstritten mit seinem Bruder Kommissar Roger Keller, heimgesucht von qualvollen Träumen und Visionen, die er jeweils mit Alkohol betäubt. Er ist aber immer noch ein beharrlicher Ermittler mit guten Kontakten aus früheren Zeiten. In ‚Der Weg zum Glasbrunnen‘, dem ersten Band einer stimmungsvollen vierteiligen Serie, beauftragt ihn der erfolgreiche Kunsthändler Zacharias Kahn, den Tod des Schriftstellers Hansmartin Joppe zu ermitteln. Für die Polizei war es ein Unfall bei der Pilzsuche in gefährlichem Gelände. Keller ist vorerst nicht so richtig bei der Sache. Doch dann wird er bedroht und überfallen, sein Büro liegt in Trümmern – Keller legt nun einen Zacken zu. Und stolpert bei seinen Ermittlungen in einen Kriminalfall um Rauschgiftschmuggel, Erpressung und Mord, der mit Joppes Tod womöglich gar nicht viel zu tun hat.

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Yves Ravey: ‚Taormine‘ – ‚Taormina‘ (2022)

Die Ferienwoche im sizilianischen Ort Taormina, die ihre Ehe vielleicht noch einmal kitten kann, beginnt für Luisa und Melvil fatal: Nach ihrer Ankunft auf der Insel verfahren sie sich mit dem Mietauto, rammen in der Dunkelheit ein Hindernis, bagatellisieren den Unfall und fahren ohne nachzuschauen weiter. Am nächsten Tag lesen sie in der Zeitung, dass ein Flüchtlingskind tot auf der Strasse gefunden wurde. Was sie jedoch nicht davon abhält, die touristischen Attraktionen der Insel abzuklappern. Als Melvil den zerbeulten Wagen schliesslich doch noch in die Werkstatt bringt, ist das Unheil nicht mehr aufzuhalten – das Paar gerät in eine Falle, aus der es kein Entkommen gibt. In knappem, schwarzhumorigem Stil zeichnet Raves auf hundert Seiten das Bild einer zutiefst verrohten Welt.

Zum Porträt: Ravey, Yves

Juan Madrid: ‚Nada que hacer‘ – ‚Nichts zu machen‘ (1986)

Madrids schnörkellose, actiongeladene Novela Negra ‚Nichts zu machen‘ ist die Geschichte des gealterten Ganoven Silverio Roca – breite Schultern, weisse Haare, kalte Augen. Er war ein gefragter Fahrer (Banküberfälle, Transport von gefährlichen Waren), bis man ihn in eine Falle lockte. Nach zwei Jahren Gefängnis wieder auf freiem Fuss, kehrt er in die spanische Hauptstadt zurück, um seinen einstigen Komplizen die zwei Millionen Pesetas abzuknöpfen, die sie ihm noch schulden. Nicht ahnend, dass er damit die gesamte Madrider Unterwelt gegen sich aufbringt. Doch Roca denkt nicht dran, klein beizugeben. Er besorgt sich eine Urrutia mit abgesägtem Doppellauf und macht sich auf den Weg.

Zum Porträt: Madrid, Juan

A.D.G.: ‚la nuit des grands chiens malades‘ – ‚ Die Nacht der kranken Hunde‘ (1972)

Fünfundzwanzig Hippies – bärtige, langhaarige Männer, hübsche Frauen in selbstgemachten Kleidern – lassen sich mit ihren Kindern auf den Feldern eines fiktiven Orts in der ländlichen zentralfranzösischen Region Berry nieder. Hier treffen sie auf alteingesessene, abergläubische Bauern, die die Zeit zumeist in ihrer Stammkneipe totschlagen. Und verstehen sich erstaunlich gut mit ihnen. Doch dann wird ein altes Fräulein im Bett erstochen. Das Dorf gerät in Aufruhr: Zelte, die in Flammen stehen, Männer, die zu ihren Waffen greifen – „die Nacht der kranken Hunde“ ist angebrochen. Mit seinem vierten Roman, einem raffiniert gebauten, stilistisch brillanten Country noir, ist A.D.G. ein grosser Wurf gelungen – ein anarchistisches Verwirrspiel, das den Leser mit einer teuflisch-maliziösen Lösung überrumpelt. Das Buch ist 2023 bei Elsinor neu erschienen, veredelt durch das ausführliche Nachwort des Herausgebers Martin Compart.

Zum Porträt: A.D.G. (Alain Dreux Galloux)

Kraus, Peter J.: ‚Aasgeier‘ (2012, nur als E-Book)

Jon Gutmann – wir kennen ihn aus Peter J. Kraus‘ erstem Krimi ‚Geier‘, als ihm bei einem Drogencoup ein Haufen Kohle in die Hände fiel – lebt seit fünf Jahren in Mexiko und hat, wie er sagt, drei Spitzenjobs nebeneinander: Hotelbesitzer, Tauchlehrer und Berufssurfer. Und einen kleinen Sohn, dessen Mutter durchgebrannt ist. Jetzt aber geht alles den Bach runter: Sein hübsches Strandhotel brennt nach einem Gasanschlag bis auf die Grundmauern nieder, jemand plündert seine Bankkonten – offene Rechnungen aus alten Zeiten. Er findet Unterschlupf bei seinem im kalifornischen Kloster San Miguel weilenden Franziskaner-Kumpel Ignazio, dem geläuterten Kommissar. Hier hat Gutmann seinerzeit die 750 Riesen Drogengeld der „Geier“ im Wüstensand verbuddelt. Als sich später auch noch Misty und Rick hinzugesellen, ist die alte Gang schon fast komplett – gerüstet für die zweite Runde der Schlacht gegen den rachsüchtigen Drogenring.

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Daeninckx, Didier: ‚Le der des ders‘ – ‚Tod auf Bewährung‘ (1984)

Januar 1920, kurz nach dem Ersten Weltkrieg: René Griffon, ein Überlebender der Gräuel an der Marne, arbeitet in Paris als Privatdetektiv. Aktueller Auftraggeber ist der Kriegsheld Colonel Fanfan de Larsaudiére, der mit dem ausschweifenden, in Briefen festgehaltenen Lebenswandel seiner reichen Frau erpresst wird. Die Übergabe des Lösegeldes endet im Desaster: Madame de Larsaudière und der Täter (ein Pfleger aus einem Sanatorium für kriegsversehrte Soldaten) werden erschossen, der Colonel liegt bewusstlos im Gras, und ein Unbekannter verschwindet mit den verräterischen Briefen. Doch Griffon lässt nicht locker, vertieft seine Ermittlungen – und findet heraus, dass nicht die Eskapaden von Fanfans Frau, sondern vertuschte Kriegsverbrechen dem Fall zugrunde liegen. Scharfsinnige Beobachtungen und kleine Geschichten werten den zeitkritischen Politthriller auf.

Zum Porträt: Daeninckx, Didier