(1935-2018)

Geboren im Schweizer Dorf Wyssachen im Emmental, Kanton Bern, als Sohn eines protestantischen Pfarrers, wuchs Sam Jaun in Unterlangenegg, Gstaad und Biel (alle im Kanton Bern) auf. Nachdem er die Matura auf dem zweiten Bildungsweg nachgeholt hatte, studierte er in Bern Germanistik und Altphilologie, brach das Studium jedoch bald wieder ab und war daraufhin kurze Zeit als Deutsch- und Lateinlehrer am Berner Abendgymnasium tätig, danach als Sekretär für kulturelle Fragen der Stadt Bern. Im Alter von 42 Jahren kündigte er diese Stelle und wurde Autor von Romanen, Erzählungen, Gedichten, Theaterstücken und Hörspielen sowie Übersetzer. 1983 erschien sein erster Krimi ‚Der Weg zum Glasbrunnen‘.

In seinen unspektakulären und stimmungsvollen, ein facettenreiches Bild der Schweiz zeichnenden Krimis geht es Jaun (wie seinem Vorbild Friedrich Glauser) weniger um die Auflösung von Verbrechen als um die Psyche, die Lebensumstände und das soziale Umfeld der beteiligten Personen. Sein Protagonist, der Bieler Privatermittler Peter Keller, eine kantige, melancholische Figur, ist in vier Romanen und vier (im 2005 erschienenen Sammelband ‚Tagpfauenauge‘ abgedruckten) Erzählungen am Werk zu sehen.

Aus dem fiktionalen Emmentaler Dorf Schwant stammend, war Keller Milizoffizier der Grenadiere, Nahkampfexperte und Teilzeit-Instruktor an der Berner Polizeirekrutenschule, aber auch Philosophie- und Kunststudent, Kunstmaler und aktiver Sozialdemokrat, bis er nach dem Selbstmord seiner Frau Selma einen seelischen Zusammenbruch erlitt und (im Anschluss an einen langen Klinikaufenthalt) ein neues Leben als Detektiv begann. Sein älterer Bruder Roger, mit dem ihn wenig verbindet, ist Kommissär bei der Berner Kantonspolizei.

In Jauns zweitem Roman ‚Brandnacht‘ kehrt Keller in sein Heimatdorf zurück, um sich dem Mordfall Drechsel anzunehmen: Eva Drechsel ist die zweite junge Frau, die dort erwürgt wurde, und Otto Balsiger, den Keller von früher her kennt, sitzt als Hauptverdächtiger in Untersuchungshaft. Keller zweifelt an Balsigers Schuld, beginnt – gegen den Widerstand der Bevölkerung und der örtlichen Polizei – zu ermitteln und legt am Schluss einer mächtigen, vor Mord nicht zurückschreckenden Sekte auf spektakuläre Weise das Handwerk.

Vierzehn Jahre später folgte ‚Fliegender Sommer‘, ein sperriger, figurenreicher, um Machtmissbrauch und Erpressung kreisender Krimi, der im Milieu des militärischen Nachrichtendienstes der Schweiz angesiedelt ist – Jauns anspruchsvollstes Werk. Von Major Saibling, einem Militärkollegen aus alten Zeiten, erhält Keller einen höchst undurchsichtigen, als „Kriegsspiel“ aufgezogenen Undercover-Auftrag: Er soll ermitteln, ob es stimmt, dass mehrere Soldaten mittleren Alters vor zwei Jahren ein 15-jähriges Mädchen sexuell missbraucht haben. Getarnt als Füsilier Langenegger nimmt er an einem militärischen Ergänzungskurs teil, in dem fiktiven jurassischen Kaff Bergues, dem Ort des mutmasslichen Verbrechens. Als Keller herausfindet, dass Sandor Jenner, verheirateter Familienvater und Stiefsohn des streitbaren Divisionärs Peseu, zu den Tätern gehörte, wird ihm klar, dass weit mehr hinter dem Fall steckt als ein Sexualdelikt. Wenig später kommt Jenner auf unklare Weise ums Leben – und Keller findet sich in einem verschlossenen und fensterlosen Raum in einer psychiatrischen Klinik wieder.

Jauns vierter Krimi ‚Die Zeit hat kein Rad‘ führt Keller von Biel nach Berlin, wo er vor vielen Jahren die staatliche Hochschule für Bildende Künste besucht hat. Sein Patenkind Lisbeth, eine lebhafte, einzelgängerische Frau Anfang zwanzig, lebt und studiert dort seit gut einem Jahr, um Schauspielerin zu werden, als sie sich im Bahnhof Tempelhof vor die U-Bahn wirft und ums Leben kommt. Doch ihr Grossvater, bei dem sie nach dem Tod der Eltern aufgewachsen ist, zweifelt an der Selbstmordtheorie und bittet Keller um Hilfe. Die Nachforschungen führen den Detektiv in die Berliner Kulturszene mit ihren Kneipen, in denen der Wein in Strömen fliesst; er spricht mit Lisbeths Kollegen und Lehrern, trifft auf alte Freunde aus seiner Studienzeit, verliebt sich in die aparte Serviererin Helle, sein Aufenthalt in Berlin zieht sich immer mehr in die Länge – bis er schliesslich eher zufällig auf die Lösung des sich als recht banal erweisenden Falles stösst.

Nach längeren Aufenthalten in Portugal, Frankreich und den Vereinigten Staaten pendelte Sam Jaun zwischen Berlin und Bern, wo er 82-jährig starb.

Bibliografie:

Peter Keller-Krimis: ‚Der Weg zum Glasbrunnen‘ (1983), ‚Die Brandnacht‘ (1986), ‚Fliegender Sommer‘ (2000), ‚Die Zeit hat kein Rad‘ (2004).