Hinweise auf bisher nicht besprochene Kriminalromane von Autoren, die im Blog bereits aufgeführt sind.

Alan Scholefield: Thief Taker (1991) – Ein Schöner Tag für Mord (1993, rororo)

Aus Scholefields vielfältigem Kriminalwerk stechen die sechs kunstvoll gebauten, mit besinnlichen und komischen Passagen und herrlichen Dialogen durchsetzten Romane um die Londoner Cops George Macrae und Leo Silver hervor. ‚Ein schöner Tag für Mord‘, der zweite Band der Serie, handelt von der zerrütteten Londoner Familie Healey, bestehend aus Robson, einem grosskotzigen Reeder mit einer Vorliebe für Sex mit jungen Mädchen, seiner kühlen Gattin, die sich im Gegenzug mit Robsons animalischem Angestellten Harris vergnügt, und ihrer gemeinsamen Tochter, die seit dem Kontaktabbruch mit den Eltern im Wald in einem Wohnwagen haust. Die beiden Cops kommen zum Zuge, als Robson Healey erschossen in seiner Villa aufgefunden wird. Schnell wird klar, dass praktisch alle Personen aus seinem Umfeld unter Tatverdacht stehen. Und dass es keine verlässlichen Zeugen gibt. Erschwerend kommt hinzu, dass Macrae und Silver mit dem pedantischen Streber Deputy Commander Kenneth Scales einen neuen Vorgesetzten bekommen; und dass der rachsüchtige Psychopath Ronnie Purvis, den Silver einst hinter Gitter gebracht hat, seit kurzem auf freiem Fuss herumläuft.

Zum Porträt: Scholefield, Alan

James McKimmey: The Perfect Victim (1958) – Dann schlachten wir den Sündenbock (1969, rororo)

McKimmeys erster Krimi spielt in Willow Creek, einem fiktiven, irgendwo im Mittleren Westen gelegenen 1500-Seelen-Städtchen. Das angesehene Ehepaar Cook und ihr neunzehnjähriger Sohn Roger, die lebensfrohe Dorfschönheit Grace, der Zeitungsherausgeber Cary, Sheriff Beaman und Doktor Granger führen hier ein beschauliches Leben, bis Rogers Studienkumpel Buggie Alstair, der bei der Familie Cook seine Semesterferien verbringt, die ihn abweisende Grace in einem Anfall von Eifersucht vor Rogers Augen tötet. Und dann alles daran setzt, die Tat dem kurz zuvor in Willow Creek eingetroffenen Handelsvertreter Al Jackson in die Schuhe zu schieben, wobei er sich als äusserst geschickter Intrigant erweist. Im Ort beginnt’s zu brodeln, die Männer rotten sich zusammen, wollen Jackson lynchen, und einzig Cary und Granger lehnen sich dagegen auf.

Zum Porträt: McKimmey, James

Ross Thomas: The Fools in Town Are on Our Side (1970) – Die Narren sind auf unserer Seite (2024, Alexander Verlag Berlin)

‚Die Narren sind auf unserer Seite‘ ist Ross Thomas‘ umfangreichster Roman. Und einer seiner besten. Ein Lehrstück darüber, wie man sich eine ganze Stadt – in diesem Fall die mittelgrosse fiktive Südstaaten-Stadt Swankerton („Chancre Town“) – unter den Nagel reisst. Orchestriert durch Lucifer Clarence Dye, eine typische Ross-Thomas-Figur mit spannungsgeladenem Lebenslauf, den der Autor in packenden Rückblenden häppchenweise serviert. Lucifers Plan ist bestechend einfach: Gerüchte streuen, Komplotte und Intrigen schmieden, jeden gegen jeden ausspielen – die Stadt korrumpieren, bis sie auseinanderfällt, und es ein Vakuum zu füllen gibt. Dye kennt jeden Trick, spielt den Dreifachagenten („von denen gibt es nicht viele“) und kocht dazu noch sein eigenes Süppchen, ohne jemals die Übersicht zu verlieren. Zwei bezüglich Raffinesse und Skrupellosigkeit gleichauf liegende Opponenten prallen wuchtig aufeinander: Einerseits der 27-jährige Senkrechtstarter Victor Orcutt, Experte und Berater „für die Probleme, mit denen Städte sich herumschlagen müssen“, verstärkt durch die kluge Ex-Prostituierte Carol Theckerty und den abgebrühten Ex-Polizeichef Homer Necessary; andererseits der routinierte Mobster Ramsey Lynch, alias Montgomery Vicker, der mit seinem Partner Polizeichef Cal Loambaugh die Zügel in Swankerton scheinbar fest in den Händen hält.

Zum Porträt: Thomas, Ross

Robert Brack: Schwarzer Oktober (2023, Edition Nautilus)

Hamburg, 1923: Hunger, Hyperinflation, Wucher und Streiks. Ein Hurenhasser, genannt Schnitter, der mit einem Messer unterwegs ist. Die mittellosen Menschen hausen in kalten, feuchten Kellerlöchern. Am 23. Oktober kommt es zum Barmbeker Aufstand, der im Debakel endet . Mittendrin: die siebzehnjährige lesbische Kommunistin, Hobbydetektivin und angehende Journalistin Klara Schindler, Ich-Erzählerin der schlanken, aus ihren Tagebucheinträgen bestehenden Geschichte. Eine gelungene Mischung aus Fiktion und historischen Fakten, aus Sittengemälde und Kriminalroman, mit prägnanten Auftritten der linken Publizistin, Politikerin und Aktivistin für die Rechte der Prostituierten Katharine „Ketty“ Guttmann (1883-1967).

Zum Porträt: Brack, Robert.

P. M. Hubbard: The Quiet River (1978) – Wenn das Wasser steigt (1980, rororo)

‚Wenn das Wasser steigt‘ spielt am ländlichen südenglischen Fluss Lod, einem unscheinbaren Gewässer, das alle, die es kennen, für gefährlich halten, seit es vor sieben Jahren einen Mann in den Tod gerissen hat. Das junge Londoner Ehepaar Steve und Helen Anderson bezieht hier das Haus, das seit dem Tod dieses Mannes leergestanden hatte. Steve, ein selbstgefälliger Autor von historischen Schmökern, will unbedingt hier leben, weil er seit jeher von Flüssen fasziniert ist, und Helen fügt sich seinem Willen, auch wenn die beiden ausser den Eheringen nicht mehr viel verbindet. Steve verbringt den grössten Teil der Tage am Schreibtisch, hin und wieder geht er angeln. Helen, eine wunderschöne Frau mit geringem Selbstwertgefühl, freundet sich mit ein paar Dorfbewohnern am. Doch dann lässt sie sich auf eine Affäre mit dem charismatischen Eigenbrötler Matthew Summers ein – und setzt damit eine Kette von dramatischen Ereignissen in Gang. P. M. Hubbard, ein sträflich verschmähter Meister der Figurenzeichnung, der knappen Schilderung von Landstrichen und Stimmungen, des subtilen Spannungsaufbaus, hat von 1963 bis 1979 sechzehn grandiose Noir-Romane zu Papier gebracht.

Zum Porträt: Hubbard, P.M.