(1910-1980)
Geboren in der südenglischen Stadt Reading, Berkshire, aufgewachsen auf der Kanalinsel Guernsey, besuchte Philip Maitland Hubbard das Elizabeth College in St. Peter Port (Guernsey), ehe er 1933 sein Studium am Jesus College in Oxford mit einem Master abschloss und dort im selben Jahr mit ‚Ovid Among the Goths‘ den traditionsreichen ‚Newdigate Prize‘ für Poesie gewann. Daraufhin gehörte er der britischen Verwaltung in Nordwestindien (dem heutigen Pakistan) an, bis Indien im Sommer 1947 seine Unabhängigkeit erlangte.
Nach seiner Heimkehr nach England verfasste Hubbard Verse, Reportagen und satirische Texte für das Magazin ‚Punch‘ und stand der Gewerkschaft der englischen Handwerker vor. Zu Beginn der 60er-Jahre entschloss er sich für ein Leben als freier Schriftsteller. Sein Werk enthält Romane für Erwachsene und Kinder, ein Hörspiel sowie rund ein Dutzend Short Stories, die in den Zeitschriften ‚The Magazine of Fantasy & Science Fiction‘ und ‚Argosy‘ und in Anthologien abgedruckt wurden. Im Jahr 1973 verlegte er seinen Wohnsitz von Dorset in den Südwesten Schottlands. Dort starb er sieben Jahre später im Alter von 69 Jahren und hinterliess seine getrennt von ihm lebende Frau und seine drei Kinder, Jane, Caroline und Peter.
Hubbard – sträflich verschmähter Meister der Figurenzeichnung, der knappen Schilderung von Landstrichen und Stimmungen, des subtilen Spannungsaufbaus – verfasste von 1963 bis 1979 sechzehn grandiose Noir-Romane, die in der englischen oder schottischen Provinz, oft direkt am Wasser, angesiedelt sind. Sie kreisen um Verhaltensweisen und emotionale Verstrickungen von Tätern und Opfern, um einsame Menschen, die die Kontrolle über ihre Gefühle und Impulse verlieren, um aussichtslose Liebesbeziehungen.
Im Mittelpunkt von ‚Tödliches Glas‘ stehen der Junggeselle Johnnie Slade, ein leidenschaftlicher Sammler antiker Glasstücke, sowie sein derzeitiges Objekt der Begierde, eine unbezahlbare, der englischen Königin gewidmete „Tazza“ des Venetianers Jacopo Verzelini aus dem 16. Jahrhundert, von deren Existenz auch die Fachwelt nichts geahnt hat, bis sie in Peter Sarretts angesehener Kunstzeitschrift ‚Altes Glas‘ in Text und Bild zur Darstellung kommt – und Johnnie Slades Jagdtrieb weckt. Bei seinen Ermittlungen nach dem Verbleib der Vase trifft Slade die hochbetagte Lady Elizabeth Barton und deren Nichte Claudia James, eine geheimnisvolle junge Frau, in die er sich unsterblich verliebt. Und dann mehren sich die Hinweise, dass es eine weitere Person gibt, die der „Tazza“ mit allen Mitteln habhaft werden will. Das atemberaubende Finale findet in einer verlassenen Mine statt.
‚Hochwasser acht vor zehn‘ wird aus der Sicht von Peter Curtis erzählt, einem zwischen Sanftmut und Jähzorn schwankenden Mann Anfang dreissig mit einer Vorliebe für Bücher, Segeln und aparte Frauen, der für vier Jahre im Gefängnis sass, weil er im Affekt den Tod des zwielichtigen Briten Evan Maxwell verschuldet hatte. Endlich wieder auf freiem Fuss, sucht er die Einsamkeit an der südenglischen Küste, wird dann jedoch in eine gefährliche Affäre verwickelt, an deren Ausgangspunkt Maxwells im Sterben gemurmelte Worte „Hochwasser acht vor zehn“ stehen.
In Hubbards drittletztem Roman ‚Der Weg durchs Wasser‘ strandet Peter Grant, ein Vertreter für landwirtschaftliche Maschinen, mit seinem Segelboot an der ruppigen schottischen Westküste. Er findet Zuflucht bei dem Ehepaar Derek und Letty Barlow – er ein einzelgängerischer, wortkarger ehemaliger Seemann, den es immer wieder auf eine nahe gelegene (bei Ebbe mit dem Festland verbundene) Insel zieht, sie eine bezaubernde, jedoch vereinsamte und unglücklich wirkende Frau, die Grant sogleich in ihren Bann schlägt. Als Grant bei einer späteren Begegnung von Letty den Grund für das seltsame Verhalten ihres Mannes erfährt, begibt er sich selbst auf die Insel. Dort kommt es zu einer schicksalsschweren Begegnung.
‚Wenn das Wasser steigt‘ spielt am südenglischen Fluss Lod, einem unscheinbaren Gewässer, das alle, die es kennen, für gefährlich halten, seit es vor sieben Jahren einen Mann in den Tod gerissen hat. Das junge Londoner Ehepaar Steve und Helen Anderson bezieht hier das Haus, das seit dem Tod dieses Mannes leer gestanden hatte. Steve, ein selbstgefälliger Autor von historischen Schmökern, wollte unbedingt hier leben, weil er seit jeher von Flüssen fasziniert ist, und Helen fügte sich seinem Willen, auch wenn die beiden ausser den Eheringen nicht mehr viel verbindet. Steve verbringt den grössten Teil der Tage am Schreibtisch, hin und wieder geht er angeln. Helen, eine wunderschöne Frau mit geringem Selbstwertgefühl, freundet sich mit ein paar Dorfbewohnern am. Doch dann lässt sie sich auf eine Affäre mit dem charismatischen Eigenbrötler Matthew Summers ein – und setzt damit eine Kette von dramatischen Ereignissen in Gang.
Bibliografie:
‚Flush as May‘ (1963), ‚Picture of Millie‘ (1964), ‚A Hive of Glass‘ – ‚Tödliches Glas‘ (1966), ‚The Holm Oaks‘ (1966), ‚The Tower‘ (1968), ‚The Custom of the Country‘ (auch unter dem Titel ‚The Country of Again‘, 1969), ‚Cold Waters‘ – ‚Killereiland‘ (1969), ‚High Tide‘ – ‚Hochwasser acht vor zehn‘ (1971), ‚The Dancing Man‘ (1971), ‚The Whisper in the Glen‘ (1972), ‚A Rooted Sorrow‘ (1973), ‚A Thirsty Evil‘ – ‚Ihres Bruders Hüter‘ (1974), ‚The Graveyard‘ – ‚Blattschuss‘ (1975), ‚The Causeway‘ – ‚Der Weg durchs Wasser‘ (1976), ‚The Quiet River‘ – ‚Wenn das Wasser steigt‘ (1978), ‚Kill Claudio‘ (1979).
Einer meiner absoluten Favoriten, mit keinem anderen Autor vergleichbar. Very british! Er versteht es meisterhaft, den Leser in eine beängstigende Atmosphäre zu ziehen und nicht mehr loszulassen. Auch wenn zeitweilig nichts passiert, ist man gefangen, will wissen, was da in Wirklichkeit vor sich geht oder was sich hinter den Charaktermasken verbirgt. Der Protagonist muss nicht mal sympathisch sein. Hubbard ist/war einer der Giganten – und war immer leider „nur“ ein Geheimtipp.
Einer der grossartigen Autoren, auf die mich deine unverzichtbare Page gestossen hat. Wingate und Mather gehören auch dazu.
Ist es ein Krimi, ist es eine gepflegte englische Geistergeschichte in alten Gemäuern mit Seglerlatein satt? Jedenfalls obercool in Rhythmus und Stimmung. Auf einer Radtour in den Frühling musste ich immer wieder Pause machen, mich in die Sonne setzen und die nächsten 20-30 Seiten lesen, bis das Büchlein (in der klassischen Krimikürze früherer Zeiten) – endlich und leider – ausgelesen war. Sehr gekonnt geschrieben! Es bleibt der Eindruck, dass es männliche Singles im Britland-Empire ziemlich gut hatten, sogar mit ihren distanzierten Liebesgeschichten. Das höchste der Gefühle: „Wir fanden Trost – weit mehr als das – und danach sogar ein bißchen Schlaf.“