(*1971; schreibt auch als Alex Carr)

Jenny Siler wurde in New Brunswick, New Jersey, geboren, und wuchs in Missoula, Montana, auf. Sie besuchte eine High School in Andover, Massachusetts, blieb jedoch ohne Abschluss. Stattdessen jobbte sie ein Jahr in verschiedenen europäischen Ländern, zwei Sommer in einer Lachskonservenfabrik in Alaska und drei Jahre in Key West, Florida, bevor sie nach Seattle ging, um als Gabelstapelfahrerin, Möbelpackerin, Barmixerin und Lehrerin für taube Kinder zu arbeiten.

Siler war Mitte zwanzig, als sie mehr oder weniger zufällig zum Schreiben kam. Nach der Veröffentlichung ihres ersten Buches verbrachte sie fünf Jahre in Missoula, bis sie sich mit ihrem Mann, dem Lyriker Keith Dunlap, und ihrer gemeinsamen Tochter Vivica im Shenandoah Valley bei Lexington, Virginia, niederliess, um hauptberuflich Romane zu schreiben. Heute lebt sie in Portland, Maine, und betreibt mit ihrem Mann das Lokal ‚Black Cat Coffee‘.

Silers Erstlingsroman ‚Schnelle Beute‘ dreht sich um die Ex-Junkie Alison „Al“ Kerry, die sich mit illegalen Kurierdiensten (Rauschgift, Autos usw.) durchschlägt. Als sie eine harmlos aussehende Diskette übergeben soll, liegt ihr Mittelsmann erschossen in einer Toilette, doch Al kann den Killern in letzter Sekunde entfliehen. Ein befreundeter Computer-Freak findet auf der Diskette Hinweise auf illegale CIA-Aktionen in Vietnam – und wird ebenfalls ermordet. Jenny Siler erzählt die harte, mit klug eingestreuten Rückblenden angereicherte Road-Novel mit viel trockenem Witz und ohne Sentimentalität.

In ‚Auf dünnem Eis‘ nimmt Meg Gardner, eine kleine Gaunerin, die nach einer 18-monatigen Gefängnisstrafe in ihre Heimatstadt Missoula zurückkehrt, ihren ersten legalen Job an: Sie konfisziert Autos von säumigen Zahlern. Als sie den Cherokee des kurz vor der Pleite stehenden Piloten Clay Bennett zurückholen will, wird dessen Leiche gerade von der Polizei aus dem Wasser gezogen. Im Cherokee aber befindet sich ein Koffer mit Strassenkarten, auf den es diverse zwielichtige Gestalten abgesehen haben. Meg gerät in Lebensgefahr, beginnt, um ihre Haut zu retten, Bennetts gewaltsamen Tod zu ermitteln und findet heraus, dass dieser vor vierzig Jahren mit einem Flugzeug der Air Force über den Wäldern von Montana abgestürzt ist und sich noch immer auf der Suche nach dem Wrack des Flugzeugs befand. Transportierte Bennett damals einen Schatz? Die Autorin zeichnet in diesem poetischen Roman das eindrucksvolle Bild einer Aussenseiterin, der es letztlich nur ums Überleben geht.

Auch ‚Ticket nach Tanger‘ handelt von einer Überlebenskünstlerin: der Amerikanerin Eve, die mit einer Schusswunde im Kopf und ohne Gedächtnis vom Benediktinerinnen im Burgund aufgelesen wird und dann ein Jahr im Kloster verbringt, bis die Nonnen massakriert werden – die langen Schatten von Eves Vergangenheit. Eve muss fliehen, macht sich auf die Suche nach ihren Wurzeln, ihrer Identität. Die Reise bringt sie über Marokko zurück nach Frankreich und schliesslich in die Slowakei, wo sich der Kreis schliesst.

Nicole Blake, eine junge Libanesin mit amerikanischem Pass, ist die Protagonistin des Eric Ambler verpflichteten Politthrillers ‚Portugiesische Eröffnung‘, der in den USA unter Silers androgynem Pseudonym Alex Carr herauskam. Die vorbestrafte Dokumenten-Fälscherin, die zurückgezogen in den französischen Pyrenäen lebt, soll für den CIA-Agenten Valsamis ihren ehemaligen Liebhaber Rahim Ali aufspüren, weil dieser angeblich in einen antiamerikanischen Terrorakt verwickelt ist. Der Weg führt über Lissabon, wo Rahim vor Nicoles Augen ums Leben kommt, nach Beirut – hier wurde Nicoles Mutter bei einem Anschlag von arabischen Terroristen auf die amerikanische Botschaft im Jahre 1983 getötet. Mit grossem Geschick, in schnörkellosem Stil, verknüpft die Autorin Nicole Blakes Geschichte mit der unbedarften Nahostpolitik der Vereinigten Staaten unter Präsident George W. Bush.

Der multiperspektivisch angelegte, zwischen verschiedenen Zeiten hin und her springende Roman ‚Verschärftes Verhör‘ behandelt ein weiteres trübes Kapitel der neueren amerikanischen Aussenpolitik – den Afghanistan-Rachefeldzug nach 9/11. Im Mittelpunkt: Die Arabisch-Expertin Kat Caldwell, die 2002 in Bagram, dem grössten amerikanischen Stützpunkt in Afghanistan, Verhöre durchführte und als Dolmetscherin tätig war, und ihr damaliger Schützling, der jugendliche, in einem grauenhaften Waisenhaus aufgewachsene Marokkaner Jamal, der sich mit Prostitution und als CIA-Informant durchschlägt, sowie mehr oder weniger skrupellose Angehörige der US-Army und der CIA. Die düstere Geschichte kreist um den zwei Jahre zurückliegenden Erstickungstod eines mutmasslichen Terroristen in Bagram (wurde er beim Verhör etwas gar hart angefasst oder starb er auf natürliche Weise?), einen Fall, der in Kürze vor Gericht verhandelt werden soll – und dessen Zeugen jetzt auf dubiose Weise aus dem Verkehr gezogen werden.

Bibliografie:

‚Easy Money‘ – ‚Schnelle Beute‘ (1998), ‚Iced‘ – ‚Auf dünnem Eis‘ (2000), ‚Shot‘ (2002), ‚Flashback‘ – ‚Ticket nach Tanger‘ (2004).

Als Alex Carr (nur im Original; sonst als Jenny Siler): ‚An Accidental American‘ – ‚Portugiesische Eröffnung‘ (2007), ‚The Prince of Bagram Prison‘ – ‚Verschäftes Verhör‘ (2008).