(1931-2017; schrieb auch als Lee Jordan)
Alan Scholefield kam in Kapstadt, Südafrika, zur Welt. Er begann seine Ausbildung am Queen’s College in Queenstown und ging anschliessend an die University of Cape Town, wo er 1951 in Anglistik abschloss. Danach arbeitete er als Journalist für ‚The Cape Times‘ und ‚The Cape Argus‘. Die 50er-Jahre verbrachte er mit seiner Frau Patricia vorwiegend in Spanien, in dieser Zeit schrieb er seine ersten Kurzgeschichten. 1962, zwei Jahre nach der Scheidung, heiratete er die australische Journalistin und Autorin Anthea Goddard, mit der er sich in London niederliess. Sie unterstützte ihn finanziell, als er an seinem ersten Roman ‚A View of Vultures‘ schrieb. Sein zweiter Roman ‚Great Elephant‘ war dann ein derart grosser Erfolg, dass Scholefield aus steuertechnischen Gründen mit seiner fünfköpfigen Familie nach Wien, dann Frankreich zog. Später kehrten sie dann doch wieder nach England zurück und bezogen Wohnsitz in einem alten Gehöft in Hampshire.
Scholefields Werk ist breit gefächert. Es enthält afrikanische Abenteuerromane, subtile Psychodramen, schnörkellose Politthriller, eine drei Bände umfassende, auf Deutsch nicht erschienene Reihe um die Gefängnisärztin Dr. Anne Venon sowie die grossartige Serie um die Londoner Polizisten George Macrae und Leo Silver. Darüber hinaus verfasste er das Sachbuch ‚The Dark Kingdoms. The Impact of White Civilization on Three Great African Monarchies‘ (1975), Drehbücher und Hörspiele für die BBC. Zusammen mit Sara Dunn gab er 1992 den bezaubernden Gedichtband ‚Poetry for the Earth. A collection of poems from around the World that celebrates nature‘ heraus. Nach der Veröffentlichung seinen letzten Romans 1997 geriet Scholefield rasch in Vergessenheit. Sein Tod im Oktober 2017 blieb unbeachtet.
Schauplatz des Geiseldramas ‚Lautlos und tödlich‘ ist das von der Polizei umstellte Haus der millionenschweren, zurzeit im Ausland weilenden Eltern Michel und Ruth Blanchet. In dem abgelegenen Gebäude befinden sich ihr kränklicher zehnjähriger Sohn Philip, der heruntergekommene Hausmeister Dick Howard, der jahrelang in Afrika als Jäger unterwegs war, der kaltblütige Erpresser Jacmel, ein ehemaliger OAS-Söldner, und sein Komplize Dave Jeram – sowie, aufgrund einer verhängnisvollen Verwechslung, eine Schwarze Mamba, die sich versteckt hält, nachdem sie das Dienstmädchen zu Tode gebissen hat. Im ersten Teil stellt Scholefield seine Figuren vor und beschreibt, wie diese brenzlige Konstellation entstanden ist. Im zweiten Teil entwickelt sich ein mitreissendes Katz- und Mausspiel zwischen Jacmel und Chief Superintendent Bulloch, dem härtesten Bullen Londons. Piers Haggard verfilmte den Roman unter dem Titel ‚Venom‘ mit Klaus Kinski (!) als Jacmel.
Der klaustrophische Psychothriller ‚Katzenaugen‘ erzählt von Rachel Chater, einer jungen Schriftstellerin und frischgebackenen Mutter mit blühender Fantasie, die drei Wochen nach einem fürchterlichen Autounfall körperlich und seelisch erst halbwegs wiederhergestellt ist. Von ihrem Ehemann Bill wochenlang allein gelassen (als Drehbuchautor hat er einen lukrativen Auftrag in Hollywood zu erfüllen), wird sie in ihrem düsteren, einsam gelegenen Haus von Ängsten und Alpträumen gepeinigt. Dann geht’s Schlag auf Schlag: Eine verwilderte schwarze Katze, die beim Unfall eine entscheidende Rolle gespielt hatte, läuft ihr immer wieder über den Weg, dann wird ihr Hund vergiftet, Gerüchte über Bills Vergangenheit schiessen ins Kraut, und ihr Baby liegt eines Morgens halb erstickt in seinem Wagen – offensichtlich hat sich jemand in den Kopf gesetzt, Rachels Leben von Grund auf zu zerstören.
John Spencer, die Hauptperson in ‚Terror in Berlin‘, ist ein erfolgreicher britischer Unternehmer um die fünfzig, doch er hat keine reine Weste: In seiner Jugendzeit wurde er Teil einer antikommunistischen faschistischen Organisation, als sich die russische Armee bereits unaufhaltsam der deutschen Hauptstadt näherte. Fünfunddreissig Jahre später wird er von seiner Vergangenheit eingeholt: Drei deutsche Terroristen besetzen mit einer Geisel sein Haus, es kommt zu einer wilden Schiesserei, bei der auch Spencers hochschwangere Frau ums Leben kommt. Spencer begibt sich daraufhin in das geteilte Berlin, um sich an den Mördern seiner Frau zu rächen.
In ‚Makler des Todes‘ stellt sich die Frage: Wie wird man Dauermieter los, die ein erstklassiges Londoner Spekulationsobjekt einfach nicht verlassen wollen? Man engagiert eine Truppe jugendlicher Skinheads, die mit Terrorakten dafür sorgen, dass die betagten Leute im Altersheim, im Krankenhaus oder – wenn’s denn sein muss – auf dem Friedhof landen. Die letzte Überlebende Sophie Mendel lässt sich jedoch nicht so leicht ins Bockshorn jagen. Unterstützt durch ihre Ärztin Maggie Hollis und Bill Seago, den aus Boston angereisten Sohn von Sophies schwer verletzt im Krankenhaus liegenden Freund Stefan, stellt sie sich dem skrupellosen Makler mutig in den Weg. ‚Makler des Todes‘: eine atmosphärisch dichte, um Geldgier, Liebe und Mord kreisende, den Leser von der ersten bis bis zur letzten Seite fesselnde Geschichte.
Den Gipfel seiner schriftstellerischen Kunst erreichte Scholefield in den 90er-Jahren mit seinen sechs Polizeiromanen. Im Mittelpunkt der kunstvoll konstruierten, mit komischen und besinnlichen Passagen und herrlichen Dialogen durchsetzten Geschichten stehen zwei differenziert gezeichnete Cops: „Der grosse Ganovenjäger“ Detective Superintendent George Macrae, ein unbestechlicher, trinkfester und belesener, privat etwas heruntergekommener (er hat zwei Ex-Frauen, Linda und Mandy, und drei Kinder, und führt eine On-Off-Beziehung mit der jungen Prostituierten Frenchy) Ex-Boxer schottischer Herkunft, der seine Fäuste auch bei der Arbeit einsetzt, wenn er dies für nötig hält, und über äusserst wertvolle Verbindungen zur Londoner Unterwelt verfügt – ein Mann wie eine Naturgewalt; und der deutlich jüngere Detective Sergeant Leo Silver (eigentlich Leopold Silberbauer), sensibler, intelligenter Spross einer vor dem Holocaust geflüchteten jüdischen Familie, der seine Lebensgefährtin Zoe Betram kennenlernte, als er sie in letzter Sekunde aus den Fängen eines Vergewaltigers befreien konnte.
Silver über Macrae: „Ich habe ihn nie Schmiergeld annehmen sehen. Ich habe mal gesehen, wie jemand ihm was angeboten hat. Macrae prügelte ihn über einen Tisch und zwei Stühle. Er ist ein „Lasst Fäuste sprechen“-Polizist. Kann Computer nicht ausstehen. Und ist nicht scharf auf neue Polizeimethoden. Aber er bringt die Ganoven rein. Als ob er einen Krieg führte.“
Mandy, seine zweite Ex-Frau, über Macrea: „Du weisst vielleicht, wie ein Verbrecher tickt, aber von normalen Menschen hast du keine Ahnung.“
Macrea über seine Arbeit: „Sobald du anfängst zu ermitteln, weisst du nie, was du sonst noch alles ausgräbst. Wie wenn du einen Stein umdrehst: darunter findest du oft mehr als einen Wurm.“
‚Ein schöner Tag für Mord‘, der zweite Band der Serie, kreist um die zerrüttete Londoner Familie Healey, bestehend aus Robson, einem grosskotzigen Reeder mit einer Vorliebe für Sex mit jungen Mädchen, seiner kühlen Gattin, die sich im Gegenzug mit Robsons animalischem Angestellten Harris vergnügt, und ihrer gemeinsamen Tochter, die seit dem Kontaktabbruch mit den Eltern im Wald in einem Wohnwagen haust. Die beiden Cops kommen zum Zuge, als Robson Healey in seiner Villa erschossen aufgefunden wird. Schnell wird klar, dass praktisch alle Personen aus seinem Umfeld unter Tatverdacht stehen. Und dass es keine verlässlichen Zeugen gibt. Erschwerend kommt hinzu, dass Macrae und Silver mit dem pedantischen Streber Deputy Commander Kenneth Scales einen neuen Vorgesetzten bekommen; und dass der rachsüchtige Psychopath Ronnie Purvis, den Silver einst hinter Gitter gebracht hat, seit kurzem auf freiem Fuss herumläuft.
Bibliografie:
Afrikanische Abenteuerromane: ‚A View of Vultures‘ – ‚Die Hyänen‘ (1966), ‚Great Elephant‘ – ‚Zulu – wilder Himmel‘ (1967), ‚The Eagles of Malice‘ – ‚Adler des Bösen‘ (1968), ‚Wild Dog Running‘ – ‚Die wilden Hunde‘ (1970), ‚The Young Masters‘ – ‚Die jungen Herren‘ (1971), ‚The Hammer of God‘ – ‚Der Hammer Gottes‘ (1973), ‚Lion in the Evening‘ – ‚Löwen am Abgrund‘ (1974), ‚The Alpha Raid‘ – ‚Kanonenboot auf dem Tanganjika-See‘ (1976), ‚The Stone Flower‘ – ‚Die steinerne Blume‘ (1982), ‚The Sea Cave‘ – ‚Gestörte Verhältnisse‘ (1983), ‚Fire in the Ice‘ (1984), ‚King of the Golden Valley‘ – ‚König im goldenen Tal‘ (1985), ‚The Last Safari‘ – ‚Die letzte Safari‘ (1987), ‚The Lost Giants‘ (1989);
Krimi-Standalones: ‚Venom‘ – ‚Lautlos und tödlich‘ (1977), ‚Point of Honour‘ – ‚Ehrensache‘ (1979), ‚Berlin Blind‘ – ‚Terror in Berlin‘ (1980), ‚Loyalties‘ (1991), ‚Night Child‘ (1992), ‚The Drawning Mark‘ (1997);
George Macrae & Leo Silver-Serie: ‚Dirty Weekend‘ – ‚Kurzschluss‘ (1990), ‚Thief Taker‘ – ‚Ein schöner Tag für Mord‘ (1991), ‚Never Die in January‘ – ‚Stirb nie im Januar‘ (1992), ‚Threats & Menaces‘ – ‚Bis aufs Blut gequält‘ (1993), ‚Don’t Be a Nice Girl‘ (1994), ‚Night Moves‘ (1996);
Dr. Anne Vernon-Serie: ‚Burn Out‘ (1994), ‚Burried Treasure‘ (1995), ‚Bad Timing‘ (1997).
Als Lee Jordan (auf Deutsch als Alan Scholefield): ‚Cat’s Eyes‘ – ‚Katzenaugen‘ (gemeinsam mit Anthea Goddard, 1981), ‚Criss Cross‘ – ‚Spuren in die Dunkelheit‘ (1984), ‚The Deadly Side of the Square‘ – ‚Makler des Todes‘ (1988), ‚The Toy Cupboard‘ (1989), ‚Chain Reaction‘ (1989).
Ich würde noch gerne auf die Verfilmung von VENOM hinweisen: Ein absoluter Trash-Klassiker mit Oliver Reed und Kinski.
Hier ein Trailer: