Hinweise auf bisher nicht besprochene Kriminalromane von Autoren, die im Blog bereits aufgeführt sind. Die Texte habe ich in angepasster Form in die Autorenporträts eingefügt.

Attica Locke: ‚Black Water Rising‘ – ‚Black Water Rising‘, 2009

‚Black Water ‚Rising‘ spielt 1981 in der texanischen Öl- und Hafenmetropole Houston. Der Anwalt Jay Porter, vor zehn Jahren als Aktivist der Black Panther Party nur knapp einer Haftstrafe entgangen, schlägt sich in seiner schäbigen Kanzlei mit kleinen Fällen herum, stets darum bemüht, kein Aufsehen zu erregen. Als er mit seiner schwangeren Frau Bernie im Bayou einen feierlichen Abend auf einem Mietboot verbringt, gerät sein Leben aus den Fugen: Sie hören Schreie, Schüsse fallen, ein Körper stürzt in den Fluss. Jay birgt eine weisse Frau, die im Wasser um ihr Leben ringt, und bringt sie auf den nächsten Polizeiposten. Wenig später erfährt er, dass ganz in der Nähe ein Mann ermordet wurde, worauf ihn seine Vergangenheit, seine Paranoia einholen: Er gerät ins Fadenkreuz der Polizei, des FBI und der allmächtigen Ölbarone, wird geschmiert, bedroht, verfolgt und überfallen, während in Houston ein durch seinen Schwiegervater Reverend Boykins organisierter Streik der für Lohngleichheit kämpfenden schwarzen Dockarbeiter bevorsteht. Jay soll vermitteln, führte er doch in seiner Studentenzeit eine Liebesbeziehung mit Cynthia Maddox, einer (damals) militanten weissen Kämpferin für Rassengleichheit, die sich inzwischen als Bürgermeisterin mit den Bossen arrangiert hat. Locke konstruiert aus diesem Stoff eine engagierte, vielschichtige Geschichte mit Sprüngen zwischen den späten 60er- und den frühen 80er-Jahren – und einem hin und her gerissenen Anwalt, der dem Verbrechen, dessen Zeuge er war, nach anfänglichem Zaudern auf den Grund geht.

Zum Porträt: Locke, Attica

Castle Freeman: ‚The Devil in the Valley‘ – ‚Ein Mann mit vielen Talenten‘, 2015

Langdon Taft, ein aussortierter, versoffener Lehrer, lebt ganz allein in einem riesigen Haus im Vermonter Hinterland. Eines Tages taucht ein sprachgewandter, fein gekleideter Gentleman namens Dangerfield mit einem verführerischen Angebot bei ihm auf: sieben Monate soll Taft alles bekommen, was er will, allerdings zu einem hohen Preis: ewiges Schmoren in der Hölle nach Ende des Vertrags. Taft, der nichts mehr zu verlieren hat, willigt ohne langes Federlesen ein. Zu Dangerfields bassem Erstaunen wünscht er sich allerdings weder ein schickes Auto noch einen Haufen Geld oder heisse junge Frauen, sondern Hilfe bei der Vollbringung guter Taten. Stets begleitet von seinem Feund Edy und natürlich auch von Dangerfield, den er als einziger sehen und hören kann, treibt Taft einen hochnäsigen New Yorker Prozessanwalt in den Wahnsinn, lässt einem schwer erkrankten Jungen die bestmögliche Behandlung zukommen, nimmt sich drei aggressive Teenies zur Brust und rettet ein junges Mädchen vor dem Ertrinken. Taten, die Luzifers Interessen diametral entgegenstehen. Freemans drittes Einzelwerk ‚Ein Mann mit vielen Talenten‘ ist eine wunderbare, humorvolle Mischung aus Märchen und Country noir mit einer herzerwärmenden Lösung.

Zum Porträt: Freeman, Castle

S. A. Cosby: ‚Razorblade Tears‘ – ‚Die Rache der Väter‘, 2021

Isiah Randolph und Derek Jenkins, Eltern einer kleinen Tochter, sind auf offener Strasse in Richmond, Virginia, auf brutalste Weise hingerichtet worden. Bei ihrem Begräbnis treffen die Väter erstmals aufeinander, der verheirate afroamerikanische Kleinunternehmer Ike, Strassenname Riot, und der geschiedene, dem Schnaps verfallene „White Trailor Trash“ Buddy Lee, die ausser Homophobie, Knastvergangenheit und Rachsucht nichts verbindet. Sie raufen sich zusammen, um zu erledigen, was den Bullen nicht gelungen ist: die Mörder aus dem Verkehr ziehen, und zwar auf ihre eigene, knallharte Art. Zwischen Ihnen und der Biker Gang Rare Breeds entwickelt sich ein hässlicher Kampf, in dessen Verlauf Ike zu der schlichten Erkenntnis gelangt, dass „Rache nichts anderes ist als Hass, nur netter verpackt“. Die Abscheulichkeit des Kriminalfalls – Derek und Isiah hatten Wind bekommen von der Affäre eines verheirateten Richters mit einer Transgender Frau – passt, wie sich alsbald zeigt, zu dem MAGA-Staat Virginia wie die Faust aufs Auge. Emotionale Ausbrüche, schrille, gewalttriefende Szenen, an denen Sam Pekinpah seine helle Freude hätte, derbe Dialoge und Selbstgespräche der beiden rührenden, von Schuldgefühlen gequälten alten Männer, die mit aller Kraft versuchen, aus ihren Fehlern zu lernen – ‚Razorblade Tears‘ ist ein grossartiger, zurecht mit Awards überhäufter Country Noir, den Jürgen Bürger stilsicher ins Deutsche gebracht hat. Der farblose deutsche Titel ‚Die Rache der Väter‘ wird der Geschichte jedoch nicht ganz gerecht.

Zum Porträt: Cosby, S. A.

Anthony J. Quinn: ‚Disappeared‘ – ‚Auslöschung‘, 2012

‚Auslöschung‘: Nordirland, Lough Neagh, zwölf Jahre nach dem Belfaster Karfreitagsabkommen: Der ausgemusterte, inzwischen demente Special Brant-Agent David Hughes wird von bösen Geistern heimgesucht – und verschwindet. Fast gleichzeitig wird Joseph Levine, der im Nordirlandkonflikt jahrzehntelang für die britischen Sicherheitsdienste, die Special Branch, spioniert hat, in seinem Schlupfwinkel auf einer unbewohnten Seeinsel hingerichtet, nachdem er am Vortag seine eigene Todesanzeige in einer Zeitung abdrucken liess. Der Belfaster Police Inspector Celcius Daly beginnt zu ermitteln – und stösst auf ein weit zurückliegendes Verbrechen: Oliver Jordan, wurde 1989 als Spitzel verunglimpft und daraufhin durch seine IRA-Kollegen verschleppt und ermordet, eine Tat, die von der Polizei stillschweigend abgehakt wurde und ungesühnt blieb und der Witwe Tessa und ihrem halbwüchsigen Sohn Dermot bis heute keine Ruhe lässt. Diente Oliver Jordan der Special Branch als Bauernopfer zu Gunsten eines hochkarätigen Informanten, den sie auf keinen Fall verlieren wollte? Weitere Männer kommen gewaltsam ums Leben bis zum Showdown am Lough Neagh, an dem neben Celcius Daly, David Hughes und dem Mörder auch Dermot Jordan teilhat, der eigentlich ja nur das Grab seines Vaters finden wollte. Mit Celcius Daly, einem einsamen, nachdenklichen Mann mittleren Alters mit tiefer Sehnsucht nach Gerechtigkeit, einem Mann, der die Trennung von seiner Frau noch nicht verarbeitet hat und als katholischer Bulle in einem protestantischen Land Tag für Tag einen Balanceakt vollbringt, hat Quinn eine komplexe, eigenständige Figur zum Leben erweckt.

Zum Porträt: Quinn, Anthony J.

William McIlvanney / Ian Rankin: ‚The Dark Remains‘ – ‚Das Dunkle bleibt‘, 2021

Jack Laidlaw hatte seinen ersten Auftritt als Detective Constable der Glasgow Crime Squad im Oktober 1972 in dem grandiosen Prequel ‚The Dark Remains‘ (‚Das Dunkle bleibt‘), der, vollendet von Ian Rankin und meisterhaft übersetzt durch Conny Lösch, erst sechs Jahre posthum erschienen ist. Laidlaw, der schon immer als charakterlich schwierig galt und lieber in einem Hotel als zuhause bei seiner Frau und den drei kleinen Kindern übernachtet; eine Naturgewalt, die sich in kein Team einfügen kann. Dafür besitzt er einen sechsten Sinn für alles, was sich auf der Strasse abspielt. Und vor allem ist er „kein Polizist, der zufällig auch Mensch ist. Er ist ein Mensch, der zufällig auch Polizist ist“. Ein Urgestein bereits jetzt, mit Ende dreissig. Wer sich mit ihm unterhält, braucht gute Nerven: „Mrs. Mason? Ich würde gerne Ihren Mann sprechen.“ – „Er ist grad erst raus aus dem Krankenhaus.“ – „Deshalb bin ich ja hier und nicht dort.“ Die Geschichte beginnt mit dem gewaltsamen Tod des ausgekochten Anwalts Bobby Carter, der hauptsächlich für Cam Colvin, den gefürchteten Boss der Glasgower Unterwelt, gearbeitet hat, und dessen Leiche ausgerechnet im Revier von Colvins mächtigstem Gegenspieler John Rhodes aufgefunden wird. Mit seinem Partner Detective Sergeant Bob Lilley begibt Laidlaw sich auf Spurensuche, um wenn möglich einen Bandenkrieg zu verhindern. Er redet mit Colvin Rhodes, dem er fast näher steht als seinem unfähigen, selbstgefälligen Vorgesetzten DI Milligan; mit seinen Spitzeln, mit Carters Ex-Freundin Jenni Love, doch all dies bringt ihn vorerst nicht viel weiter – erst der Besuch bei Carters Familie führt ihn auf die richtige Spur.

Zum Porträt: McIlvanney, William