(1936-2015)

William Angus McIlvanney kam in der schottischen Kleinstadt Kilmarnock, Ayrshire, als jüngstes von vier Kindern einer mittellosen, jedoch lebensfrohen Arbeiterfamilie zur Welt. Nach seiner Ausbildung an der Kilmarnock Academy studierte er Anglistik an der University of Glasgow mit einem Abschluss 1959, um danach fünfzehn Jahre an verschiedenen schottisches Schulen und Universitäten Englisch zu unterrichten. 1961 heiratete er Moira Watson, mit der er einen Sohn, Liam, und eine Tochter, Siobhan, hatte; die Ehe wurde 1982 geschieden. (Liam McIlvanney, ein heute in Neuseeland lebender und lehrender Schottisch-Professor, debütierte 2009 als Krimiautor und gewann 2018 den nach seinem Vater benannten McIlvanney Prize für den besten schottischen Krimi des Jahres.)

McIlvanney veröffentlichte seinen ersten Roman ‚Remedy is None‘ im Jahr 1966, neun Jahre später machte er das Schreiben zum Hauptberuf. Sein schmales Werk enthält Gedichte, Kurzgeschichten, Essays, einige nicht dem Krimigenre zuzurechnende Romane über die schottische Arbeiterklasse und drei stilistisch brillante Krimis um den Glasgower Polizisten Jack Laidlaw, von denen der erste der bekannteste ist. Darüber hinaus arbeitete McIlvanney als Kolumnist bei der Zeitung ‚The Herald‘ und beim Fernsehen und unterrichtete Kreatives Schreiben.

Nach mehrjährigem Aufenthalt in Edinburgh lebte McIlvanney mit seiner Lebensfährtin, der Grundschullehrerin Sibhan Lynch, wieder in Glasgow. Er arbeitete dem Vernehmen nach an einer Fortsetzung der Jack Laidlaw-Serie, als er kurz nach seinem 79. Geburtstag in seinem Haus verstarb. Er gilt als Gründervater des „Tartan noir“ (Begriff für schottische Kriminalliteratur) und zählt zu den bedeutendsten Prosaautoren und Lyrikern seines Landes.

Detective Inspector Jack Laidlaw, unglücklich mit Ena verheirateter dreifacher Familienvater Anfang vierzig, ist ein guter Polizist mit schwierigem Charakter – ein hoch gebildeter Eigenbrötler und Querdenker mit einem tiefen Sinn für soziale Gerechtigkeit, ein starker Trinker („Proust hatte seine Madelaine, ich meinen Whisky“), ein (laut seinem Schöpfer) gewalttätiger Mann, der Gewalt eigentlich zutiefst verabscheut, ein Ermittler, der sich immer wieder gegen seine Vorgesetzten auflehnt. Er weiss, dass der Grat zwischen Gesetzestreue und Kriminalität äusserst schmal ist und kann deshalb für Verbrecher Mitgefühl aufbringen, auch wenn er ihre Taten missbilligt. Im Fortgang der Trilogie trennt er sich von Ena und beginnt eine Affäre mit einer zehn Jahre jüngeren Frau, seine Kinder sieht er nur noch selten.

Mit dem jungen Detective Constable Brian Harkness und seinem Intimfeind Detective Inspector Ernie Milligan, der weit herum als harter Hund berüchtigt ist, ermittelt Jack Laidlaw in ‚Laidlaw‘ den Fall eines Mädchenmordes, in dem Tommy Bryson, ein verwirrter 20-Jähriger, der beweisen wollte, dass er nicht homosexuell ist, für den Leser von Beginn weg als Täter feststeht und jetzt von dem rüpelhaften Vater des 18-jährigen Opfers Jennifer gejagt wird. Doch Tommy ist der Geliebte eines Vertreters der organisierten Kriminalität, weiss vielleicht zuviel über deren Geschäfte, eine Verhaftung des Jungen muss deshalb mit allen Mitteln verhindert werden – für Laidlaw beginnt ein Wettkampf mit der Zeit. McIllvanney erzählt die figurenreiche Geschichte in einer kräftigen, poetischen Sprache und zeichnet ein facetten- und detailreiches Bild seiner Stadt.

‚Die Suche nach Tony Veitch‘ wartet mit einem bunten Ensemble von Glasgower Ganoven auf, die, sofern sie nicht alsbald ins Gras beissen, vor allem eines gemeinsam haben: Sie suchen fieberhaft nach dem aus bestem Haus stammenden Studienabbrecher Tony Veitch, der sich offenbar in gefährliche Gesellschaft begeben hat – und der höchst wahrscheinlich nicht mehr am Leben ist, als auch Laidlaw und Harkness seine Spur aufnehmen. Mit seinem schwarzen Humor, seinen originellen Vergleichen und trockenen Sprüche zieht McIlvanney den Leser auch in dieser Geschichte in den Bann.

Im letzten Band ‚Fremde Treue‘ tritt Laidlaw erstmals als Ich-Erzähler auf. Die komplexe Geschichte kreist um Laidlaws jüngeren Bruder Scott, verheirateter Künstler und Lehrer, gescheiterter Idealist, der betrunken auf die Strasse torkelt und überfahren wird – sein Tod wird schnell als Unfall abgehakt. Doch Laidlaw zweifelt an dieser Erklärung, begibt sich an Scotts Wohnort Graithnock in der schottischen Provinz, unterhält sich mit Freunden und Bekannten des Toten, mit Scotts kühler Frau Anna,  die ihn abblitzen lässt. Und allmählich kristallisiert sich heraus, dass ein rätselhaftes Gemälde von Scott – fünf Männer an einem Tisch, einer mit leerem Gesicht – und ein tragisches, sechzehn Jahre zurückliegendes Ereignis für den Fall bedeutsam sind. Und auch ein Mordfall in Glasgow, mit dem sich Laidlaws Kollegen zurzeit befassen, scheint irgendwie mit Scotts Tod zusammenzuhängen.

Bibliografie:

Laidlaw-Trilogie: ‚Laidlaw‘ – ‚Laidlaw‘ (auch unter dem Titel ‚Im Grunde ein ganz armer Hund‘, 1977), ‚The Papers of Tony Veitch‘ – ‚Die Suche nach Tony Veitch‘ (1983), ‚Strange Loyalties‘ – ‚Fremde Treue‘ (1991).