(*1962)

Patricia Melo wurde in Assis in der brasilianischen Provinz Sao Paulo geboren, über ihre Jugendzeit und berufliche Ausbildung ist nichts bekannt. In erster Ehe mit einem TV-Produzenten verheiratet, arbeitete sie in den späten 80er- und frühen 90er-Jahren als Drehbuchautorin für Film und Fernsehen. Stark beeinflusst von ihrem grossen Vorbild und engen Freund Rubem Fonseca debütierte sie 1994 im Krimigenre. Der Durchbruch folgte ein Jahr später mit ‚O Matador‘, ihrem zweiten von bislang neun Noir-Romanen, in denen sie das Bild einer gewalttätigen urbanen Gesellschaft gestaltet.

Melos Krimierstling ‚Ich töte, du stirbst‘ besteht aus zwei locker miteinander verbundenen Geschichten über den Zwang, zu morden: Rita, die vernachlässigte Frau des Fernsehproduzenten Rubem Marcondes, die den ganzen Tag amerikanische Actionfilme anschaut, sucht einen Kommissar auf, um ihren Mann zu denunzieren: Rubem Marcondes sei der berüchtigte Würger des Stadtteils Lapa. Der Kommissar zweifelt an Ritas Verstand, Rita stirbt. Die zweite Geschichte dreht sich um einen 50-jährigen Spiesser, der seine dicke Nachbarin Celia dermassen hasst, dass er sie einfach umbringen muss. Er schmiedet einen Plan, dreht langsam durch und ertränkt Celia (zumindest in Gedanken) in der Badewanne. Als er in der Zeitung von einem Serienmord in Lapa liest, geht er schnurstracks in die Polizeiwache und gesteht: Ich bin der Lapa-Würger…

Für ihren zweiten Roman ‚O Matador‘ interviewte die Autorin zwei Jahre lang professionelle Killer im brasilianischen Gefängnis San Bernardo do Campo. Die rabenschwarze, an grotesken Szenen reiche Geschichte erzählt von dem Leben des 22-jährigen Fussballfans und Gebrauchtwarenhändlers Maiquel, eines einfältigen, der untersten sozialen Schicht Sao Paulos entstammenden Schwätzers, der (nach einer verlorenen Fussballwette) durch Zufall zu töten beginnt, daran Gefallen findet und daraufhin als Auftragskiller Karriere macht. Er bringt es zu Wohlstand und sozialem Ansehen, wird Chef einer kleinen, als Sicherheitsdienst getarnten Schutzgeldtruppe, bis er irgendwann den Falschen umbringt, von seinen Hintermännern fallen gelassen wird und hinter Gitter kommt. Als ihm dann die Flucht aus dem Knast gelingt, hat er nur noch eines im Kopf: Rache zu nehmen an den Männern, die ihn verraten haben. ‚O Matador‘ wurde unter dem Titel ‚O homem de ano‘ (‚The Man of the Year‘, 2003) verfilmt und mehrfach ausgezeichnet; Rubem Fonseca verfasste das Drehbuch, sein Sohn José Henrique Fonseca führte Regie.

Melos sechster Krimi ‚Mundo perdido‘, 2006 erschienen, ist die Fortsetzung von ‚O Matador‘, in der Maiquel nach zehn Jahren auf der Flucht nach Sao Paulo zurückkehrt, um wiederum ein Blutbad anzurichten (keine deutsche Übersetzung).

In ‚Inferno‘ porträtiert Melo das Favela-Produkt José Luis Reis, genannt Reizinho, aus Rio de Janeiro, das vom schmächtigen, mit elf Jahren bereits cracksüchtigen Bürschchen zu einem der mächtigsten Drogenbosse der Stadt heranwächst und sich fürderhin mit konkurrierenden Kartellen bürgerkriegsähnliche Revierkämpfe liefert. Das vielschichtige, ganz ohne Sentimentalität erzählte Sozialdrama zeichnet ein schonungsloses Bild der von Gott und dem Staat verlassenen brasilianischen Slums, in denen Gewalt zum Alltag gehört.

In ‚Leichendieb‘ steht (wie in fast allen Romanen der Autorin) eine abstossende Gestalt im Mittelpunkt: Der namenlose Ich-Erzähler mit dem Spitznamen „Porco“, Geschäftsführer eines Callcenters in Sao Paulo, bis er sich vor Jahresfrist in die öde Kleinstadt Corumba an der Grenze zu Bolivien zurückgezogen hat und hier mit seiner Freundin Sulamita, der Leiterin des örtlichen Leichenschauhauses, eine nicht sehr erfüllende Beziehung führt. Sein Leben gewinnt jedoch an Fahrt, als ein Sportflugzeug vor seinen Augen in den Fluss stürzt. An Bord: Der sterbende Pilot – ein junger Mann aus wohlhabendem Haus – und ein Kilo Kokain. Der Namenlose schmeisst die Leiche ins Wasser, behändigt den Stoff, verschwindet, ohne den Unfall der Polizei zu melden, und verscherbelt dann die Beute – der Beginn einer kriminellen Laufbahn, in deren Verlauf „Porco“, dieses opportunistische, ständig sich selbst betrügende und anlügende Ekelpaket, sich und Sulamita immer tiefer in den Schlamassel reitet.

Patricia Melo, die auch als Dramaturgin und sozialkritische Journalistin von sich reden macht, ist in zweiter Ehe mit dem brasilianischen Meisterdirigenten und Komponisten John Neschling verheiratet und lebt mit ihm seit 2011 am Luganer See in der Schweiz. Sie hat eine erwachsene Tochter aus erster Ehe.

Bibliografie:

‚Aqua Toffana‘ – ‚Ich töte, du stirbst‘ (1994), ‚O Matador‘ – ‚O Matador‘ (1995), ‚Elogio da mentira‘ – ‚Wer lügt, gewinnt‘ (1998), ‚Inferno‘ – ‚Inferno‘ (2000), ‚Valsa negra‘ – ‚Schwarzer Walzer‘ (2003), ‚Mundo perdido‘ (2006), ‚Jonas, o copromanta‘ (2008), ‚Ladrado de Cadaveres‘ – ‚Leichendieb‘ (2010), ‚Escrevendo no escuro‘ (2011), ‚Fogu-Fatuo‘ – ‚Trügerisches Licht‘ (2014), ‚Gog Magog‘ – ‚Der Nachbar‘ (2017).