Hinweise auf bisher nicht besprochene Kriminalromane von Autoren, die im Blog bereits aufgeführt sind. Die Texte habe ich in angepasster Form in die Autorenporträts eingefügt.

Joseph Incardona: ‚Aller simple pour Nomad Island‘ – ‚One-Way-Ticket ins Paradies‘, 2014.

Die Genfer Familie Jensen – Paul der erfolgreiche Bankier, seine Frau Iris, durch eine Fehlgeburt vor einem Jahr aus der Bahn geworfen, die 14-jährige Tochter Lou im Sturm der Hormone und der verschlossene 9-jährige Sohn Stanislas – möchte im Urlaub auf einer Karibikinsel zur Ruhe kommen. Nach einigen Schwierigkeiten bei der Ankunft erreicht sie das traumhafte ‚Nomad Island Resort‘ – doch schon bald mehren sich die Hinweise, dass hier nicht alles mit rechten Dingen zugeht: Die Gäste, die sich als „Bewohner“ bezeichnen, sind alle gleich gekleidet; Männer, Frauen und Kinder werden für die sportlichen Aktivitäten streng getrennt; das Paradies wird durch einen Stacheldraht von der Umgebung abgegrenzt und mit Drohnen überwacht; furchterregende Rituale finden jede Nacht in der Anlage statt. Und dann bricht der Horror in das Leben der Familie Jensen ein. Raffiniert entwickelt der Autor seinen Noir – eine stimmige Mischung aus Psychothriller, Familienporträt und Horrorgeschichte mit satirischen Elementen und einer saftigen Überraschung auf der letzten Seite.

Zum Porträt: Incardona, Joseph

David Goodis: ‚Street of the Lost‘ – ‚Strasse der Barbaren‘, 1952.

‚Strasse der Barbaren‘ – im Original treffender ‚Street of the Lost‘ – ist eine Geschichte über verlorene Menschen, die gottvergessene Ruxton Street bildet den Mittelpunkt. Hier leben Ches Lawrence, ein aufbrausender Eisenbahnschlosser, mit seiner Frau Erna und deren versoffenen, kindischen Verwandten; der aufrechte schwarze Kneipier Sam, Ches‘ bester Freund; der psychopathische Alkoholschmuggler und Zuhälter Matt Hagen, ein fetter Exboxer mit knallharten Fäusten; die Lichtgestalt Bertha, Betreiberin einer heruntergekommenen Schnapskneipe – und ein frisch zugezogenes chinesisches Mädchen als Katalysator von abscheulichen Geschehnissen. Ganz am Ende blüht indes ein Hauch von Hoffnung auf.

Zum Porträt: Goodis, David

Lawrence Block: ‚Hit List‘ – ‚Kellers Konkurrent‘, 2000.

Der zweite, weitgehend in sich geschlossene Band der Serie um den Auftragskiller Keller besteht zu 90% aus herrlichem Gefasel – aus Kellers Gedankenfetzen und Selbstgesprächen über Banalitäten, Briefmarken, Kunst, seinen Beruf, und aus ironietriefenden Dialogen mit seiner Chefin Dot nach erfülltem Auftrag. Leeres Gerede bestimmt – neben dem Sex – auch die Beziehung mit seiner neuen Bettgefährtin, der Goldschmiedin Maggie Griscomb, die er auf einer Ausstellung von Bildern eines Malers kennenlernt, der, wie sich später herausstellt, sein nächstes Opfer sein soll. Dot zu Keller: „Das wird ja immer schöner, Keller. Du erledigst den Typen, schlägst bei dir zuhause einen Nagel in die Wand und hängst eines seiner Bilder daran auf. Wenn du schon unbedingt ein Souvenir haben möchtes, dann schneide ihm ein Ohr ab. Und wenn dich jemand fragt, sagst du, es ist das von Van Gogh“. Doch dann erscheint ein zweiter Hitman auf der Bildfläche, „Roger“, der offenbar seine Konkurrenten abmurkst, um die eigene Bilanz zu optimieren – zwischen Keller und Roger entwickelt sich ein Duell auf höchstem Niveau, kurz unterbrochen durch Kellers erstmaligen Auftritt als Geschworener in einem haarsträubenden Prozess.

Zum Porträt: Block, Lawrence

Attica Locke: ‚Heaven, My Home‘ – ‚Heaven, My Home‘, 2019.

Zwei Jahre nach ‚Bluebird, Bluebird‘ erschienen, befasst sich auch der zweite Darren Mathews-Roman mit Südstaaten-Rassismus in all seinen Facetten – er spielt in der Zeit zwischen dem Wahlsieg und der Amtsübernahme von President Trump. Im osttexanischen Marion County, in der fiktiven Ortschaft Hopetown am Lake Caddo, ist Levi King von einem Bootsausflug nicht zurückgekehrt – ein neunjähriges Bürschchen, das schon einiges auf dem Kerbholz hat. Levis Vater Bill, der seit sechs Jahren im Knast einsitzt, ein führendes Mitglied der Arischen Brudschaft von Texas (ABT), zieht auch jetzt noch viele Fäden, und das FBI wittert eine Chance, diesen Neonazi-Abschaum auszumerzen, bevor Trump ihn womöglich als Ehrengarde einsetzt – ein Deal mit Bill „Big Kill“ King könnte hierzu entscheidend sein.

Der schwarze Texas Ranger Darren Mathews, eine zerrissene Persönlichkeit mit teils fragwürdiger Rechtsauffassung, übernimmt den kniffligen Auftrag, den Jungen aufzuspüren, um dessen Vater mild zu stimmen, und stösst auf ein Schlangennest. FBI-Agent Chris Heglund, Darrens weisser Kumpel aus Studienzeiten, Sheriff Quinn, der alte, schwarze Landbesitzer Leroy Page, der schmierige Immobilien-Spekulant Sandler Gaines und Levis grausame, aristokratische Grossmutter Rosemary sind involviert, während Darrens verwitwete Mutter Bell einmal mehr im Hintergrund ihr Unwesen treibt. ‚Heaven, My Home‘ ist wie sein Vorgänger ‚Bluebird, Bluebird‘ ein komplexer, kluger, in Grautönen gehaltener Roman, in dem Attica Locke ihr feines Händchen für ambivalente Figuren beweist und das eindrucksvolle Bild eines Landstrichs zeichnet, in dem Caddo-Indianer und Schwarze jahrzehntelang einträchtig nebeneinander lebten, bis ihn der „White Trash“ mit seinen Trailern in Besitz genommen und hasserfüllt vergiftet hat.

Zum Porträt: Locke, Attica

Campbell Armstrong: ‚Agents of Darkness‘ – ‚Ex‘, 1991.

‚Ex‘ ist nicht nur ein intelligent komponierter, komplexer, stilistisch brillanter Politroman mit einem atemberaubendem Ausgang, sondern auch eine tiefgründige Darstellung des American Way of Life, der Höhen und Tiefen einer Paarbeziehung und nicht zuletzt des Saufens – Campbell Armstrongs Meisterwerk, in das der Autor seine Erlebnisse während eines längeren Aufenthalts auf den Philippinen und den Umgang mit seiner eigenen Alkoholsucht einfliessen lässt.

Der seit fünfzehn Jahren in Los Angeles lebende Schotte Charlie Galloway, ein empfindsamer, zweifelnder Mann Ende dreissig mit vielen Facetten, befindet sich auf dem absteigenden Ast: Seinen Job beim LAPD hat er verloren, seine bezaubernde Frau Karen will offenbar nichts mehr von ihm wissen – die Quittung für seine ungezählten Sauftouren. Als seine liebenswürdige, ihm und Karen seit vielen Jahren freundschaftlich verbundene philippinische Haushälterin Ella Nazarena umgebracht wird, geht Charlie der unbegreiflichen Tat verbissen auf den Grund.

Die zweite Hauptperson ist Armando Teng, Produkt einer kurzen Affäre zwischen einer Filipina und einem amerikanischen Soldaten, seelisch zerbrochen durch eine mörderische Aktion der Amerikaner auf den Philippinen Mitte der 80er-Jahre, in den letzten Tagen des finsteren Marcos-Regimes, der auch seine heiss geliebte, politisch aufmüpfige Freundin zum Opfer fiel. Jovitoe Baltazar, damals knapp mit dem Leben davongekommen, entsendet ihn in die Vereinigten Staaten, damit er sich an den Tätern rächt.

Ein weiterer Strang befasst sich mit den Ränkespielen des kalifornischen Senators Byron Truskett, der fest damit rechnet, zum nächsten US-Präsidenten gekürt zu werden. Den konfliktgestählten, ihm nahe stehenden Regierungsbeamten William Laforge als Nachfolger des soeben gestorbenen CIA-Direktors zu etablieren, wäre ein wichtiger Schritt auf dem Weg ins Weisse Haus, doch Laforge hat seit der Zeit, als er Marcos beim Kampf gegen die Rebellen unterstützte, eine schmutzige Weste und wird nun von seiner Vergangenheit eingeholt.

Zum Porträt: Armstrong, Campbell

Kenneth Abel: ‚Bait‘ – ‚Köder am Haken‘, 1994.

Der Köder heisst Jack Walsh. Der Bostoner Cop verlor den Boden unter den Füssen, als sein Partner bei einem gemeinsamen Einsatz erschossen wurde, begann zu saufen, und tötete bei einem Autounfall Vincent D’Angelo, den einzigen Sohn des Mafia-Paten Johnny D’Angelo. Nach mehrmonatigem Aufenthalt im Knast taucht er in der Provinz von Massachusetts unter, wo sein Bruder einen Laden betreibt. Auf Jacks Fersen: Rachsüchtige Mobster, die Scheidungsanwälte seiner Frau – und die aufstrebende Staatsanwältin Kate Haggerty, die ihm einen verlockenden Deal anbietet: Er wird rehabilitiert, wenn es ihm gelingt, Johnny D’Angelo in die Pfanne zu hauen – ein Selbstmordunternehmen, doch Walsh, der nichts mehr zu verlieren hat, beisst an. Darüber hinaus will er mit seinem ehemaligen Vorgesetzten Tony Keenan abrechnen, dem auf Abwege geratenen Cop vom Drogendezernat, der vermutlich Walshs Partner auf dem Gewissen hat. In seinem ersten Krimi glänzt Kenneth Abel mit grossartigen Dialogen, scharfer Figurenzeichnung, und zeigt auf, dass die Übergänge zwischen Gangstern und Polizisten fliessend sind.

Zum Porträt: Abel, Kenneth