(1917-1967)

David Goodis wurde als Sohn jüdischer Eltern in Philadelphia, Pennsylvania, geboren. Er hatte zwei jüngere Brüder, von denen einer mit drei Jahren an einer Hirnhautentzündung starb. Nach dem Abschluss an der Simon Gratz High School und einem Abstecher an die University of Indiana in Bloomington studierte er bis 1938 Journalismus an der Temple University in Philadelphia. Es folgte eine kurze Zeit als Texter in einer Werbeagentur.

1939 ging Goodis nach New York City und verfasste in den folgenden drei Jahren unter mehreren Pseudonymen Radioserien (unter anderem ‚Hop Harrigan‘ und ‚Superman‘), Hörspiele und vor allem unzählige Detektiv-, Horror-, Western- und Kriegsgeschichten für die Pulp-Magazine, aber auch seinen ersten Roman ‚Retreat from Oblivion‘ (kein Krimi). 1942 bezog er Wohnsitz in Los Angeles und heiratete im Oktober 1943 die gleichaltrige, ebenfalls aus Philadelphia kommende Möchtegern-Schauspielerin Elaine Astor, doch die (geheim gehaltene) Ehe hielt nicht lange: Elaine verliess Goodis nach knapp einem Jahr, die Scheidung folgte im Januar 1946 – die gescheiterte Beziehung zu Elaine sollte Goodis‘ Frauenbild für den Rest seines Lebens prägen.

Nach der Trennung von Elaine erlebte Goodis eine wüste, nicht sehr erfolgreiche Zeit in Hollywood. Er besass zwar einen gut dotierten 6-Jahres-Vertrag mit Warner Brothers, schrieb eine Handvoll Drehbücher, und auch seine nebenher betriebene Schriftstellerei kam nicht zu kurz; nachts aber trieb er sich vornehmlich auf der Strasse und in den übelsten Kneipen und Nachtklubs herum und wurde immer wieder in Schlägereien verwickelt. Für ein paar Dollar Monatsmiete schlief er auf dem Sofa seines Freundes, des Anwalts Allen Norkin, dessen alte Kleider er trug und blau färbte, wenn sie verblichen waren (Goodis‘ Geiz war legendär).

1950 kehrte Goodis ins Elternhaus zurück, um seinen schizophrenen Bruder Herbert zu betreuen, seine Eltern finanziell zu unterstützen und seiner Tätigkeit als Krimiautor neuen Schwung zu verleihen – und auch hier, in Philadelphia, suchte er immer wieder die gefährlichsten Gegenden und Lokale auf.

Der Tod seiner Eltern (der Vater starb 1963, die Mutter 1966), aber auch ein langwieriger Rechtsstreit mit zwei TV-Stationen (es ging um die erfolgreiche Fernsehserie ‚The Fugitive‘, die laut Goodis auf seinem ersten Krimi ‚Dark Passage‘ basierte) schlug ihm dermassen aufs Gemüt, dass er sich in eine psychiatrische Klinik einweisen liess. Wenig später, mit knapp fünfzig, starb er im Albert Einstein Medical Center an den Folgen eines Hirnschlags, der vermutlich durch Faustschläge ausgelöst worden war. 1984 publizierte der Franzose Philippe Garnier Goodis‘ Biografie ‚Goodis: La Vie en Noir et Blanc‘. (Wie andere amerikanische Noir-Autoren – zu nennen sind Chester Himes und Jim Thompson – erhielt auch Goodis in Frankreich mehr Anerkennung als in seiner Heimat.)

David Goodis, „The Poet of the Losers“, dem das Schreiben die Psychotherapie ersetzte, gehört zu den Säulenheiligen des Schwarzen Romans. Von 1946 bis 1967 veröffentlichte er siebzehn schmutzige, düstere Geschichten über gebrochene Menschen, die zumeist den unteren Schichten entstammen und deren Schicksal oft bereits besiegelt ist, bevor der letzte Kampf beginnt; über Menschen auf der Flucht, die fast immer mit dem Tod endet. Schauplatz von ‚Dark Passage‘ ist San Francisco, alle anderen Krimis sind in Philadelphia angesiedelt. Elf seiner Werke wurden verfilmt.

‚Messer im Blick‘ ist eine faszinierende Mischung aus Roman noir und psychologischer Studie. Im Mittelpunkt steht eine selbstsüchtige und hinterhältige, ihre Mitmenschen manipulierende und ins Verderben reissende Frau namens Clara – die Inkarnation des Bösen. Der Bankangestellt George Ervin, Vater einer 19-jährigen Tochter, seit dem frühen Tod seiner lieben Frau ein vereinsamter, grüblerischer Mann ohne Selbstwertgefühl, lernt die üppig gebaute Clara kennen, als sie in einem Drugstore als Kassiererin arbeitet, und heiratet sie nach kurzer Zeit – sein Leben wird zur Hölle.

‚Am Ende der Nacht‘ dreht sich um Nat Harbin, der, frisch verliebt in eine schöne, reiche Frau, am liebsten seine Arbeit als Berufseinbrecher quittieren würde. Doch dann erschiessen Harbins Kumpel Baylock und Dohmer nach einem grossen Coup drei Polizisten, geben dabei den Löffel ab – und Harbin kann sich der Verantwortung für die 20-jährige Kindfrau Ghadden, das vierte Mitglied der Bande, nicht entziehen; denn Ghadden ist die Tochter von Gerald, der vor vielen Jahren Harbins Lehrmeister war, bis er bei einem Einbruch erschossen wurde.

‚Der Mond in der Gosse‘ – weniger ein Krimi als eine unsäglich traurige Erzählung über die Überlebens- und Geschlechterkämpfe sozialer Aussenseiter in den Slums einer Grossstadt – sieht den impulsiven 35-jährigen Dockarbeiter Bill Kerrigen im Mittelpunkt. Vor sieben Monaten wurde seine sanftmütige Schwester Catherine vergewaltigt, worauf sie sich mit einer rostigen Klinge den Hals aufschnitt und auf der Strasse verblutete. Etwas ziellos macht er sich auf die Suche nach dem Täter – hat Bills jüngerer Bruder Frank, der sich in der Gosse langsam zu Tode säuft, seine kleine Schwester auf dem Gewissen? Die Geschichte spielt sich fast ausschliesslich an drei Orten ab: In der schäbigen, von hoffnungslosen Säufern und abgewrackten Weibern frequentierten Kneipe Dugans Den, dem heruntergekommen Haus der Kerrigens, in dem auch Bills fauler Vater Tom und die heissblütigen Frauen Lola, Toms Liebhaberin, und Lolas Tochter Bella, die auf Bill scharf ist, wohnen – und auf der Vernon Street, der Strasse der Verlorenen, auf der Catherine ihrem Leben ein Ende gesetzt hat.

In ‚Schiessen Sie auf den Pianisten‘ erzählt Goodis die Geschichte des einst erfolgreichen Konzertpianisten Eddie. Eddie verdient sich seinen Lebensunterhalt nunmehr als Klimperer in einem schäbigen Bierschuppen. Er möchte seine Vergangenheit vergessen und mit seinen beiden kriminellen Brüdern möglichst wenig zu tun haben. Doch eines Tages taucht sein von Verbrechern gejagter und verwundeter Bruder Turley in der Kneipe auf, bittet Eddie um Hilfe, und Eddie gerät in Not.

Goodis‘ Spätwerk ‚Wenn die Nacht vergeht‘ gehört dem kleinen Ex-Polizisten Corey Bradford, der seine Dienstmarke abgeben musste, weil er sein Gehalt mit Schutzgeldern aufgebessert hatte. Seitdem hängt er in den Strassen und Kneipen von Philadelphia herum und schüttet Gin in seinen Schlund – bis er eher zufällig in ein äusserst gefährliches Abenteuer schlittert: Als er eines Nachts dem Gangsterboss Grogan aus der Klemme hilft, zeigt sich dieser erkenntlich und heuert ihn als Ermittler an. Kurz darauf tauchen auch Bradfords ehemalige Polizeikollegen wieder auf, um ihn für einen Undercover-Job zu reaktivieren. Corey Bradford, ein abgebrühter, längst aller Illusionen beraubter Verlierertyp, nimmt die Herausforderung an – und überlebt.

Bibliografie:

‚Dark Passage‘ – ‚Die schwarze Natter‘ (auch unter dem Titel ‚Dark Passage. Die schwarze Natter‘, 1946), ‚Nightfall‘ (auch unter den Titeln ‚Convicted‘ und ‚The Dark Case‘) – ‚Die Nacht bricht an‘ (auch unter dem Titel ‚Nightfall. Die Nacht bricht an‘, 1947), ‚Behold this Woman‘ – ‚Messer im Blick‘ (1947), ‚Of Missing Persons‘ – ‚Die Täuschung‘ (1950), ‚Cassidy’s Girl‘ – ‚Cassidys Mädchen‘ (1951), ‚Of Tender Sin‘ (1952), ‚Street of the Lost‘ – ‚Strasse der Barbaren‘ (1952), ‚The Burglar‘ – ‚Am Ende der Nacht‘ (1953), ‚The Moon in the Gutter‘ – ‚Der Mond in der Gosse‘ (1953), ‚Black Friday‘ – ‚Begräbnis auf besonderen Wunsch‘ (auch unter dem Titel ‚Schwarzer Freitag‘, 1954), ‚Street of no Return‘ – ‚Strasse ohne Wiederkehr‘ (1954), ‚The Blonde on the Street Corner‘ (1954), ‚The Wounded and the Slain‘ (1955), ‚Down There‘ (auch unter dem Titel ‚Shoot the Piano Player‘) – ‚Schiessen Sie auf den Pianisten‘ (auch unter dem Titel ‚Schüsse auf den Pianisten‘, 1956), ‚Fire in the Flesh‘ – ‚Feuer in der Nacht‘ (1957), ‚Night Squad‘ – ‚Wenn die Nacht vergeht‘ (1961), ‚Somebody’s Done For‘ (1967).