Hinweise auf bisher nicht vorgestellte Krimis von Autoren, die im Blog bereits aufgeführt sind.
Joe R. Lansdale: More Better Deals (2020) – More Better Deals – (2024, Festa)
Der texanische Gebrauchtwagenverkäufer und Korea-Kriegsveteran Ed Edwards ist die Hauptperson des haarsträubenden – an James Mallahan Cains Klassiker ‚The Postman Always Rings Twice‘ erinnernden – Kriminalromans ‚More Better Deals‘. Als sein Boss ihn zu dem mit den Monatsraten in Verzug geratenen Säufer Frank Craig schickt, um ihm den kürzlich erworbenen Cadillac wieder wegzunehmen, trifft er auf dessen umwerfend attraktive Frau Nancy, mit der er sich sofort auf eine Affäre einlässt – und damit eine Kette von mörderischen Geschehnissen in Gang setzt. Natürlich geht es um einen Haufen Geld, mit dem Ed, edelmütig wie er im Grunde vielleicht wirklich ist, seiner kleinen Schwester das College und seiner Mutter einen Alkoholentzug in einer Spezialklinik ermöglichen will. Lansdale macht daraus eine schwungvolle, schwarzhumorige, mit messerscharfen Dialogen und archetypischen Gestalten aufwartende Geschichte, die, man ahnt es schon früh, ein bitteres Ende nehmen wird.
Zum Porträt: Lansdale, Joe R.
Jérôme Leroy: La petite gauloise (2018) – Die letzte Französin (2025, Nautilus)
In einer unbenannten (leicht als Le Havre erkennbaren) Hafenstadt im Nordwesten Frankreichs hat der rechtsextreme Patriotische Block die Macht übernommen, die Polizei ist militarisiert. Die furiose, bissige, gerade mal hundert Seiten umfassende Geschichte beginnt in der Nacht, in welcher der arabisch-stämmige Captaine Méguelati von der Terrorabwehr, der als Einziger Informationen über einen geplanten Anschlag hat, durch einen unerfahrenen Flic erschossen wird, weil er ihn für einen islamistischen Terroristen hält. Kurz vor seinem Tod konnte Méguelati noch davor warnen, dass eine schlimme Sache im Gange ist. Zahllose Polizisten durchkämmen die Strassen, Gebrüll, Sirenen, wilde Schiessereien – die Stadt versinkt im Chaos. Was aber führt die blonde „Kleine Gauloise“ mit dem leeren Blick im Schilde?
Zum Porträt: Leroy, Jérôme
Eli Cranor: Ozark Dogs (2023) – Ozark Dogs (2025, Atrium)
Cranors kompakter Southern Noir kommt mit einem kleinen Figurenensemble aus. Jeremiah Fitzjurl, verwitweter 70-jähriger Scharfschütze in Vietnam und derzeit trockener Alkoholiker, betreibt einen Schrottplatz in der nach Stilllegung des Atomkraftwerks verfallenen Ozark-Kleinstadt Taggard. Er hat seine charakterstarke, knapp 18-jährige Enkelin Joanna, genannt Jo, liebevoll allein erzogen, nachdem ihr Vater vor vielen Jahren wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt wurde und ihre drogensüchtige Mutter kurz danach das Weite suchte. In Taggard leben auch Bunn Ledford und sein Sohn Evail, die Anführer eines rechtsradikalen Drogenrings, der Crystal Meth von einer mexikanischen Gang bezieht und diese im Gegenzug mit amerikanischen Mädchen versorgt. Zwischen den Familien Fitzjurl und Ledford schwelt seit einem weit zurückliegenden Mord eine unversöhnliche Feindschaft, die sich jetzt, als Jo vom Homecoming-Ball nicht nachhause kommt, in einer blutigen Konfrontation entlädt. Eine wichtige – lange Zeit in Dunkeln bleibende – Rolle spielt Jos Freund Colt Dillard, Starspieler des lokalen Footballteams, während Sheriff Mona McNabb sich erst gegen den Schluss markant in Szene setzt. Eli Cranor überzeugt in ‚Ozark Dogs‘ mit dichter, dramatischer Handlungsführung, einfühlsam porträtierten Charakteren und stimmungsvollen Milieuschilderungen.
Zum Porträt: Cranor, Eli
Dirk Schmidt: Die Kurve (2025, Suhrkamp)
Carl war Leiter des Jugendzentrums „Die Kurve“ in der öden Ruhrstadt Herne, bis er sich vor einigen Jahren auf eine einträglichere Tätigkeit verlegte: „Kriminelle Dienstleistungen jeder Art“ – man ruft ihn an, wenn man nicht weiterweiss. Seine ehemaligen Schützlinge sind für die Erledigung der Aufträge verantwortlich. Den harten Kern bildet das smarte Gespann Ridley und Betty; Jenny, Mali, Max, Wheelmaker und Schneider als Mann für die Drecksarbeit vervollständigen das eingespielte Team. Zwei Probleme stehen an: Ein steinreicher, zurzeit wegen Steuerdelikten in Ohio im Knast einsitzender Amerikaner will wissen, wer seine Tochter während ihres Berlin-Aufenthalts umgebracht und in den Landwehrkanal geschmissen hat. Der zweite Auftrag betrifft den kranken und betagten, nach einem Attentat kaum mehr handlungsfähigen Mafiapaten Francesco di Gemma, dessen Nachfolge es zu regeln gilt. Ihren Reiz bezieht die Geschichte jedoch weniger aus dem Plot als aus den liebevoll gestalteten, skurrilen Figuren und den grossartigen, an Elmore Leonard geschulten Dialogen.
Zum Porträt: Schmidt Dirk
Joseph Incardona: Les Corps solides (2022) – Das Game (2025, Lenos Polar)
Anna, Ende dreissig, verwitwete, alleinerziehende Mutter des sanftmütigen dreizehnjährigen Léo, steht vor einem Scherbenhaufen. Ihr Grill-Kastenwagen wurde beim Zusammenprall mit einem Wildschwein zerstört, die Versicherung zahlt nicht, sodass sie ihren Brotberuf als Brathähnchen-Verkäuferin aufgeben muss. Dann wird Léo erwischt, als er in der Schule Annas für den Eigenkonsum angebauten Hanf verkauft, um ihre finanzielle Not zu lindern. Der Schuldenberg ist bereits bedenklich angewachsen, als Léo einen Ausweg findet: Seine Mutter soll an einem werbewirksam aufgezogenen und live übertragenen Fernsehspiel teilnehmen, bei dem als Preis ein Renault Alaskan im Wert von 50’000 Euro winkt. Zwanzig ausgewählte Personen nehmen teil. Sie müssen das Auto anfassen und nicht mehr loslassen, wer am längsten durchhält, gewinnt den Pick-up – „was ich berühre, gehört mir“. ‚Das Game‘ erzählt eine herzzerreissende Geschichte über das Heranwachsen ohne Vater und die kompromisslose Liebe zwischen Mutter und Sohn.
Zum Porträt: Incardona, Joseph