(*1953)
Als Sohn eines Berufssoldatem verbrachte Henry Porter seine ersten Lebensjahre auf mehreren Militärstützpunkten Deutschlands. Seine Ausbildung absolvierte er im Wellington College und an der University of Manchester. Danach war er Redakteur bei der ‚Sunday Times‘ in London und Korrespondent der Zeitschrift ‚Vanity Fair‘ in New York und schrieb Kolumnen für die Zeitungen ‚The Observer‘, ‚Guardian‘, ‚Evening Standard‘ und ‚The Sunday Telegraph‘ mit den Hauptthemen Freiheit und Bürgerrechte. Seit 2000 hat er neun Spannungsromane – die Robert Harland- und die Paul Samson-Trilogie und drei Einzelwerke – zu Papier gebracht, die vier ersten liegen in deutschen Übersetzungen vor. Porter ist Vater von zwei erwachsenen Töchtern und lebt mit seiner Frau, der Journalistin Liz Elliot, in London.
Porters erster Thriller, der Standalone ‚Am elften Tag zur elften Stunde‘, ist in der Zeit kurz vor dem Karfreitagsabkommen vom 10. April 1998 angesiedelt, London und Boston sind die wichtigsten Schauplätze. Der vorwiegend in den USA forschende irische Molekularbiologe Con Lindow und Commander Kenneth Foyle, Leiter der Antiterroreinheit des Metropolitan Police Service (Scotland Yard), stehen im Mittelpunkt der figurenreichen, verschlungenen Geschichte. Sie beginnt mit einem fürchterlichen Bombenattentat in Zentrum Londons, bei dem elf Menschen getötet werden, unter ihnen Cons älterer Bruder Eamonn. Con selbst kommt mit leichten Verletzungen davon – und wird zu seinem Entsetzen als Hauptverdächtiger verhaftet. Einzig Commander Foyle zweifelt an seiner Schuld. Er lässt ihn frei, wird deshalb vom Dienst suspendiert, und macht sich – unterstützt durch Con, Eamonns undurchsichtige Freundin Mary und den FBI-Beamten Frank Mundy – auf die Jagd nach dem Attentäter, während sich Scotland Yard und der britische Geheimdienst MI5 in Intrigen verheddern. Schnell stellt sich heraus, dass für einmal nicht die IRA, sondern der raffinierte Auftragskiller Rhodes, ein ehemaliger britischer Geheimagent, die Bombe gezündet hat. Und dass Eamonn Lindow ein hochrangiger IRA-Kämpfer war. Um die Übersicht im nicht immer nachvollziehbaren Plot nicht zu verlieren, empfiehlt es sich, ein Register der Akteure und Behörden zu erstellen.
Robert Harland arbeitete zehn Jahre für den britischen Geheimdienst. Kurz vor dem Zusammenbruch der UdSSR geriet er in der Tschechoslowakei in Gefangenschaft. Er wurde gefoltert, bis ihn zwei Kollegen befreien konnten. Nach langem Aufenthalt in einem Krankenhaus begann er ein neues Leben mit einem Job beim Roten Kreuz, später wechselte er zur UNO. Der erste Band der Harland-Trilogie, ‚Der englische Spion‘, beginnt drei Jahre später mit einem Flugzeugabsturz kurz vor der Landung in New York, dem ausser Harland alle Passagiere zum Opfer fallen. Unter ihnen Harlands Freund Alan Griswald, der nach dem bosnischen Bürgerkrieg einen Sitz beim Kriegsverbrechertribunal bekleidet hatte und jetzt offenbar mit geheimen Dokumenten auf dem Weg in die USA war. Kurz danach taucht ein junger Tscheche bei Harland auf und eröffnet ihm, sein Sohn zu sein – der Spross von Harlands Affäre mit der tschechischen Ex-Agentin Eva im Jahr 1974. Diese war danach einige Zeit mit dem Russen Kochalyn, einem gesuchten Kriegsverbrecher des Bosnienkriegs, verheiratet. Bei der Suche nach der Wahrheit gerät Harland in ein undurchdringliches Netz aus Machtgier, Intrigen, Täuschung und Verrat. Mit vielen unerwarteten Wendungen treibt Porter die vielschichtige, zwischen dem Kalten Krieg, dem Balkankrieg und der Gegenwart hin und her springende Geschichte voran – bis zum irrwitzigen Showdown in der Umgebung Sarajevos.
‚Brandenburg‘ (chronologisch der erste Teil der Trilogie) spielt in den Wochen vor dem Fall der Berliner Bauer am 9.11.1989. Die fiktive Hauptperson Rudi Rosenharte, in den 70ern einer der effizientesten DDR-Spione, arbeitet als Kunsthistoriker in Dresden, als ihn die Stasi reaktiviert: Er soll von seiner ehemaligen Geliebten Annalise Schering wichtige Informationen entgegennehmen und nach Berlin weiterleiten. Doch Rosenharte ist sich sicher, dass Annalise ihrem Leben vor fünfzehn Jahren ein Ende gesetzt hat. Er kooperiert zum Schein, denn sein kranker Zwillingsbruder Konrad, ein bekannter Filmemacher, darbt als Dissident im Stasi-Knast Berlin-Hohenschönhausen. In Triest trifft Rosenharte die als Annalise auftretende englische Geheimagentin Jessie, die ihn, beauftragt von ihrem Vorgesetzten Robert Harland, um Angaben über den Aufenthaltsort und die Ziele des durch die Stasi protegierten Terroristen Abu Jamal ersucht. Ein Tanz auf Messers Schneide, doch Rosenharte ist zu allem bereit, was seinem Bruder das Leben erleichtert. Porter zeichnet in diesem zwischen Fakten und Fiktion changierenden Roman das beklemmende Bild eines von Paranoia beherrschten Staatsapparats, der unter Stasichef Mielke und seinen Folterknechten die Bevölkerung bis ganz zuletzt mit willkürlichen Verhaftungen und Hinrichtungen in Angst und Schrecken versetzt.
‚Empire State‘ ist in den Monaten nach 9/11 angesiedelt, London, Mazedonien, Beirut und New York sind die Schauplätze, Robert Harland und die junge, hochbegabte MI6-Agentin Isis Herrick die Hauptakteure. Geschickt verknüpft der Autor die Ermordung des Leiters des US-Sicherheitsdienstes unmittelbar nach dessen Landung in Heathrow mit der fast gleichzeitig stattfindenden Ankunft einer zwölfköpfigen zu allem entschlossenen al-Qaida-Truppe in Europa – Ereignisse, die notgedrungen eine spannungsgeladene Allianz zwischen dem britischen und dem US-amerikanischen Geheimdienst herbeiführen. Der rasante, vielschichtige Plot und das faszinierende Figurenensemble halten die Spannung hoch, auch wenn Porter in dem über fünfhundert Seiten langen Roman das Rad nicht neu erfindet, und sein Protagonist Robert Harland – wie auch in den anderen Bänden der Trilogie – keinen tiefen Eindruck hinterlässt.
Bibliografie:
Standalones: ‚Remembrance Day‘ – ‚Am elften Tag, zur elften Stunde‘ (2000), ‚The Dying Light‘ (auch unter dem Titel ‚The Bell Ringers‘, 2010), ‚The Enigma Girl‘ (2024);
Robert Harland-Trilogie: ‚A Spy’s Life‘ – ‚Der englische Spion‘ (2001), ‚Empire State‘ – ‚Empire State‘ (2003), ‚Brandenburg‘ – ‚Brandenburg‘ (2005);
Paul Samson-Trilogie: ‚Firefly‘ (2018), ‚White Hot Silence‘ (2019), ‚The Old Enemy‘ (2020.