Hinweise auf bisher nicht besprochene Kriminalromane von Autoren, die im Blog bereits aufgeführt sind. Die Texte habe ich in angepasster Form in die Autorenporträts eingefügt.

Stephen Greenleaf: ‚The Ditto List‘ – ‚Bis dass D.T. euch scheidet, 1985

Mit D.T. Jones, einem grüblerischen, gelegentlich auch zynischen Anwalt Mitte vierzig und geschiedenen Vater seiner über alles geliebten kleinen Tochter Heather, hat Greenleaf einen vielschichtigen Protagonisten zum Leben erweckt, der in jeder Lage ein paar knackige Sprüche auf der Zunge trägt. Mit viel Herzblut vertritt D.T. fast ausschliesslich mittellose Frauen, die in einer scheusslichen Ehe gefangen sind. Jeden Freitag erscheint er (stets ohne die beklagten Männer) mit mehreren von ihnen vor Gericht, um ihnen ihre Freiheit zurückzugeben. Sein cooler, unverschämt gut aussehender schwuler Sekretär Bobby E. Lee ist ihm dabei eine unverzichtbare Stütze.

D.T. Jones‘ 998. Scheidungsklientin ist Mareth Stone. Sie ist verheiratet mit dem geldgeilen – auf sexuelle Abwege geratenen – Egozentriker Chas, Mutter einer achtjährigen Tochter und eines dreizehnjährigen Sohnes – eine etwas schusselige Frau die zuviel pichelt, wenn sie nicht mehr weiter weiss. Nr. 999 heisst Lucinda Finders, blutjung, hochschwanger und erst seit acht Monaten verheiratet mit einem eifersüchtigen, gewalttätigen Tunichtgut, Nr. 1000 Esther Preston, wegen Multipler Sklerose im Rollstuhl, vor Jahren verlassen von ihrem steinreichen Gynäkologen-Hengst, dem sie das Studium finanziert hatte. Drei tapfere Frauen – und drei Fälle, die D.T alles abverlangen. Nebenbei befasst er sich mit minderen Mandaten und hat wie immer ein paar Sportwetten am laufen, zudem sucht seine frivole Ex-Frau Michelle wieder einmal seine Nähe. Wofür das Kürzel D.T. steht – der Anwalt gibt ständig neue Interpretationen zum besten – bleibt bis zuletzt ein Rätsel. Jedenfalls nicht für „Der Tod“. ‚Bis dass D.T. euch scheidet‘, gespickt mit sarkastischen Kommentaren zum amerikanischen Justizsystem, gilt vielen Lesern und Kritikern (knapp vor der Marsh Tanner-Serie) als Greenleafs Meisterwerk. Ich gehöre auch zu ihnen.

Zum Porträt: Greenleaf, Stephen

Laurence Shames: ‚Florida Straits‘ – ‚Florida Straits‘, 1992

Joey Goldman aus Queens, arbeitsscheuer kleiner Gauner, halbjüdischer, unehelicher Sohn des sizilianischen Mobsters Vincente Delgatto und jüngerer Halbbruder des geldgierigen, vulgären Intriganten Gino, verlässt mit seiner klugen Freundin Sandra New York City, um auf illegale Weise Florida zu erobern – ein schwieriges Unterfangen für den jungen Mann. Unterstützung findet er bei Andy dem Dandy d’Ambrosia (im Original: Bert the Shirt), einem alten Freund der Familie, der in Key West mit seinem Chihuahua Don Giovanni das Rentnerdasein geniesst.

Joey ergattert einen legalen Job in der Tourismusbranche, der aber weitaus weniger schillernd ist als erträumt, ihm aber immerhin ein paar Dollar einbringt. Sein Leben gewinnt indes an Fahrt, als eines Tages Gino in Florida auftaucht, kurz nachdem er dem Miami-Paten Charlie Ponte einen Smaragden-Deal im Wert von drei Millionen versaut hat – Don Charlie und seine Killer sind ihm bereits dicht auf den Fersen. Joey, fern der Heimat gereift und bereit, Verantwortung zu übernehmen, ist sich bewusst, dass er seine Haut nur retten kann, wenn es ihm gelingt, die Smaragden aufzutreiben. Shames Erstling ‚Florida Straits‘ ist ein ungemein komischer Krimi, der seinen Reiz hauptsächlich aus den Figuren und ihren köstlichen Selbst- und Zwiegesprächen bezieht.

Zum Porträt: Shames, Laurence

Donald E. Westlake: ‚Killy‘ – ‚Übung macht den Mörder‘, 1963

Westlakes vergessener Standalone ‚Killy‘ mit dem nichtssagenden deutschen Titel ‚Übung macht den Mörder‘ ist einer der wenigen Krimis, in denen Gewerkschafter im Mittelpunkt stehen: Der Ich-Erzähler Paul Standish, ein blutjunger, naiver Volkswirtschaftsstudent, und der charmante, ausgefuchste Industriegewerkschafter Walter Killy, bei dem er ein Praktikum absolviert. Die beiden werden in die fiktive Kleinstadt Wittburg geschickt, ein Hort des Machtmissbrauchs und Betrugs, der Gewalt und Niedertracht und Korruption, die von Mister Fleisch dominiert wird – er hat nicht nur die riesige Schuhfabrik, sondern auch die Presse und die Polizei in der Hand -, um den Arbeitern den Beitritt zur Gewerkschaft schmackhaft zu machen. Ein Projekt, das auf erbitterten Widerstand stösst und zum Mord an zwei Gewerkschafts-Befürwortern führt. Ein Projekt aber auch, bei dem fast jeder Beteiligte sein eigenes Süppchen kocht. Bereits in diesem Frühwerk erweist sich Westlake als Meister der Handlungsführung und Erfindung schattiger Figuren.

Zum Porträt: Westlake, Donald E.

Franz Dobler: ‚Ein Schuss ins Blaue‘, 2019

Robert Fallner ist immer noch mit seiner Bullenfrau Jacqueline zusammen, doch das kinderlose Paar hat Zuwachs bekommen: Die schlagkräftige vierzehnjährige Ausreisserin und Nervensäge Nadine hat sich kürzlich bei ihnen eingenistet. Fallner arbeitet weiterhin für die Münchner Sicherheitsfirma seines älteren Bruders Hans, der Ex-Polizist Landmann und der IT-Crack Nico sind seine Partner. Einen guten Teil seiner Arbeitszeit verbringt Fallner in der Kneipe ‚Bertls Eck‘ und in dem Lokal des Griechen Jorgos, der zusammen mit dem Punker Armin und dem obdachlosen Strassenmusiker Bruno zu seinem Freundeskreis gehört. Und Fallner hat einen neuen Auftrag: Ein islamischer Terrorist mit Vollbart und Brille, von dem es nur ein verwackeltes Foto gibt, soll sich in München aufhalten, und irgendwelche obskuren Amerikaner bieten zwei Millionen Euro, wenn es den Sicherheitsexperten gelingt, den Mann aus dem Verkehr zu ziehen – ein haariger Fall, der sich nur auf der Basis von ausuferndem, alkoholseligem Gefasel lösen lässt, zumal ausserdem Neonazis und eine Ku-Klux-Klan-Truppe in der Stadt für Unruhe sorgen. Der 2015 mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnete Musikexperte Franz Dobler sorgt auch in seinem dritten Fallner-Roman für wohlige Lesestunden, nicht zuletzt, weil er keinen Wert auf stringente Handlungsstränge legt.

Zum Porträt: Dobler, Franz

Guy Cullingham: ‚Brink of Disaster‘ – ‚Schritt ins Verderben‘, 1964

Robert Cave, ein charakterschwacher Mann, der indes auch gute Seiten hat, trägt mit seiner gefühlskalten, boshaften Frau Joyce eine schwere Bürde, doch mit seiner kleinen Tochter Katie versteht er sich ausgezeichnet. Sein Verhängnis ist das Flittchen Midge, das ihn mit dem ältesten Frauentrick der Welt reinlegt und dafür mit dem Leben bezahlt – ein Tod, der ihm zur Last gelegt wird, einzig ein getürktes Alibi verhindert seine Verhaftung. Einige Wochen später taucht der skrupellose Gauner John Trewen Forbes, ein ehemaliger Polizeispitzel, mit seiner seelenverwandten älteren Schwester Laura und seiner bildhübschen, begüterten Cousine Lucy in Caves Umgebung auf – mit einem mörderischen Plan, der ihm mit Hilfe des angeknacksten Mannes ein sattes Vermögen einbringen soll.

Porträt: Cullingford, Guy