(*1942)

Stephen Greenleaf kam in Washington, D.C., zur Welt und wuchs in Centerville, Iowa, auf. Er studierte Geschichte am Carleton College in Northfield, Minnesota, und Jura an der Boalt Hall School of Law der University of California in Berkeley. Von 1967 bis 1969 diente er in der US-Army, danach praktizierte er sechs Jahre als Rechtsanwalt, zuerst in Monterey, dann in San Francisco, und war überdies ausserordentlicher Professor für Strafverteidigung. Mitte der 70er-Jahre hatte er genug von der Jurisprudenz. Er zog nach Seattle und begann – nach einem Kurs für Kreatives Schreiben an der University of Iowa – eine Laufbahn als Krimiautor. Er ist mit der Kinderbuchautorin Ann Garrison Greenleaf verheiratet und hat einen Sohn.

Beeinflusst durch Ross Macdonalds Lew Archer-Krimis publizierte Greenleaf 1979 seinen ersten Roman ‚Grave Error‘. Bis 2000 folgten dreizehn weitere Titel (sowie eine einzige Kurzgeschichte, ‚Iris‘) um sein verzögert alterndes alter Ego John Marshall „Marsh“ Tanner (der Name ist abgeleitet von John Marshall, dem ersten vorsitzenden Richter des Obersten Gerichtshofs der USA, und Tanner, Greenleafs ehemaligem Basketball-Trainer) und zwei Justizromane, die es in sich haben.

Mit D.T. Jones, einem grüblerischen, gelegentlich auch zynischen Anwalt Mitte vierzig und geschiedenen Vater seiner über alles geliebten kleinen Tochter Heather, hat Greenleaf einen vielschichtigen Protagonisten zum Leben erweckt, der in jeder Lage ein paar knackige Sprüche auf der Zunge trägt. Mit viel Herzblut vertritt D.T. fast ausschliesslich mittellose Frauen, die in einer scheusslichen Ehe gefangen sind. Jeden Freitag erscheint er (stets ohne die beklagten Männer) mit mehreren von ihnen vor Gericht, um ihnen ihre Freiheit zurückzugeben. Sein cooler, unverschämt gut aussehender schwuler Sekretär Bobby E. Lee ist ihm dabei eine unverzichtbare Stütze. D.T. Jones‘ 998. Scheidungsklientin ist Mareth Stone. Sie ist verheiratet mit dem geldgeilen – auf sexuelle Abwege geratenen – Egozentriker Chas, Mutter einer achtjährigen Tochter und eines dreizehnjährigen Sohnes – eine etwas schusselige Frau die zuviel pichelt, wenn sie nicht mehr weiter weiss. Nr. 999 heisst Lucinda Finders, blutjung, hochschwanger und erst seit acht Monaten verheiratet mit einem eifersüchtigen, gewalttätigen Tunichtgut, Nr. 1000 Esther Preston, wegen Multipler Sklerose im Rollstuhl, vor Jahren verlassen von ihrem steinreichen Gynäkologen-Hengst, dem sie das Studium finanziert hatte. Drei tapfere Frauen – und drei Fälle, die D.T alles abverlangen. Nebenbei befasst er sich mit minderen Mandaten und hat wie immer ein paar Sportwetten am laufen, zudem sucht seine frivole Ex-Frau Michelle wieder einmal seine Nähe. Wofür das Kürzel D.T. steht – der Anwalt gibt ständig neue Interpretationen zum besten – bleibt bis zuletzt ein Rätsel. Jedenfalls nicht für „Der Tod“. ‚Bis dass D.T. euch scheidet‘, gespickt mit sarkastischen Kommentaren zum amerikanischen Justizsystem, gilt vielen Lesern und Kritikern (knapp vor der Marsh Tanner-Serie) als Greenleafs Meisterwerk. Ich gehöre auch zu ihnen.

Marsh Tanner, von seinem ursprünglichen Beruf als Anwalt schwer enttäuscht, arbeitet in San Francisco als Privatdetektiv. Er ist allerdings Mitglied der Anwaltskammer geblieben und nimmt gelegentlich noch ein Mandat an, damit er gewisse Informationen vertraulich behandeln kann.

Tanner ist ein hartgesottener, melancholischer Einzelgänger mit Kriegsvergangenheit, der seine Freizeit mit Lesen, Musikhören und vor dem TV verbringt und sich dabei gerne ein paar Drinks genehmigt. Seine einzigen Freunde sind die derbe, etwa zwanzig Jahre ältere Privatdetektivin Ruthie Spring, deren ums Leben gekommener Mann ihm einst den Ermittlerberuf beigebracht hat, und der Polizist Charley Sleet, der im drittletzten Band durchdreht und im Gerichtssaal den Angeklagten erschiesst. Nach einer kurzen Affäre mit seiner lieben Sekretärin Peggy Nettleton, die ihre Stelle am Ende des sechsten Bandes aufgibt, versucht Tanner tiefer gehenden Frauenbeziehungen möglichst aus dem Weg zu gehen. Die Serie endet mit Tanners fünfzigstem Geburtstag, den er mit seinen engsten Bekannten feiert.

Stephen Greenleaf, ein brillanter Stilist, der in seinen Büchern auch sozialpolitische Themen wie Rassismus, Leihmutterschaft, Aids und politischer Extremismus behandelt, fesselt den Leser mit raffinierten Plots und feinfühliger Charakterzeichnung. ‚Peggys Geheimnisse‘, einer der Höhpunkte der Serie, ist Tanners Sekretärin gewidmet, die in zwei Fälle unmittelbar verwickelt ist. Seit zwei Monaten ist sie Opfer eines Stalkers, der sie mit obszönen Telefonanrufen bedrängt. Tanner stellt ihm eine Falle, doch die schnappt nicht zu, und schliesslich setzt Peggy dem (sich als recht harmlos erweisenden) Treiben selbst ein Ende. Gegen Ende des Romans kommt Hochspannung auf, als ein perverser Killer, Peggys Nachbar, auf sie angesetzt wird – es geht um die einige Jahre zurückliegende Entführung eines kleinen Mädchens durch eine Person, der Peggy gefährlich werden könnte. Greenleaf legt in der unspektakuären, psychologisch stimmigen Geschichte grossen Wert auf die komplexen Interaktionen zwischen Peggy und dem Stalker, aber auch zwischen Peggy und Marsh, deren langjährige Beziehung auf eine harte Probe gestellt wird.

Aufgrund von stetig  sinkenden Auflagenzahlen setzte Greenleaf seiner schriftstellerischen Laufbahn im Jahr 2000 ein Ende, bis er 2012 mit dem gemeinsam mit seiner Frau veröffentlichten Vietnamkriegsroman ‚R & R‘ zurückkehrte.

Bibliografie:

John Marshall Tanner-Serie: ‚Grave Error‘ – ‚Sarg drüber‘ (1979), ‚Death Bed‘ – ‚Auf Doppelspur‘ (1980), ‚State’s Evidence‘ – ‚Der erste Mann‘ (1982), ‚Fatal Obsession‘ – ‚Abgang eines Störenfrieds‘ (1983), ‚Beyond Blame‘ – ‚Marshall Tanner, Privatdetektiv‘ (1986), ‚Toll Call‘ – ‚Peggys Geheimnis‘ (1987), ‚Book Case‘ – ‚Buch der Lügen‘ (1991), ‚Blood Type‘ – ‚Blutgruppe‘ (1992), ‚Southern Cross‘ – ‚Kreuz des Südens‘ (1993), ‚False Conception‘ (1994), ‚Flesh Wounds‘ (1996), ‚Past Tense‘ (1997), ‚Strawberry Sunday‘ (1999), ‚Ellipsis‘ (2000);

Einzelwerke: ‚The Ditto List‘ – ‚Bis dass D.T. euch scheidet‘ (1985), ‚Impact‘ – ‚Der Absturz‘ (1989), ‚R & R‘ (2012).