Hinweise auf lesenswerte, bisher nicht besprochene Krimis von Autoren, die im Blog bereits vertreten sind. Die Texte werden in sanft angepasster Form in die Autorenporträts eingefügt.

Patricia Melo: ‘Gog Magog’ – ‘Der Nachbar’, 2017

Der namenlose – von seinem eintönigen Eheleben mit der Krankenschwester Marta und seiner Arbeit als Biologielehrer in Sao Paolo zutiefst frustrierte – Ich-Erzähler wird durch die penetranten Geräusche, die sein neuer Nachbar Ygor Silva vor allem nachts von sich gibt, in den Wahnsinn getrieben, schmiedet Rachepläne. Eines Tages bringt er den Quälgeist um, ohne dies wirklich zu wollen. Er zerlegt die Leiche, stopft deren Teile in zwei Koffer und stellt sich dann dermassen tölpelhaft an, dass seine Verhaftung nur eine Frage der Zeit ist.

Auf 150 mit hochkomischen Selbstgesprächen gespickten Seiten zeichnet Patricia Melo ein bitterböses, vor Sarkasmus und schwarzem Humor triefendes Bild ihres Landes («Alle neun Minuten wird in Brasilien ein Mensch umgebracht. Nicht einmal sämtliche Fanatiker, Regierungstreuen und Aufständischen in Syrien zusammen schaffen es, unsere Mordstatistiken zu überbieten») – und eines Mannes, der im Gefängnis wieder zur Ruhe kommt und sich hier schon bald ganz ausgezeichnet zurechtfindet. Viel besser jedenfalls als in seinem vorherigen Leben. Die Geschichte gipfelt in einer Gerichtsverhandlung, die an Irrwitz kaum zu überbieten ist.

Tito Topin: ‘L’exil des mécréants’ – ‘Tanzt! Singt! Morgen wird es schlechter’, 2017

Topins schlanker satirischer Krimi ‘Tanzt! Singt! Morgen wird es schlechter’ spielt in der nahen Zukunft. Frankreich ist eine theokratische Diktatur, wer nicht gläubig ist, wird verfolgt, unter ihnen der systemkritische, als Pastor getarnte Journalist und Freigeist Boris Prévert und seine Jugendfreundin Soledad.

Auf ihrer gefahrenreichen Flucht, die sie in einem gestohlenen Wagen über Avignon und Barcelona nach Lissabon führt, gesellen sich die Zufallsbekanntschaften Anissa, eine im siebenten Monat schwangere Frau, und der alte Bankräuber Pablo hinzu. Ihre Verfolger sind die abtrünnige Polizistin Lieutenante Gladys Le Querrec vom Justizministerium (Boris’ gute Freundin aus alten Tagen) und Abdelmalek Chaambi, ein Killer der regierenden Kirche, der damit rechnet, dass Gladys ihn zu Boris führt. Der Showdown findet in Lissabon statt, während Anissa ihren winzigen Sohn zur Welt bringt.

Ted Lewis: ‘Jack Carter and the Mafia Pigeon’ – ‘Jack Carters Wut’, 1977

Jack Carter wird von den Beherrschern der Londoner Unterwelt, den Brüdern Gerald und Les Fletcher, für sein nachhaltiges Troubleshooting mit einem zweiwöchigen Urlaub in ihrer Villa auf Mallorca «belohnt». Nach einer traumatischen Reise – Carter sass zuvor noch nie in einem Flugzeug – steht auch der Aufenthalt auf der Insel von Beginn an unter einem schlechten Stern. In der Villa erwartet ihn nicht nur der vertrottelte Hausmeister Wally, sondern auch ein unbekannter – paranoider und schiesswütiger – italo-amerikanischer Mafioso namens Joe D’Antoni, den Carter beschützen oder allenfalls liquidieren soll. Und dann taucht ausser Carters Bettgefährtin (Geralds Frau Audrey!) unerwartet auch Wallys 17-jährige sexwütige Tochter Tina auf, und Carter hasst bekanntlich nichts so sehr wie Überraschungen. Wurde er von den Dreckskerlen Gerald und Les geleimt? Carters Wut auf die hinterfotzigen, sich stets masslos überschätzenden Brüder wächst von Tag zu Tag, bis zum blutigen Finale, in dem er sich – im Gegensatz zu D’Antoni, Wally und den eben erst dazugestossenen Syndikatskillern Peter der Holländer und Con McCarty – seltsam teilnahmslos verhält.

‘Jack Carters Wut’, grossartig übersetzt durch Jürgen Bürger, lebt weniger von den sparsam eingestreuten Actionszenen, als von sexuellen Eskapaden, Slapstick-Einlagen und endlosen herrlich-abstrusen Wortwechseln und Selbstgesprächen.

Jean Amila: ‘Motus!’ – ‘Motus!’, 1953

André «Dédé» Lenoir, Schleusenarbeiter, Familienvater und Indochina-Veteran, findet in der Nacht die im Wasser treibende Leiche des Kapitäns Hubert – erschossen mit dem Revolver seines Chefs Coutre, von Huberts Frachtkahn keine Spur. Coutre wird durch den einfältigen Flic Fumet verhaftet, worauf die Arbeiter in einen Streik treten. Auf dem Heimweg wird Dédé brutal zusammengeschlagen. Er schleppt sich halbtot nachhause, wo ihn seine Frau, die schöne und reiche, der Oberschicht entstammende Jacqueline, und sein arroganter Schwager, der Pariser Arzt Grégoire, halbwegs wiederherstellen.

Es folgt eine aus Dédés arg verschwommener Sichtweise erzählte – an einen fiebrigen Traum erinnernde – Geschichte, bestehend aus zwei locker miteinander verknüpften Strängen – dem rätselhaften Mordfall Hubert (tödlicher Streit unter zwei Männern? Sabotageakt? Und was haben eigentlich die Vertreter der Staatssicherheit vor Ort zu suchen?) sowie der spannungsgeladenen Beziehung zwischen den gegensätzlichen Eheleuten Lenoir –, beide Stränge mit offenem Ende.

Peter J. Kraus: ‘Cattolini erbt’, 2012

‘Cattolini erbt’, angesiedelt im Sündenpfuhl Los Angeles, sieht den abgebrannten Privatdetektiv Vic Cattolini – Irak-Veteran, unehrenhaft aus dem Dienst ausgeschiedener LAPD-Cop, Ex-Mann einer Polizistin, die als Lockvogel für die Sitte arbeitet, Vater eines halbwüchsigen Sohnes, mit dem ihn nichts verbindet, wohnhaft in einem schäbigen Hotel und in Johnny Wanayas Kneipe, wo er auch seine Kundschaft empfängt – im Brennpunkt des Geschehens. Sein Blatt scheint sich indes zu wenden, als der gediegene Anwalt Maclintock auftaucht und ihm 17 Riesen überreicht – eine unerwartete Schenkung des kürzlich erschossenen Penners und heimlichen Multimillionärs Porky, mit dem sich Vic in den letzten Jahren gelegentlich auf Sauftour begeben hat.

Dies ist die Ausgangslage des in schnoddrigem Stil verfassten Krimis, in dem Peter J. Kraus mit einem farbigen Figurenkollektiv aufwartet: Sergeant «San the Man» Sanchez, hinterhältig und bestechlich bis in die Haarspitzen, der seinerzeit Cattolini in die Pfanne gehauen hat; der schlaue, kurz vor dem Ruhestand stehende Polizist Lanini, Chef der Bostoner Mordkommission, mit dem Cattolini schon bald eine enge, wertvolle Freundschaft verbindet; Vics langjähriger Intimfeind Alberto «Surfer Al» Surfalone, ein in die Jahre gekommener Mafioso; Vics Armeekumpel Harry Litvak, Beruf Fixer, jedoch nicht einer, der Drogen schiesst, sondern heikle Dinge richtigstellt bzw. «fixiert» – Tagessatz tausend Dollar; und ein paar niedrigere Chargen. Aufgewertet wird die vertrackte Geschichte durch scharfe Hiebe auf Politik und Gesellschaft der USA (mafiose Strukturen, Polizeikorruption usw.), derweil die Zahl der Mordopfer stetig anwächst.