(Pseudonym für Jean Meckert, 1910-1995; schrieb auch als John Amila, John Amilanar, Edouard Duret, Edmond Duret, Guy Duret, Albert Duvivier, Mariodile und Marcel Pivert)

Jean Meckert, geboren in Paris, lebte drei Jahre in einem schauderhaften protestantischen Waisenhaus in Courbevoie bei Paris, nachdem der Vater die Familie im Jahr 1920 wegen einer anderen Frau verlassen und die Mutter darob einen schweren seelischen Zusammenbruch erlitten hatte. Mit dreizehn Jahren begann er in Paris eine Lehre in einer Reparaturwerkstatt, anschliessend arbeitete er als Feinmechaniker im Immigrantenviertel Belleville und verschlang in seiner Freizeit die Werke von Balzac und Zola. 1929 erhielt er eine Stelle beim Crédit Lyonnais, die er infolge der Weltwirtschaftskrise bald wieder verlor. Nach einer Periode der Arbeitslosigkeit ging er 1930 für zwei Jahre zur Armee. Zurück im Zivilleben, verrichtete er verschiedene Gelegenheitsjobs, unter anderem als Automechaniker, Magaziner und Verkäufer von Roulette-Gewinnsystemen. Mitte der 30er-Jahre, nach dem Scheitern seiner kurz zuvor geschlossenen Ehe, schrieb er seine ersten Geschichten.

Ein kurzer Einsatz im Zweiten Weltkrieg – Meckert nahm am „drôle de guerre“ teil und wurde danach während einiger Monate in einem Soldatenlager in der Schweiz interniert – war gefolgt von einer Anstellung im Rathaus des 20. Arrondissement von Paris, nebenher nahm er an Aktionen der Résistence teil. 1942 machte Meckert das Schreiben zum Hauptberuf, acht Jahre später debütierte er als Krimiautor. Auf Anraten seines Verlegers Maurice Duhamel, dem Herausgeber der berühmten ‚Série Noire‘ bei Gallimard, schrieb er seine ersten Krimis unter dem amerikanisch klingenden Pseudonym John Amila.

Meckert veröffentlichte 21 Krimis, von denen ein Drittel auf Deutsch vorliegt, rund ein Dutzend andere Romane (darunter sein erstes und wohl bekanntestes Werk ‚Les coups‘, das 1942 in der angesehenen Kollektion ‚Blanche‘ des Gallimard Verlags publiziert wurde), ein Theaterstück und ein Jugendbuch. Darüber hinaus arbeitete er als Dialogschreiber für das Kino.

Im Winter 1974/75, nach einem brutalen, nie geklärten (möglicherweise politisch motivierten) Überfall vor seinem Wohnsitz im Quartier Belleville des Gedächtnisses beraubt und fürderhin an epileptischen Anfällen und Depressionen leidend, verstummte der Autor, bis er mehrere Jahre später, unterstützt durch seine Schwester, zu einem halbwegs normalen Leben zurückfand, 1982 seine Jugenderinnerungen ‚Les Bouchers des Hurlus‘ herausgab und 1985 seinen letzten Roman ‚Au Balcon d’Hiroshima‘ folgen liess.

Jean Meckert verbrachte seine letzten Jahre zurückgezogen im ländlichen Ort Lorrez-le-Bocage-Préaux, Departement Seine-et-Marne, und starb im Alter von 84 Jahren in seiner Geburtsstadt. 2005 wurde ein nach ihm benannter Kriminalliteraturpreis (Prix Jean Amila-Meckert) gegründet. 2012 kam seine bereits 1986 fertig gestellte, von Gallimard damals jedoch zurückgewiesene Autobiografie ‚Comme un écho errant‘ heraus.

Jean Meckert – ein Kind der Arbeiterklasse mit antimilitärischer Einstellung und anarchistischen Ideen – zählt zu den eigenständigsten, provokativsten und vielseitigsten Krimiautoren französischer Zunge, er lässt sich in keine Schublade stecken. Ein grosser Teil seiner sozialkritischen, ganz ohne Schwarz-Weiss-Malerei auskommenden – typischerweise von starken Frauenfiguren getragenen – Geschichten befasst sich mit einsamen, durch die Mächtigen an den Rand gedrängten Individuen, die mit aller Kraft versuchen, sich gegen das Schicksal aufzulehnen, um sich selber nicht untreu zu werden.

Die schnörkellosen Noir-Balladen ‚Die Abreibung‘ und ‚Auf Godot wartet keiner‘ sehen den umtriebigen Gangster Riton Godot in wichtigen Rollen – er versucht das Vakuum zu füllen, das nach dem gewaltsamen Tod des „Comte“ René Lecompte, des legendären, scheinbar unzerstörbaren Chefs der Pariser Unterwelt, entstanden ist und reisst sich auch gleich dessen einflussreiche Lebensgefährtin Angèle Maine unter den Nagel, die sich dann doch als eine Nummer zu gross für ihn erweist.

Im 1959 erschienenen Roman ‚Die Ausgestossenen‘ prallen drei aus dem Gefängnis entwichene Schwerverbrecher, Victor, Charlot und Alain, in einem gottverlassenen Weiler wuchtig auf zwei Dutzend schwer erziehbare, der Pariser Banlieu entstammende Burschen, die unter der Leitung des jungen, idealistischen Ehepaars Irène und Roger ein Reintegrationsprogramm absolvieren – eine explosive Mischung, aus der nichts Gutes entstehen kann.

Die actiongeladene, in einem normannischen Provinzkaff spielende Gaunerkomödie ‚Bis nichts mehr geht‘ behandelt alle Aspekte der Calvados-Schwarzbrennerei, mit örtlichen Kleinkriminellen, regionalen Steuerfahndern und mächtigen, skrupellosen Gangstern aus der Hauptstadt als Kontrahenten. Abgerundet wird die Erzählung durch eine schöne, scheinbar hoffnungslose Liebesgeschichte zwischen der beherzt gegen den Schnapskonsum der Kinder (!) kämpfenden 19-jährigen Grundschullehrerin Marie-Anne und dem jungen, pfiffigen Draufgänger und Alkoholschmuggler Pierrot, der eben aus dem Algerienkrieg zurückgekehrt ist.

‚Mond über Omaha‘, ein mit Elementen des Psychothrillers verknüpfter Antikriegsroman, angesiedelt in der Normandie zwanzig Jahre nach dem D-Day, kreist um die Macht der Vergangenheit, um Lebenslügen, existentielle Ängste und verdeckte Identitäten, um Habgier, Eifersucht und Hass. Im Mittelpunkt stehen zwei Überlebende des Gemetzels am „Omaha Beach“, die nach dem Krieg in Nordfrankreich hängen geblieben sind, Sergeant Reilly und sein Untergebener Hutchins. Steve Reilly, unglücklich mit einer jungen Französin verheiratet, erweist seinen toten Kameraden Tag für Tag die letzte Ehre, indem er sich akribisch um die Gräber auf dem riesigen amerikanischen Soldatenfriedhof „Omaha Beach“ kümmert. George Hutchins desertierte unmittelbar nach der Landung an der französischen Küste und tauchte mit falschem (französischem) Namen unter, um den Kriegsgräueln zu entkommen. Jetzt fristet er mit seiner Familie ein kleinbürgerliches Dasein, bis Amédée Delouis, einer von Reillys Friedhofsangestellten, eines natürlichen Todes stirbt – und sich Hutchins als dessen verschollener Sohn (und potentieller Erbe) präsentiert, sehr zum Leidwesen von Amédées einzigem legitimem Sohn Fernand, der seine Felle davonschwimmen sieht. Zwischen den drei Männern und ihren Frauen entspinnt sich ein ränkevolles Spiel.

‚Mitleid mit den Ratten‘ stellt die Pariser Gaunerfamilie Lenfant in den Mittelpunkt – Vater Julien arbeitet hauptberuflich beim Autokonzern Simca und erleichtert in seiner Freizeit betuchte Leute um mehr oder weniger wertvolle Gegenstände, Mutter Yvonne organisiert die Einbrüche, und die 17-jährige Tochter Solange steht für ihren Papa Schmiere -, ein nahezu perfekt eingespieltes Team, dessen Existenz jedoch aus den Fugen gerät, als Julien in flagranti von einem Polizisten erwischt wird und ihm ein zufällig am Tatort anwesender junger Mann, der sich Michel nennt, das Leben rettet. Denn Michel ist Teil einer Organsation, die in Ungnade gefallene Leute aus dem Weg räumt, und nistet sich jetzt mit seinen Kompagnons bei der Familie Lenfant ein – eiskalte Auftragskiller treffen auf harmlose kleine Diebe.

Die Doudou Magne-Trilogie dreht sich um den Flic Edouard „Doudou“ Magne, alias Géronimo, einen schrägen Vogel mit einem Flair für soziale Aussenseiter, der durch seine langen Haare und das Tragen von Sandalen und geblümten Hemden auffällt (keine deutschsprachige Übersetzung).

Bibliografie:

‚Y’a pas de bon Dieu !‘ (1950), ‚Motus!‘ – ‚Motus!‘ (1953), ‚La bonne tisane‘ – ‚Die Abreibung‘ (1955), ‚Sans attendre Godot‘ – ‚Auf Godot wartet keiner‘ (1956), ‚Le drakkar‘ (1959), ‚Les loups dans la bergerie‘ – ‚Die Ausgestossenen‘ (1959), ‚Jusqu’à plus soif‘ – ‚Bis nichts mehr geht‘ (1962), ‚Noces de soufre‘ (1964), ‚La lune d’Omaha‘ – ‚Mond über Omaha‘ (1964), ‚Pitié pour les rats‘ – ‚Mitleid mit den Ratten‘ (1964), ‚Les fous de Hongkong‘ (1969), ‚Le grillon enragé‘ (1970), ‚A qui ai-je l’honneur? (1974), ‚Le pigeon des Faubourgs‘ (1981), ‚Le chein de Montargis‘ (1983), ‚Langes radieux‘ (1984), ‚Le boucher des Hurlus‘ (1982), ‚Au balcon d’Hiroshima‘ (1985);

Doudou Magne-Trilogie: ‚La nef des dingues‘ (1972), ‚Contest flic‘ (1972), ‚Terminus Iéna‘ (1974).