(*1953)

Geboren in Springfield, Missouri, verliess Daniel Woodrell mit sechzehn Jahren die Schule, um bei den Marines anzuheuern, doch Drogendelikte führte schon bald zur Entlassung. Er schlug sich daraufhin mit Gelegenheitsjobs durchs Leben, reiste durch die Vereinigten Staaten, konsumierte illegale Substanzen und holte dann doch noch seinen Collegeabschluss an der University of Kansas nach. Anschliessend studierte er zwei Jahre am berühmten Iowa Writer’s Workshop, Abschluss 1981. Im Jahre 1986 veröffentlichte er seinen ersten Roman ‚Cajun Blues‘, den ersten Band der so genannten Bayou-Trilogie. Er lebt mit seiner Frau, der Autorin Katie Estill, im Städtchen West Plains, Süd-Missouri, und widmet sich vorranging dem Schreiben von Romanen, die er selbst als „country noir“ bezeichnet.

Woodrells Bayou-Trilogie ist in dem trostlosen (fiktiven) Kaff St. Bruno, Louisiana, angesiedelt. Der Cop Rene Shade fungiert als Hauptperson – er ermittelt, oft auch gegen den Willen seiner Vorgesetzten, Mordfälle, in denen Korruption und Machtmissbrauch von grosser Bedeutung sind. Der die Trilogie beschliessende Roman ‚John X.‘ (Rene Shade bekleidet hier bloss eine kleine Rolle) erzählt von dem gealterten und tattrig gewordenen Ex-Billardprofi und Ex-Frauenhelden John X. Shade, Rene Shades Vater, der im ‚Enoch’s Rib and Lounge‘, der Bar seines zwei Jahre jüngeren, schwer krebskranken Schwiegervaters arbeitet, und der mit seiner zehnjährigen Tochter Etta Hals über Kopf das Weite suchen muss, als seine zweite Frau ihn sitzen lässt und gleich auch die siebenundvierzig Riesen mitnimmt, die John X. für den Auftragskiller Lunch Pumphrey aufbewahren sollte. John X. macht sich auf den Weg nach St. Bruno, wo seine erste Frau und die drei erwachsenen Söhne (unter ihnen der momentan suspendierte Polizist Rene Shade) leben. Doch Pumphrey ist ihm hart auf den Fersen. Die Bayou-Trilogie ist 2012 in einem Sammelband unter dem Titel ‚Im Süden‘ herausgekommen.

In den Ozarks, einem gebirgigen Niemandsland zwischen Kansas und Missouri, gibt es nicht nur undurchdringliche Wälder und kaum passierbare Strassen, sondern auch reiche Pinkel, korrupte Polizisten, abgelöschte Rednecks, üble Slums, explodierte Crystal-Meth-Küchen – und jede Form von Gewalt. Daniel Woodrell lebt in dieser Gegend, und hier spielen auch alle seine ab 1996 erschienenen Romane, mit denen ihm Ende der 90er der literarische Durchbruch gelang.

‚Stoff ohne Ende‘, ein schnörkelloser, schmutziger Noir-Roman, kreist um den erfolglosen Schriftsteller Doyle Redmond und dessen Bruder Smoke. Doyle, mitte dreissig und wohnhaft in Kalifornien, verlässt seine Frau, lässt ihren Wagen mitlaufen und kehrt zu seinen Wurzeln zurück – in die Ozarks. Dort trifft er seinen Bruder, der sich mit seiner Geliebten Big Annie und deren Tochter auf einer Marihuana-Plantage vor der Polizei versteckt. Gemeinsam frönen sie einem unbeschwerten Hippiedasein, bis ihnen ein rivalisierender Hillbilly-Clan in die Quere kommt – ein blutiges Gefecht nimmt seinen Lauf.

Woodrells berühmtester Roman ‚Winter’s Bone‘ kam 2010 unter dem gleichen Titel in die Kinos. Die wuchtige, schlackenfreie, in einer sinnlichen Sprache erzählte Geschichte handelt von einer ungemein starken und zähen Frau, der erst 16-jährigen Ree Dolly, die unter armseligsten Bedingungen in den Ozarks lebt. Ree trägt die Verantwortung für ihre ganze Familie, bestehend aus dem nichtsnutzigen Vater Jessup (er ist der beste Crystal Meth-Koch der Region und sass deshalb bereits im Gefängnis), der geisteskranken Mutter und den beiden jüngeren Brüdern. Jessup  steht auch jetzt wieder unter Anklage, für die Kaution hat er sein ganzes Hab und Gut verpfändet – und seither ist er spurlos verschwunden. Verzweifelt begibt Ree sich auf die Suche nach ihm, denn wenn Jessup den kurz bevorstehenden Gerichtstermin verpasst, verliert die Familie alles, was sie hat. Sie trifft auf eine Mauer des Schweigens, wird von einer Frau brutal zusammengeschlagen – und jeder ausser ihr scheint zu wissen, dass Jessup nicht meh unter den Lebenden weilt. In der finsteren, pessimistischen Erzählung ist Ree Dolly der einzige Lichtblick – der Leser wird sie nicht so schnell vergessen.

2011 veröffentlichte Woodrell seinen ersten Erzählband ‚The Outlaw Album‘, eine Sammlung von zwölf (zumeist älteren) Kriminalgeschichten. 2013 folgte sein bisher letzter Roman ‚In Almas Augen‘.

Bibliografie:

Bayou-Trilogie: ‚Under the Bright Light‘ – ‚Cajun Blues‘ (1986), ‚Muscle for the Wing‘ – ‚Zoff für die Bosse‘ (auch unter dem Titel ‚Boss‘, 1988), ‚The Ones You Do‘ – ‚John X.‘ (1992);

Ozark-Romane: ‚Give Us a Kiss‘ – ‚Stoff ohne Ende‘ (1996), ‚Tomato -Red‘ – ‚Tomato Red‘ (1998), ‚The Death of Sweet Mister‘ – ‚Der Tod von Sweet Mister‘ (2001), ‚Winter’s Bone‘ – ‚Winters Knochen‘ (2006), ‚The Maid’s Version‘ – ‚In Almas Augen‘ (2013).