(1953-2025)

Geboren in Springfield, Missouri, als Sohn einer Krankenschwester und eines Metallhändlers, aufgewachsen in West Plains und St. Charles, ebenfalls Missouri, verliess Daniel Woodrell mit siebzehn die Schule, um bei den Marines anzuheuern, doch Drogendelikte führten bald zur Entlassung. Er schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, bereiste die Vereinigten Staaten, konsumierte illegale Substanzen und holte dann doch noch einen Collegeabschluss an der University of Kansas nach. Anschliessend studierte er zwei Jahre am berühmten Iowa Writer’s Workshop. 1986 veröffentlichte er seinen ersten Roman ‚Cajun Blues‘ – der erste Band der Bayou-Trilogie. Ein Jahr später folgte ‚Woe to Live on‘ (‚Zum Leben verdammt‘), ein harter Roman über den Irrsinn des amerikanischen Bürgerkriegs. Woodrell lebte mit seiner Frau, der Autorin Katie Estill, in seiner Heimatstadt West Plains und widmete sich vorranging dem Schreiben von Romanen, die er als „Country noir“ bezeichnete. Im November 2025 starb er mit 72 Jahren an Krebs. Er hinterliess seine Frau und einen seiner beiden Brüder.

Woodrells Bayou-Trilogie (2012 im Sammelband ‚Im Süden‘ herausgekommen. eingeleitet durch einen knackigen Text von Frank Göhre) ist in der trostlosen (fiktiven) Stadt St. Bruno, Louisiana, angesiedelt. Der Cajun-Cop Rene Shade, ein ehemaliger Boxer, fungiert als Hauptperson – er ermittelt, oft auch gegen den Willen seiner Vorgesetzten, Mordfälle, in denen Korruption und Machtmissbrauch von grosser Bedeutung sind. Shade hat zwei Brüder, der ältere, Tip, ist Besitzer der ‚Catfish Bar‘, in der auch Gangster verkehren, der jüngere, Francois, ein Rechtsanwalt, der reich geheiratet hat, und mit beiden versteht er sich nicht besonders gut.

In ‚Cajun Blues‘ wird der aufstrebende afroamerikanische Demokrat Alvin Rankin in seinem Haus erschossen, kurz danach kommt der Pornokönig Teejay Crane gewaltsam ums Leben – der Hinterwäldler Jewel Cobb bläst ihm im Auftrag der Gangster Roque und Ledoux das Licht aus. Im Gegensatz zum Leser weiss Rene Shane natürlich nicht, dass Crane den Politiker umgelegt hat. Seine Vorgesetzten wollen den Fall als missglückten Einbruch abhaken, doch Shane gräbt tiefer und enthüllt einen weitreichenden Korruptionsskandal.

Der zweite Teil der Bayou-Trilogie ‚Zoff für die Bosse‘ beginnt mit einem dreisten Coup der drei Ex-Knackis Jadick, Pugh und Byrne. In einem noblen Club des durch den harmlos wirkenden Gangster Auguste Beaurain beherrschten Sündenpfuhls St. Bruno erleichtern sie eine Runde von wohlhabenden Pokerspielern um Geld und Schmuck und befördern den Bodyguard, einen unredlichen Bullen, ins Jenseits, als er seine Waffe zücken will. Wanda Bouvier, eine junge Schlampe, deren Mann Bonnie im Gefängnis schmort, hat ihnen den Job vermittelt. Rene Shade und sein langjähriger Kumpel How Blanchette, zwei coole, hartgesottene Cops, machen sich auf, den Gangstern, die Teil der landesweit operierenden weissen Knastgang „The Wing“ sind, auf ihre Art das Fürchten beizubringen. Doch dann wird Blanchette zurückgepfiffen, und Shade erhält einen neuen Partner – seinen Jugendfreund, den korrupten Dreckskerl Shuggie Zeck, der mit Wandas nichtsahnender Informantin Hedda verheiratet ist.

Der die Trilogie beschliessende Roman ‚John X.‘ (Rene Shade bekleidet hier bloss eine kleine Rolle) erzählt von dem gealterten und tattrig gewordenen Ex-Billardprofi und Ex-Frauenhelden John X. Shade, Rene Shades Vater, der im ‚Enoch’s Rib and Lounge‘, der Bar seines zwei Jahre jüngeren, schwer krebskranken Schwiegervaters arbeitet, und der mit seiner zehnjährigen Tochter Etta Hals über Kopf das Weite suchen muss, als seine zweite Frau ihn sitzen lässt und gleich auch die 47’000 Dollar mitnimmt, die John X. für den Auftragskiller Lunch Pumphrey aufbewahren sollte. John X. macht sich auf den Weg nach St. Bruno, wo seine erste Frau Ma Blanquis und die drei erwachsenen Söhne (unter ihnen der momentan suspendierte Polizist Rene Shade) leben. Doch Pumphrey ist ihm hart auf den Fersen.

In den Ozarks, einem gebirgigen Hochplateau zwischen Kansas und Missouri, gibt es nicht nur undurchdringliche Wälder und kaum passierbare Strassen, sondern auch reiche Pinkel, korrupte Polizisten, abgelöschte Rednecks, üble Slums, explodierte Crystal-Meth-Küchen – und jede Form von Gewalt. Daniel Woodrell lebt in dieser Gegend, und hier spielen auch alle seine ab 1996 erschienenen Romane, mit denen ihm Ende der 90er der literarische Durchbruch gelang.

‚Stoff ohne Ende‘, ein schnörkelloser, schmutziger Noir, kreist um den erfolglosen Schriftsteller Doyle Redmond und dessen älteren, mit dem Gesetz im Konflikt stehenden Bruder Smoke. Ich-Erzähler Doyle, Mitte dreissig und wohnhaft in Kalifornien, ein ehemaliger Kleinkrimineller und Marine, verlässt seine Frau, lässt ihren Wagen mitlaufen und kehrt zu seinen Wurzeln zurück – in die Ozarks, wo Smoke sich mit seiner Geliebten Big Annie und deren 19-jährige Tochter Niagra, in die sich Doyle verliebt, auf einer heimlichen Marihuana-Plantage vor der Polizei versteckt. Gemeinsam frönen sie einem unbeschwerten Hippiedasein, bis ihnen ein rivalisierender Hillbilly-Clan, die berüchtigte Dolly-Bande, in die Quere kommt und sie in ein blutiges Gefecht verwickelt.

Woodrells berühmtester Roman ‚Winter’s Bone‘ (‚Winters Knochen‘) kam 2010 unter demselben Titel in die Kinos. Die wuchtige, schlackenfreie, in einer sinnlichen Sprache erzählte Geschichte handelt von einer ungemein starken und zähen Frau, der erst 16-jährigen Ree Dolly, die unter armseligen Bedingungen in den Ozarks lebt. Ree trägt die Verantwortung für ihre ganze Familie, bestehend aus dem nichtsnutzigen Vater Jessup (er ist der beste Crystal Meth-Koch der Region und sass deshalb bereits im Gefängnis), der geisteskranken Mutter und den beiden jüngeren Brüdern. Jessup steht auch jetzt wieder unter Anklage, für die Kaution hat er sein ganzes Hab und Gut verpfändet – und seither ist er spurlos verschwunden. Verzweifelt begibt Ree sich auf die Suche nach ihm, denn wenn Jessup den kurz bevorstehenden Gerichtstermin verpasst, verliert die Familie alles, was sie hat. Sie trifft auf eine Mauer des Schweigens, wird von einer Frau brutal zusammengeschlagen – und jeder ausser ihr scheint zu wissen, dass Jessup nicht mehr unter den Lebenden weilt. In der finsteren, pessimistischen Erzählung ist Ree Dolly der einzige Lichtblick – der Leser wird sie nicht so schnell vergessen.

2011 veröffentlichte Woodrell seinen einzigen Erzählband ‚The Outlaw Album‘, eine Sammlung von zwölf (zumeist älteren) Kriminalgeschichten. 2013 folgte sein letzter Roman ‚In Almas Augen‘.

Bibliografie:

Bayou-Trilogie: ‚Under the Bright Light‘ – ‚Cajun Blues‘ (1986), ‚Muscle for the Wing‘ – ‚Zoff für die Bosse‘ (auch unter dem Titel ‚Boss‘, 1988), ‚The Ones You Do‘ – ‚John X.‘ (1992);

Ozark-Romane: ‚Give Us a Kiss‘ – ‚Stoff ohne Ende‘ (1996), ‚Tomato -Red‘ – ‚Tomato Red‘ (1998), ‚The Death of Sweet Mister‘ – ‚Der Tod von Sweet Mister‘ (2001), ‚Winter’s Bone‘ – ‚Winters Knochen‘ (2006), ‚The Maid’s Version‘ – ‚In Almas Augen‘ (2013).