Der Meister der tiefsinnigen Gaunerkomödie, des multiperspektivischen Erzählens, der pointierten Dialoge und inneren Monologe, der Tempowechsel und der schnörkellosen Milieuschilderungen hielt sich streng an sein oft zitiertes Credo: „Wenn es wie geschrieben klingt, schreibe ich es neu“. Dass Elmore Leonard riesigen Spass am Schreiben hatte, sieht man jeder Zeile seiner Romane an. Die Erfindung lebendiger Charaktere war ihm dabei stets ein grösseres Anliegen als die Entwicklung von Spannungsbögen und ausgefeilten Plots.

’52 Pickup‘ – ‚Sein letztes Angebot‘ (aka ’52 Pick-up‘), 197

Harry „Mitch“ Mitchell, ein erfolgreicher, seit vielen Jahren glücklich mit der warmherzigen, pragmatischen Barbara verheirateter Ingenieur und Ex-Jagdflieger Mitte vierzig, hat sich vor drei Monaten auf eine Affäre mit einem jungen Fotomodell eingelassen, die er jetzt beenden will, um seiner Frau nicht mehr dauerend Ausflüchte und Lügen auftischen zu müssen. Leider kommt er mit seiner Reue zu spät, denn drei Erpresser srücken ihm bereits auf die Pelle, fordern 105’000 Dollar Schweigegeld pro Jahr (entsprechend seinem Verdienst abzüglich Steuern). Um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, zeigen ihm die vermummten und bewaffneten Männer selbst gedrehte Filme, die seine Abwege beweisen. Mitch lässt sich allerdings nicht so leicht ins Bockshorn jagen. Er beichtet die peinliche Geschichte seiner Frau und seinem Anwalt, lässt die Gangster abblitzen – und reitet sich damit erst recht in die Scheisse, denn diese ziehen jetzt die Schraube an und töten das Mädchen vor laufender Kamera mit Mitchs Revolver. Es folgt ein Kampf auf Biegen und Brechen zwischen den drei Typen und ihrem nervenstarken Gegner, der sich auf einmal von seiner harten Seite zeigt und die Gangster gegeneinander ausspielt. John Frankenheimers ganz ordentliche Verfilmung mit Roy Scheider als Harry Mitchell, Ann-Margret als Barbara Mitchell und John Glower als Anführer der Bösewichte kam 1986 in die Kinos.

‚Swag‘ (aka ‚Ryan’s Rules‘) – ‚Beute‘ (aka ‚Dies ist ein Überfall‘), 1976

„There aren’t any textbooks on armed robbery. The only way to learn is through experience“ wäre der passende Untertitel zu der herrlichen Caper Novel ‚Swag‘. Der Gebrauchtwarenhändler Frank J. Ryan und der glücklose Autodieb Ernest „Stick“ Stickley Jr., die sich in Detroit zufällig über den Weg laufen, wollen gemeinsam zu neuen Ufern aufbrechen: Bewaffnete Raubüberfälle ohne Waffeneinsatz, statistisch gesehen die erfolgreichste Methode, um in kurzer Zeit ein Vermögen anzuhäufen, ist ihre Strategie, wobei sie sich vornehmen, stets Ryans zehn Regeln zu befolgen (sei immer höflich bei deinem Job/zähle nie die Beute im Wagen/erzähl niemandem, was du machst/lass dich nie mit Leuten ein, die mit der Unterwelt zu tun haben etcetera). Mit kleinen Jobs (Schnapsläden, Supermärkte, Bars und Tankstellen) besorgen sie sich das nötige Kleingeld für den grossen Coup – Plünderung des Tresors eines riesigen Einkaufszentrums in Detroit. Doch dann unterlaufen ihnen zwei verhängnisvolle Fehler: Sie pflegen Umgang mit Männern, die weder Regeln noch Skrupel kennen, und sie vergessen einmal zu viel, ihren Mund zu halten.

‚Unknown Man No. 89‘ – ‚Nr. 89 – unbekannt‘, 1977

Jack C. Ryan hat nach ungezählten kleinen Jobs (nachzulesen in Leonard erstem Krimi ‚The Last Bounce‘, in dem Ryan als Rumtreiber und Taugenichts im Mittelpunkt steht) zu seiner wahren Berufung gefunden: Als Gerichtszusteller macht er Leute ausfindig, übergibt ihnen Schriftstücke – Gerichtsbeschlüsse, Gerichtsvorladungen – und befolgt fast immer seine eiserne Regel „Engagier dich nie persönlich“. Trotzdem erschien es ihm ratsam, eine .38er Smith and Wesson Chief’s Special anzuschaffen, die er aber nie bei sich hat. Sein Betätigungsfeld ist die Umgebung von Detroit und Pontiac, seine Auftraggeber eine Reihe von Anwälten und Gerichten, gelegentlich auch – wie in dem vorliegenden Roman – Jay Walt, ein unzimperlicher Repo-Mann. Ryans neuster Kunde ist Francis X. Perez, ein doppelzüngiger mexikanischer „Anlageberater“, der sich darauf spezialisiert hat, verloren gegangene Aktionäre aufzuspüren. Objekt der Begierde ist ein Aktienpaket im Wert von 150’000 Dollar, das sich dem Anschein nach im Besitz von Robert Leary jr. befindet, einem dunkelhäutigen Vietnamveteranen, der im Krieg durchdrehte und seither unter dem Deckmantel von schweren Gehirnschäden mindestens zwanzig Leute ins Jenseits befördert hat. Als Ryan dem Vermissten zum ersten Mal begegnet, liegt dieser im Leichenschauhaus – niedergemäht mit einer Schrottflinte, versehen mit einem Zettel an der grossen Zehe: „Nr. 89 – unbekannt“. Kurz danach verschwindet Learys Gattin Denise „Lee“ Watson, eine junge, alkoholkranke Verkäuferin. Ryan stösst bei einem AA-Treffen zufällig auf sie, nimmt sie unter seine Fittiche, verliebt sich in sie – und denkt darüber nach, wie er den Spiess umdrehen und Perez reinlegen könnte. Wichtige Nebenrollen bekleiden Mister Perez‘ Bodyguard Raymond Gidre, die schiesswütigen Gangster Vergil Royal und Tunafish, die Wind von dem Aktiendeal bekommen haben, und der Cop Dick Speed, ein Freund von Ryan aus Highschool-Zeiten. In einem lesenswerten Nachwort erläutert der den Leonard-Sound ausgezeichnet treffende Übersetzer Jochen Stremmel, warum ‚Nr 89 – unbekannt‘ Leonards persönlichstes Buch ist – das Buch, in dem der Autor eindrucksvoll und schonungslos auf seine eigene, am 24. Januar 1977 um 9 Uhr morgens überwundene Alkoholsucht Bezug nimmt. Sein letzter Drink: ein Scotch mit Vernors ginger ale.

‚The Hunted‘ – ‚Der Gejagte (aka ‚Rosen in Israel‘), 1977

Al Rosen (usprünglich Jimmy Ross), ein erfolgreicher Geschäftsmann Ende vierzig aus Detroit, musste vor drei Jahren untertauchen, nachdem er als Kronzeuge gegen zwei einflussreiche Gangster ausgesagt hatte. Durch die Regierung mit neuer Identität ausgestattet, schiebt er seither in Israel eine ruhige Kugel – schickes Auto, Luxushotel in Jerusalem, breiter Freundeskreis und Affären mit alleinstehenden Touristinnen, bei denen er dank seiner freundlichen, gelassenen Art und seinem attraktiven Äusseren gut ankommt, füllen ihm das Leben aus. Seine neuste Flamme ist eine lebensfrohe Amerikanerin, doch in ihrer ersten gemeinsamen Nacht bricht im Hotel ein tödliches Feuer aus. Al Rosen wird bei seinen lebensrettenden Taten fotografiert, nicht ahnend, dass das Foto am nächsten Tag auch in der Detroiter Presse auftaucht – mit fatalen Folgen, denn die rachsüchtigen Mobster Gene Valenzuela, Teddy Cass und Kamal Rashad sitzen ihm bereits im Nacken. Mit von der Partie sind zudem sein etwas zwielichtiger Anwalt Mel Bundy, der ihm jeweils den Lohn seiner ehemaligen Firma zustellt, dessen schöne, fürsorgliche Assistentin Tali und der Marineinfanterist David Davis, ein Vietnamveteran. Davis‘ Rolle bleibt längere Zeit unklar, doch dann zeigt sich, dass er der einzige ist, der Rosen vielleicht den Hintern retten kann.

‚The Switch‘ – ‚Wer hat nun wen aufs Kreuz gelegt?‘, 1978

Ordell Robbie („hellhäutiger Afroamerikaner“) und Louis Gara („dunkelhäutiger Frankoamerikaner“), zwei Freunde aus Detroits Unterschicht, beide mit Knastvergangenheit, bestreiten ihren Lebensunterhalt mit einfachen Diebstählen und anderen kleineren Delikten. Zur Zeit gerade völlig pleite, laufen sie mehr oder weniger zufällig dem Bauunternehmer Frank Dawson über den Weg, einem selbstgefälligen Blender, der sein Vermögen auf krumme Art erworben hat. Nach minutiösen Vorbereitungen entführen sie Franks frustrierte Gattin Mickey, ohne zu ahnen, dass die Ehe längst nur noch auf dem Papier besteht und Frank sich mit jungen Frauen rumtreibt, derzeit mit der smarten Schönheit Melanie. Während Frank auf den Bahamas luschen Geschäften nachgeht und seine Triebe auslebt, kommen sich Mickey, die einen Reifeprozess durchläuft, und ihre gar nicht so üblen Entführer immer näher. Das heitere gegenseitige aufs-Kreuz-Legen bündelt der Autor zu einem herzerwärmenden Finale. David Schlechter brachte den Krimi 2013 unter dem Titel ‚Life of Crime‘ auf die Leinwand, Jennifer Anniston als Mickey, Tim Robbins als Frank, Mos Def als Ordell und John Hawkes als Louis spielten die Hauptrollen.

‚City Primeval‘ – ‚High Noon in Detroit‘, 1980

Einer der wenigen Romane, in denen Leonard einen Polizeibeamten in den Mittelpunkt stellt, berichtet über das Katz-und-Maus-Spiel zwischen einem Psychopathen und einem Cop. Als Clement Mansell seinen achten und neunten Mord begeht – die Opfer sind der niederträchtige dunkelhäutige Richter Alvin Guy, der bloss eine bisschen seine Kreise störte, und die junge Frau, die gerade mit ihm unterwegs war – bekommt er es mit einem ernst zu nehmenden Opponenten zu tun: dem klugen und gerechten Lieutenant Raymond Cruz von der Detroiter Mordkommission, der mit ihm noch ein Hühnchen zu rupfen hat: Mansell stand vor drei Jahren wegen dreifachen Mordes vor Gericht, blieb jedoch aufgrund eines juristischen Formfehlers auf freiem Fuss und ging grinsend seiner Wege. Wichtige Rollen spielen Mansells gelegentliche Bettgefährtin Sandy Stanton, die auch mit dem geschäftstüchtigen Albaner Skender „Skenny“ Lulgjaraj rumzieht, und Mansells frostige Anwältin Carolyn Wilder, mit der Raymond Cruz wider Erwarten in die Kiste steigt. Am Ende der Geschichte liefern sich der Bulle und der Gangster ein Duell, wie es besser nicht einmal Sergio Leone hingekriegt hätte. ‚High Noon in Detroit‘: ein astreiner Police Procedural mit Western Showdown.

‚Freaky Deaky‘ – ‚Freaky Deaky‘, 1988

Der Enddreissiger Sergeant Chris Mankowski, seit vielen Jahren beim Bombendezernat der Detroiter Kriminalpolizei, wird am Tag seiner herbeigesehnten Versetzung in die Abteilung für Sexualdelikte noch ein letztes Mal gebraucht: Ein aufstrebender Drogenhändler namens Booker sitzt selbstzufrieden auf seinem grünen Ledersessel, als er erfährt, dass dieser in die Luft fliegt, sobald er seinen Arsch bewegt – was denn auch prompt geschieht. Szenenwechsel: Der Stuntman und ehemalige Sprengstoffexperte Skip Gibbs und seine Freundin Robin Abbott, die Ende der 60er-Jahre als militante Revolutionäre mit Schildern unterwegs waren, um Aufrufe wie „Scheiss auf die Einberufung“ zu verbreiten, und wegen gewalttätigen Aktionen ein paar Jahre im Knast verbrachten, treffen nach zehn Jahren wieder aufeinander und wollen endlich Rache nehmen an dem stinkreichen, ständig zugedröhnten „Geschaftsmann“ Wood Ricks und seinem jüngeren Bruder Mark, die sie damals verpfiffen haben. Woody hat allerdings gerade eine Anklage wegen Vergewaltigung der Schauspielerin Greta Wyatt am Hals, was wiederum dazu führt, dass der ermittelnde Cop Chris Mankowski aufgrund von „ungebührlichem Verhalten“ auf der Strasse landet. Kurz danach wird Woodys Limousine durch Dynamit zerfetzt, allerdings nicht mit Woody, sondern Mark am Steuer. Gibt es einen Zusammenhang zwischen den beiden Attentaten? Gerüchte schiessen ins Kraut, selbst Chris gerät unter Verdacht, hasst er doch Woody von ganzem Herzen, er, der als exzellenter Bombenentschärfer wohl auch eine Bombe basteln kann. Einzig Skip und Robin hat vorerst keiner auf der Rechnung. Um dieses kunterbunte Personal, ergänzt durch Woodys Chauffeur Donnell Lewis, ein ehemaliger Black Panther, der sein eigenes Süppchen kocht, entwickelt der Autor die wilde Geschichte eines „Jeder versucht jeden zu linken“-Spiels, dessen Gewinner einen Millionengewinn einstreichen kann.

‚Killshot‘ – ‚Killshot‘ (auch unter dem Titel ‚Beruf: Killer‘), 1989

Armand „Blackbird“ Degas, Sohn eines Frankokanadiers und einer Ojibway, als Killer für ein kanadisches Syndikat auf der Piste, Richie Nix, ein redseliger Punk, der tötet, weil es ihm Spass macht, und das Ehepaar Carmen und Wayne Colson aus Michigan, sie Immobilienmaklerin, er Stahlbauarbeiter, bilden das Gerüst der Geschichte. Die Zufallsbekannten planen eine Erpressung, die Carmens schleimigen Chef Nelson Davies um zehn Riesen erleichtern soll. Bei der Ausführung stolpern sie jedoch über Wayne, der sich für ein Vorstellungsgespräch gerade im Maklerbüro aufhält – und die Gangster alt aussehen lässt. Als das Duo brutal zurückschlägt, sieht sich das FBI gezwungen, Carmen und Wayne gegen ihren Willen in ein Zeugenschutzprogramm des Bundes aufzunehmen – eine Übung, die gründlich schief geht: Während Wayne in seinem neuen Job aufblüht, wird seine lebenskluge, attraktive Frau immer wieder von dem zuständigen FBI-Beamten angemacht, dem dümmlichen Muskelprotz Ferris. Nach wenigen Tagen verlässt sie deshalb Hals über Kopf den „geschützten Wohnsitz“, trifft auf Richie und Blackbird und gerät in einen Alptraum.

Elmore Leonard hält sich hier nicht zurück mit scharfer Kritik an seinem Land, geisselt die äusserst laschen Waffengesetze und lässt an den Zeugenschutzprogrammen kein gutes Haar, kommen diese doch fast ausschliesslich ausstiegswilligen Mobstern und anderen als Kronzeugen vorgesehenen Verbrechern zugute, während sie für unschuldige Opfer – in diesem Fall das Ehepaar Colson – eine wahre Zumutung darstellen. Mickey Rourke als Blackbird und Diane Lane als Carmen sind die Hauptdarsteller des durch den Engländer John Madden gedrehten, 2009 erstmals gezeigten Films.

‚Get Shorty‘ – ‚Schnappt Shorty!‘, 1990

Ernesto „Chili“ Palmer, ein kleiner Geldeintreiber für ein Syndikat in Miami, soll den angeblich durch einen Flugzeugabsturz umgekommenen Schuldner Leo Delvoe aufspüren, der in Wahrheit mit den 300’000 Dollar Versicherungsgeld, das eigentlich seiner „Witwe“ zustand, in Las Vegas untertauchte, ohne zuvor seine Schulden beim Syndikat zu tilgen. Ein leichter Job für Chili, er kassiert die Scheine – und verspielt sie noch in derselben Nacht. Als er vor Ort erfährt, dass der gealterte B-Horrorstreifen-Produzent Harry Zimm bei den Spielkasinos arg in der Kreide steht, reist er nach Los Angeles, um ihn mit sanftem Druck davon zu überzeugen, seinen eigenen, durchaus filmreifen Lebenslauf – ein paar bewaffnete Raubüberfälle als Jugendlicher, die blutige Auseinandersetzung mit dem Gangster Ray Bones vor längerer Zeit und schliesslich die in der Leo-Delvoe-Affäre kulminierenden Jahre bei der Mafia – als Vorlage für einen Kinohit zu verwenden. Harry Zimm und seine schlitzohrige Partnerin, die Schauspielerin Karen Flores, beissen an, Chilis Zukunft sieht nun wieder rosiger aus, doch sein Erzfeind Bones, inzwischen zu einem einer der mächtigsten Männer des Syndikats aufgestiegen, sieht die Sache ein wenig anders. In die turbulente – mit scharfen Hieben auf Hollywood, die Stadt der Machtspielchen und Intrigen, gespickte – Geschichte verwickelt ist zudem Harrys Gläubiger Bo Catlett, der für ein mexikanisches Drogenkartell arbeitet und ebenfalls ein Stück vom Kuchen abbekommen will, während die Gesetzeshüter im Abseits verharren. Barry Sonnenfeld verfilmte den Stoff 1995 mit einem überraschend guten John Travolta als Chili und Gene Hackman als Harry Zimm.

‚Rum Punch‘ – ‚Jackie Brown‘, 1992

Die Flugbegeleiterin Jackie Burke (im Tarantino-Streifen und in der deutschen Übersetzung heisst sie Jackie Brown) bessert ihr Einkommen mit Kurierdiensten für den – aus ‚The Switch‘ bekannten, schon damals mit Louis Gara zusammenarbeitenden – Waffenschieber Ordell Robbie auf, bis sie im Flughafen von Palm Beach, Florida, den Cops Ray Nicolet und Faron Tyler in die Hände fällt und nun als Zeugin gegen ihren Geschäftspartner aussagen soll – was einem Todesurteil gleichkäme. Nach drei längeren Aufenthalten im Bau ist Louis vor kurzem bei dem Kautionsagenten Max Cherry, einem ehemaligen Cop, untergekommen. Ordell wiederum beauftragt Max, Jackie auf Kaution herauszuholen, und so stellt sich jetzt die Frage: Was kommt heraus, wenn sich zwei derart gerissene und coole Burschen zusammentun? Vorteil Max, was Sprüche anbelangt: „Hier in Miami bekommt man schneller ein Sturmgewehr als einen Bibliothekausweis“.“Schade, dass man sein Geld nicht in Gefängnisse investieren kann, so wie in Immobilien. Das ist der Wirtschaftszweig mit den höchsten Wachstumsraten“. Und vielleicht ist er auch eine Spur schlauer als Ordell, dessen gewaschenes Schwarzgeld im Wert von 500 Riesen eine starke Anziehungskraft hat. Das Zünglein an der Waage könnte Ordells ausgebuffte Freundin Melanie sein, die bereits in ‚Switch‘ am Rande mitgemischt hat. Die finale Abrechung findet in einem Einkaufszentrum in Palm Beach statt. In Tarantinos gelungener Verfilmung spielten Pam Grier als Jackie, Robert Forster als Max, Samuel L. Jackson als Ordell, Bridget Fonda als Melanie und Robert de Niro als Louis die Hauptrollen.

‚Out of Sight‘ – ‚Out of sight‘ (aka ‚Zuckerschnute‘), 1996

Gerne erinnern wir uns zurück an die Filmszene mit George Clooney als Bankräuber Jack Foley und Jennifer Lopez als Federal Marshal Karen Sisco, als sie, eingesperrt im Kofferraum eines Fluchtwagens, über gute Filme und das bittere Ende von Bonny & Clyde plaudern.

„Foley hatte noch nie ein Gefängnis gesehen, in dem man bis an den Zaun spazieren konnte, ohne erschossen zu werden“. Mit Leonards erstem Satz sind wir gleich mittendrin in der Geschichte des berühmtesten Bankräubers der USA – 200 Überfälle ohne auch nur ein einziges mal eine Waffe abzufeuern. Trickreich hat der Gentleman-Gangster Foley seinen Ausbruch aus dem Knast geplant, der dann jedoch ein bisschen anders abläuft, als er sich dies vorgestellt hat. Halb so schlimm, denn sein alter Kumpel Buddy befreit ihn aus dem Kofferraum. Die Wege des Verbrechers und der Polizistin trennen sich, doch ihre erste Begegnung geht ihnen nicht mehr aus dem Kopf. Foleys Ziel ist Detroit, wo ein ehemaliger Mithäftling, der Millionär Ripley, auf seinem Anwesen wertvolle Diamanten hortet. Der gewalttäge Gangster Maurice Miller und seine Gang sind ebenfalls hinter den Steinen her, und auch Karen Sisco ist Foley auf den Fersen. In Ripleys Villa prallen die Parteien wuchtig aufeinander.

‚Pagan Babies‘ – ‚Heidengeld‘, 2000

Wie fast immer bei Elmore Leonard steht auch hier ein Gaunerpärchen im Brennpunkt des Geschehens, aber was für eines! Der junge Ire „Father“ Terry Dunn, ein bärtiger, schwarzhaariger Zigarettenschmuggler mit einer Vorliebe für Scotch und Reggae, der die USA wegen Steuerdelikten fluchtartig verlassen musste, sich unmittelbar vor dem Genozid der Hutu an den Tutsi in Ruanda niederliess, dort seither hin und wieder eine Messe abhält und jedem Sünder zehn Vaterunser und zehn Ave-Maria auferlegt – wenngleich er die Bibel nur vom Hörensagen kennt. Die zweite im Bunde ist Debbie Dewey, ausgekochte Ermittlerin für Terrys Bruder Fran, ein auf Körperverletzung und Personenschäden spezialisierter Anwalt. Bis vor kurzem verbrachte sie drei Jahre wegen ungebührlicher Gewaltanwendung gegen ihren widerwärtigen Ex-Gatten Randy hinter Gitter, doch jetzt strebt sie eine Karriere als Stand-up-Comedian an. Als Terry nach fünf Jahren in die Staaten zurückkehrt, um, wie er sagt, einen Haufen Geld für ruandische Waisenkinder zu akquirieren, treffen die beiden aufeinander, entdecken auf Anhieb ihre Seelenverwandtschaft und schmieden einen raffinierten Plan: den inzwischen dank seiner zweiten (bereits wieder geschiedenen) Ehe und seiner Zusammenarbeit mit der Detroiter Mafia steinreichen Randy abzocken und im selben Atemzug die Mobster in die Pfanne hauen. Dabei stellt sich jedoch stets die Frage, wer wen geschickter über den Tisch zieht.

‚Tishomingo Blues‘ – ‚Spring oder stirb‘, 2002

Der Artist umd Tausendsassa Dennis Lenahan gehört zu Leonards originellsten Helden. Er besitzt eine 25 Meter hohe mobile Sprungturmanlage, von der er in ein kleines Becken mit einer Wassertiefe von maximal 2,7 Metern springt, wobei man die „Pobacken fest zusammenkneifen muss, sonst hätte man das Gefühl, man bekäme einen 15’000-Liter-Einlauf auf einen Schlag“. Billy Darwin, Besitzer des Tishomingo Lodge & Casino in Tunica, Mississippi, der Geburtsstätte des Blues, heuert ihn für acht Wochen an, Tageshonorar 500 Dollar. Kaum dort angekommen, gerät Dennis‘ Leben aus den Fugen: Er wird Zeuge der Hinrichtung eines Hotelangestellten durch zwei „Dixie Mobster“ und trifft unmittelbar danach auf den undurchsichtigen dunkelhäutigen Blues-Afficionado Robert Taylor aus Detroit, der den Mord ebenfalls beobachtet hat. Zudem sind in Tunica gerade Vorbereitungen für ein regelmässig stattfindendes Event im Gange: absolut authentisches Nachstellen der Battle of Brice’s Cross Road, die 1864 im Bürgerkrieg stattfand – und jetzt als Tarnung für eine blutige Auseinandersetzung zwischen der von Walter Kirkbride und seinem Killer Arlen Novis angeführten lokalen Gang und einem hochprofessionellen Detroiter Mafia-Clan dienen soll – es geht um Drogen und einen Haufen Geld. Hinreissende, teils hochkomische Szenen, staubtrockene Sprüche, amouröse Verwicklungen, das kunterbunte Personentableau, dem auch der CIB-Cop John Rau, der Animateur Charlie Hoke – ein ehemaliger Baseballprofi mit gewaltiger Schlaghand -, einfältige Gangster und tolle Frauen angehören. Kein Wunder also, dass Elmore Leonard ‚Tishomingo Blues‘ für seinen besten Krimi hielt.

‚The Hot Kid‘ – ‚Gangsterbraut‘, 2006

Leonards Spätwerk ‚Gangsterbraut‘ ist eine kongeniale Kreuzung zwischen Western- und Gangsterroman. Drei Männer bilden den Mittelpunkt. Carlos „Carl“ Huntington Webster – Sohn einer Kubanerin und eines Amerikaners, in dessen Adern zur Hälfte indianisches Blut fliesst -, der als 21-Jähriger bereits als Deputy Marshal in Tulsa, Oklahoma, waltet, steht am Anfang einer brillanten Karriere als Scharfschütze und Gesetzeshüter. Carls Widersacher ist der etwa gleichaltrige Bösewicht Jack Belmont, verzogener Sprössling eines millionenschweren Ölmagnaten – mit zehn Jahren versuchte er aus Eifersucht seine kleine Schwester umzubringen, mit achtzehn vergewaltigte er ein Mädchen, erpresste seinen millionenschweren Vater und, als dies misslang, entführte in der Hoffnung auf Lösegeld dessen Geliebte. Nach kurzem Knastaufenthalt startet er mit seiner schiesswütigen Bande eine Laufbahn als Bankräuber, mit guten Aussichten, demnächst Staatsfeind Nummer 1 zu werden. Dritter Protagonist ist der ehrgeizige Sensationsreporter Tony Antonelli, der als Carls Begleiter und Chronist darauf aus ist, die Zeitschrift ‚True Detective‘ mit einer saftigen Story zu versorgen. Der Roman spielt Ende der 20er-, Anfang der 30er-Jahre – in der wüsten Zeit der Prohibition und Grossen Depression, des Erdöl-Booms, der Kapuzenmänner und der legendären Gangster wie Machine Gun Kelly, John Dillinger, Baby Face Nelson und Pretty Boy Floyd. Frisch verliebt in Louly Brown, „das Mädchen mit dem süssen Lächeln, das einen gesuchten Verbrecher erschossen hat“, begibt sich „The Hot Kid“ Carl Webster auf die Jagd nach Jack Belmont, quer durch den Mittleren Westen nach Kansas und wieder zurück nach Tulsa, wo es zu einem bizarren Showdown kommt.

Das Elmore Leonard Paradoxon

Damit meinte der amerikanische Journalist Christopher Orr in seinem 2014 im Magazin ‚The Atlantic‘ abgedruckten Text die Tatsache, dass von den sechsundzwanzig nach Leonards Vorlagen gedrehten Filmen erstaunlicherweise nicht einmal eine Handvoll höheren Ansprüchen genügt. Leonard selbst hielt die 1969er Verfilmung seines ersten Krimis ‚The Big Bounce‘ für den zweitschlechtesten Streifen, den er je gesehen hatte, unterboten einzig durch die zweite Verfilmung desselben Buches fündfunddreissig Jahre später. Woran dies liegt, ist rätselhaft, bieten sich doch Leonards Romane mit ihrem Reichtum an lebensnahen Dialogen für eine Verfilmung geradezu an. Ist es die hohe Anzahl der Figuren? Leonards (bewusster) Verzicht auf lineare Handlungsführung? Oder geht zu viel verloren, wenn man die Krimis auf Hollywoodformat zurechtstutzt?

Als gelungene Verfilmungen gelten: ‚Get Shorty‘ (Barry Sonnenfeld, 1995) , ‚Jackie Brown‘ (Quentin Tarantino, 1997), ‚Out of Sight‘ (Steven Soderbergh, 1998) und die Fernsehserie ‚Justified‘ (2010-2015 mit 78 Episoden).

Eine wahre Zumutung für Elmore Leonard-Fans sind hingegen: ‚The Big Bounce‘ (Alex March, 1969, und George Armitage, 2004) und ‚Stick‘ (Burt Reynolds, 1985).

Gregg Sutter, Elmore Leonards „Legman“

Gregg Sutter, Jahrgang 1952, arbeitete über dreissig Jahre hauptberuflich für Elmore Leonard – Beschaffung von Hintergrundinformationen und Erfassung der Atmosphäre von Schauplätzen waren seine wichtigsten Aufgaben, die natürlich auch mit vielen Reisen verbunden waren. Mit der Zeit entstand eine tiefe Freundschaft zwischen den beiden sich perfekt ergänzenden Männern. Nach Leonards Tod gab Sutter die dreiteilige Elmore Leonard-Anthologie in der Library of America heraus. Darüber hinaus kümmert er sich liebevoll um die Homepage des Autors. In einer Reihe von Interviews erteilte Sutter nicht nur Auskunft über seine eigene Arbeitsweise und die äusserst fruchtbare Kooperation, sondern auch über Leonards literarische Einflüsse, in erster Linie Ernest Hemingways Short Stories und John Steinbecks Romane, und Leonards Lieblingssautoren, unter ihnen Pete Dexter, George Higgins und Raymond Carver.

Frank Göhre & Alf Mayer: ‚King of Cool. Die Elmore Leonard Story‘, 2019

„Ein Lesebuch. Eine Werkschau. Ein Lebensroman – eine kenntnisreiche und unterhaltsame Annäherung an Amerikas Grandmaster of Crime“. Verfasst von Fans für Fans. Mit kompletter Bio-Bibliografie, Elmore Leonard’s 10 Rules of Writing, Frank Ryans zehn Regeln bei Raubüberfällen, ungezählten Zitaten, Anekdoten und Querverweisen auf Hollywood-Grössen, Musik und Leonards Lieblingsautoren. Und mit ausführlichen Beschreibungen der Romane und ihrer Verfilmungen. Eine wunderbare Collage, schön aufgemacht durch den Hamburger Kleinverlag CulturBooks. Als Appetizer eignet sich Alf Mayers Würdigung ‚The King of Cool – Ein Nachruf auf Elmore Leonard‘, erschienen am 24. August 2013 in dem Online-Magazin CRIMEMAG.

Zum Porträt: Leonard, Elmore