Hinweise auf bisher nicht besprochene Kriminalromane von Autoren, die im Blog bereits aufgeführt sind. Die Texte habe ich in angepasster Form in die Autorenporträts eingefügt.

Gerald Kersh: ‚Prelude to a Certain Midnight‘ – ‚Ouvertüre um Mitternacht‘, 1947

‚Ouvertüre um Mitternacht‘ spielt zwei Jahre vor sowie (in kurzen Szenen) zwei Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg im Londoner Eastend. Dort wird 1937 das zehnjährige jüdische Mädchen Sonia Sabbatini sexuell missbraucht und erdrosselt, der Vater grämt sich darob zu Tode, und die Mutter führt fortan ein einsames Leben. Als Detective Inspector Turgins Ermittlungen im Sande verlaufen, ergreift die reiche, hitzköpfige Rebellin Asta Thunderley die Initiative. Für sie ist klar, dass der Täter einer der Stammgäste der Bohème-Bar ‚Bacchus‘ sein muss, in der auch sie regelmässig verkehrt, und sie stellt ihm gemeinsam mit ihrer ältlichen Schwester Thea Olivia eine Falle. Der Mörder, der in der zweiten Hälfte des Romans mit seinen perversen, wahnhaften Fantasien ausgiebig zu Wort kommt, ist indes auf der Hut.

Die nachtschwarze, zutiefst pessimistische Geschichte, eine Mischung aus Sozialstudie und Psychothriller, lebt weniger von dem Kriminalfall, als den meisterhaft gezeichneten Figuren – die Exzentrikerin Asta, darbende Künstler, österreichische Emigranten, soziale Aussenseiter, der schräge Erfinder Dr. Schiff und nicht zuletzt der wunderliche Theologe Mr. Pink, der Kershs Grundgedanken auf den Punkt bringt: „Es ist alles dasselbe. Majdanek, Belsen, Auschwitz, Sonia Sabbatini… Der Unterschied ist nur eine Frage der Grössenordnung und der Gesetzmässigkeit“.

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Brian Moore: ‚Lies of Silence‘ – ‚Dillon‘ (1990)

Michael Dillon, Hotelier in Belfast, kinderlos verheiratet mit der psychisch labilen Schönheit Moira, hat sich heftig in die kanadische BBC-Journalistin Andrea Baxter verliebt und will mit ihr nach London ziehen. In der Nacht bevor er dies seiner Frau unterbreiten möchte, dringen maskierte IRA-Männer in sein Haus ein, nehmen Moira als Geisel und verlangen von ihm, dass er seinen mit Sprengstoff beladenen Wagen durch die Sicherheitskontrollen zum Hotel führt, in dem ein berüchtigter protestantischer Führer am nächsten Morgen vor grossem Publikum eine Rede halten wird.

Dillon gerät in einen fürchterlichen Gewissenskonflikt: Soll er die Polizei einschalten, um das Attentat zu vereiteln? Oder unzählige Menschen opfern, um sein und Moiras Leben zu retten? Mit ‚Dillon‘ ist dem aus Belfast stammenden kanadischen Autor eine mitreissende Melange aus Politthriller und psychologischer Studie um zwei eindringlich gezeichnete Frauen gelungen.

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W. R. Burnett: ‚High Sierra‘ – ‚High Sierra‘, 1940

Wie in all seinen Gangsterromanen befasst sich der Autor in ‚High Sierra‘ mit den schandbaren Auswirkungen der Grossen Depression auf die soziale Unterschicht, der kriminelle Handlungen als einzige Überlebenschance geblieben sind. Hauptperson Roy Earle, „Der letzte der Dillinger-Bande, der letzte der grossen Gangster“, ist ein überraschend vielschichtiger Kerl – Typus harte Schale, weicher Kern. Er freundet sich mit einem kleinen Hund an, greift den Menschen, die ihm etwas bedeuten, grosszügig unter die Arme, und verliebt sich zum ersten Mal ernsthaft in eine Frau.

Gezeichnet von sechs Jahren Knast nach einem Banküberfall, geplagt durch Alpträume, lässt er sich durch den einflussreichen Gangster „Big Mac“ zu einem letzten Coup überreden – zusammen mit drei Grünschnäbeln soll er die mit einem Haufen wertvollem Schmuck gefüllten Tresore eines kalifornischen Luxushotels plündern. Er bezahlt dafür mit dem Leben. Raoul Walsh verfilmte den Roman 1941 nach einem Drehbuch von Burnett und John Huston, Humphrey Bogart spielte Roy Earle.

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Denise Mina: ‚Conviction‘ – ‚Klare Sache‘, 2019

Mit diesem funkensprühenden Einzelwerk um komplexe Charaktere hat die „Queen of Tatar Noir“, eine überzeugte Feministin, die Messlatte hoch gelegt. Der Roman beginnt am Tag, als die Welt der Ich-Erzählerin Anna McDonald – eine gleichermassen impulsive, schnoddrige und grossherzige Frau – zerbirst. Vor dem Frühstück mit ihrer Familie frönt sie wie immer ihrer Leidenschaft, dem Hören eines Real-Crime-Podcasts, doch dieser befasst sich mit Leon Parker, einem Freund aus alten Zeiten, als sie noch nicht Anna McDonald, sondern Sophie Bukaran hiess: er ist mit seinen zwei erwachsenen Kindern vor acht Jahren einem rätselhaft gebliebenen Mord zum Opfer gefallen (‚Der Tod und die „Dana“ – eine versunkene Jacht, an Bord eine Familie, ein bis heute ungelöstes Rätsel‘). Wenige Stunden später sucht ihr Mann Hamish, ein angesehener Anwalt, mit ihrer besten Freundin Estelle und den beiden Töchtern kurzerhand das Weite.

Anna tut sich mit Estelles anorektischem Lebenspartner Fin Cohen zusammen, einem ehemaligen Popstar, den sie bisher verabscheute, um die Lösung des Dreifach-Mordes ans Licht zu bringen – ein Verbrechen, das mit ihrer eigenen Lebensgeschichte zusammenhängt. Eine zentrale Rolle spielt Annas langjährige Erzfeindin Gretchen Teigler, ein steinreiches, machtgieriges Scheusal, das Parker kurz vor seinem Tod geheiratet hat. Es kommt zu einer Jagd quer durch Europa, die gleichzeitig eine Reise in Annas düstere Vergangenheit ist, und die Mina mit vielen kunstvoll eingestreuten sozialpolitischen Themen zu einer mitreissenden Geschichte verwebt, in der sich brutale und komische Szenen in bunter Folge abwechseln.

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Jeromew Charyn: ‚Cesare – A Novel of War-Torn Berlin‘ (2020)

Erik Holdermann, geboren im Berliner Scheunenviertel, Vollwaise mit neun, danach in einem Waisenhaus von Prostituierten erzogen, verliebt sich mit zwölf unsterblich in die drei Jahre ältere Halbjüdin Lisa, die Tochter des jüdischen Magnaten und Philantropen Baron Wilfrid von Hecht, der ihn aus dem Waisenhaus holt. Später geht Erik an die Kadettenschule in Kiel, und mit siebzehn rettet er unwissentlich dem deutschen Abwehrchef Admiral Wilhelm Canaris das Leben. Dieser nimmt ihn unter seine Fittiche, nennt ihn Cesare nach dem somnambulen Mörder des Films ‚Das Cabinett des Dr. Caligari‘ und bildet ihn zum Meisterspion und Killer aus. Erik bezieht daraufhin wieder Wohnsitz in dem vorwiegend von Juden bevölkerten Scheunenviertel, wo er seine Nächte in einem Sarg verbringt.

Canaris wird von Charyn als schillernde und widersprüchliche Gestalt dargestellt: Er ist ein treuer Diener des Nazi-Régimes, das er im Grunde verachtet, dem er aber auch seine Privilegien verdankt, und unterstützt Cesare dabei, Juden vor der Deportation zu bewahren. Auch Lisa ist eine unberechenbare Person: Sie heiratet einen SS-Oberst, um sich und ihren Vater zu schützen, ist andererseits ein führendes Mitglied der jüdischen Widerstandsbewegung, und wird deshalb in das „Vorzeigelager“ Theresienstadt (die Vorhölle von Auschwitz) verschleppt. Darüber hinaus beweist Charyn einmal mehr sein feines Händchen für unvergessliche Nebenfiguren jeder Couleur.

‚Cesare‘ ist ein düsterer, verstörender, aus Fakten und Fiktion zusammengesetzter Historienthriller über das bereits dem Untergang geweihte Dritte Reich mit detailreichen Schilderungen des Lebens in der deutschen Hauptstadt; eine mitreissende, ohne Schwarzweissmalerei und Sentimentalität erzählte Geschichte über Liebe, Sühne, Schuld und Verrat.

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Geoffrey Household: ‚Dance of the Dwarfs‘ – ‚Tanz der Zwerge‘, 1968

Dr. Owen Dawnay, ein liebenswerter und gelassener, in England zum Agronomen ausgebildeter Argentinier Anfang dreissig, hat Mitte der 60er-Jahre im kolumbianischen Niemandsland zwischen der Savanne und den Tropenwäldern des Amazonas, wo nur einige halbindianische Hirten und verwahrloste Viehherden leben, eine landwirtschaftliche Station eingerichtet mit dem Ziel, die vertrockneten Felder in fruchtbare Weideländer umzuwandeln, während das Land durch den Guerillakrieg erschüttert wird. Sein Leben in der Einsamkeit dokumentiert er minutiös in einem Tagebuch. Ein befreundeter kolumbianischer Offizier „schenkt“ ihm das zärtliche und wissensdurstige Indianermädchen Chucha, mit dem er eine erfüllende sexuelle Beziehung beginnt, und dem er das Reiten und Schreiben beibringt.

Die Idylle wird jedoch bald gestört – nicht nur durch blutrünstige Partisanen, sondern vor allem auch durch „tanzende Kobolde“, die Eingeborene und Pferde in Todesangst versetzen. Als Owen Dawnay sich in die Wälder begibt, um das Wesen der mysteriösen Zwerge zu ergründen, macht er eine schaurige Entdeckung. ‚Tanz der Zwerge‘ – eine mitreissende Mischung aus Abenteuer- und Horrorgeschichte mit wunderbaren Naturschilderungen – wird von manchen Kritikern als Geoffrey Households Meisterwerk eingestuft.

https://krimiautorena-z.blog/2017/07/10/household-geoffrey/