(1934-2009)

Geboren und aufgewachsen in Chicago, wo seine Eltern ein Lebensmittelgeschäft betrieben, war Stuart Melvyn Kaminsky bereits als Teenager schriftstellerisch tätig. Seinen Militärdienst leistete er in Frankreich und Deutschland, anschliessend studierte er Journalistik, Literatur und Kommunikation an der University of Illinois. Als leidenschaftlicher Film-Liebhaber stand er daraufhin während sechzehn Jahren der Filmabteilung der Northwestern’s School of Radio, Television and Film vor. Danach war er bis 1994 leitender Professor am Florida State University Conservatory of Motion Picture, Television and Recording Arts in Sarasota. Darüber hinaus arbeitete er für ‚United Press International‘, die ‚Hollister Press‘ und verschiedene Zeitungen. Nebenberuflich trainierte er eine Basketball-Mannschaft.

Kaminsky lebte mit seiner zweiten Frau Enid Perll seit 1989 in Sarasota. Er starb 75-jährig in St. Louis, wo er schwer krank die letzten Monate seines Lebens verbracht hatte, und hinterliess seine Frau, zwei Söhne und eine Tochter aus erster sowie eine Tochter aus zweiter Ehe.

Nachdem Kaminsky bereits in den 60er-Jahren ein paar Jugendbücher veröffentlicht hatte, kam seine schriftstellerische Laufbahn erst in den späten 70ern allmählich ins Rollen. Sein breit gefächertes Werk enthält neben über sechzig Krimis bedeutende Biografien von Gary Cooper, Clint Eastwood, Don Siegel und John Huston, vier Sachbücher über Film, etliche Drehbücher (u.a. für ‚Es war einmal in Amerika‘ von Sergio Leone und die TV-Serien ‚Rockford Files‘ und ‚CSI‘), zwei Theaterstücke und rund drei Dutzend Kurzgeschichten.

Das Herzstück seines Kriminalwerks ist die zehnteilige (nach Kaminskys Umzug von Chicago nach Florida entstandene), mit skurrilem Witz erzählte Serie um den nur 1.65 grossen, bereits über 60-jährigen jüdischen Police Detective Abe „Rabbi“ Lieberman und seinen irisch-katholischen Partner Bill „Priest“ Hanrahan (Spitzname: Father Brown) von der Chicagoer Polizei, zwei schräge, listenreiche Vögel, deren Alltag liebevoll und detailreich geschildert wird; zwei (nicht nur in religiöser Hinsicht) höchst gegensätzliche Bullen, die jedoch eine tiefe Freundschaft und ihre Passion für Baseball verbindet.

Abe, ein lebenskluger, abgeklärter, mit einem feinen Humor und ausgeprägten Familiensinn ausgestatteter, von allerlei Gebresten geplagter Mann mit ukrainischen und litauischen Wurzeln, der mit seinen Tränensäcken und dem müden Blick wie ein trauriger alter Hund aussieht, führt mit der aparten, einer Synagoge vorstehenden Bess eine gute Ehe. Ihre Tochter, die ernste, etwas spröde Biochemikerin Lisa, verlässt ihren Mann Todd im ersten Roman, quartiert sich mit ihren beiden Kindern bei den Eltern ein und setzt sich später (ohne Kinder) nach Kalifornien ab. Abes älterer Bruder Maish besitzt einen Deli in Chicago, sein Sohn ist kürzlich auf der Strasse ermordet worden.

Bill ist der Erzeuger von zwei erwachsenen Söhnen, Bill jr. und Michael, die in anderen Städten leben und mit ihrem Vater möglichst wenig zu tun haben wollen. Er ist arg vereinsamt, seit er vor vier Jahren von seiner Frau Maureen verlassen wurde, und ertränkt seinen Kummer im Alkohol. Bill gibt sich grosse Mühe, alles richtig zu machen, doch dies gelingt ihm nicht immer – schlimme Schuldgefühle machen ihm dann das Leben schwer. Im ersten Band kommt eine Frau ums Leben, weil er zu betrunken war, um sie zu retten, worauf er zu den AA geht und trocken wird. Exakt zur selben Zeit verliebt er sich in die schöne, ein paar Jahre ältere Chinesin Iris Huang, die er gegen grosse Widerstände im siebten Band heiratet.

In ‚Lieberman’s Gesetz‘, dem letzten auf Deutsch vorliegenden Roman der Reihe, werden die beiden Detectives mit einem Kriminalfall konfrontiert, der Abe sehr nahe geht. Zuerst werden Synagogen geschändet, eine Thora kommt abhanden und drei Araber werden exekutiert. Dann gehen Neonazi-Skinheads und arabische Terroristen ein Zweckbündnis ein, indem sie einen Anschlag auf die (gemässigt antisemitische) African Muslim Church planen – eine Tat, die den Juden in die Schuhe geschoben werden soll. Gleichzeitig gerät das Familienleben der beiden Cops wieder einmal gehörig aus den Fugen: Lisa taucht mit ihrem neuen Mann, einem schwarzen Gerichtsmediziner, in Chicago auf, und Bills Sohn Michael sucht Hilfe bei seinem Vater, als er seine Alkoholabhängigkeit nicht mehr verbergen kann.

Auch mit Polizeiinspektor Porfiry Petrovich Rostnikov von der Moskauer Miliz hat Stuart Kaminsky, der sich wenige Monate vor dem Zusammenbruch des Ostblocks erstmals in der Sowjetunion aufhielt, einen originellen Protagonisten erfunden. (Ursprünglich beabsichtigte der Autor, einen mehrere Generationen übergreifenden Roman zu schreiben, als dessen Ausgangspunkt die Geschichte seiner eigenen – aus der Ukraine und Litauen stammenden – Familie dienen sollte. Im Zuge der Recherchen für dieses Werk entstand die Idee, eine Krimiserie um einen in Russland tätigen Polizisten zu kreieren.)

Porfiri Rostnikow wurde 1941 bei der Schlacht um Rostov verwundet (ein Granatsplitter erwischte sein linkes Bein), was ihn jedoch bei seiner Arbeit kaum behindert. Er ist mit der Jüdin Sarah verheiratet, ihr gemeinsamer Sohn, Jossif, nimmt zu Beginn der Serie am Afghanistan-Krieg teil. Rostnikov, ein integrer und intelligenter Polizist mit über dreissig Dienstjahren auf dem Buckel, hält sich mit Krafttraining fit. Nichts kann ihn aus der Ruhe bringen. Mit den Ränkespielen der Politiker, KGB-Agenten und hohen Polizeioffiziere ist er innig vertraut, und auch in der brüchigen Ordnung nach Beendigung des Kalten Krieges findet er sich rasch zurecht. Der letzte Band der 16-bändigen Reihe, ‚A Whisper to the Living‘, ist 2010, im Jahr nach Kaminskys Tod erschienen.

Ein weiterer Serienheld ist Toby Peters aus Hollywood (eigentlich heisst er Tobias Leo Pevsner), ein geschiedener und mittelloser Privatdetektiv Anfang vierzig mit mehrfach gebrochener Nase – zuvor Cop, dann Warner-Brothers-Sicherheitskraft, bis er den Arm eines Westernstars brach und gefeuert wurde -, der in den 40er-Jahren gemeinsam mit seiner aus Raymond Chandler, Charlie Chaplin, Bertold Brecht, Ian Fleming und anderen Promis bestehenden Hilfstruppe wilde Abenteuer erlebt und dabei immer wieder harte Schläge einstecken muss. Seine Auftraggeber sind Film- und Showgrössen wie Errol Flynn, Judy Garland, Gary Cooper, Clark Gable, Mae West, Bette Davis, John Wayne, die Marx Brothers und Fred Astaire sowie der Milliardär Howard Hughes, der Boxer Joe Louis, die First Lady Eleanor Roosevelt und Albert Einstein. Regelmässig kommt auch Tobys älterer Bruder – und Intimfeind – Phil zum Zug, ein hart gesottener Lieutenant des Morddezernats Los Angeles. Toby Peters, der je nach Gefährlichkeit seines jeweiligen Falles eine geladene Waffe, mit der er jedoch nicht besonders geschickt umgeht, oder eine Spielzeugpistole von Woolworth auf sich trägt, ist einer der raren Detektive, die keinen Alkohol trinken. Die witzigen und charmanten Geschichten sind mit herrlichen Slapstick-Szenen gespickt.

Kaminskys jüngste, sechs Bände umfassende Serie dreht sich um Lew Fonesca, der als Ermittler der Staatsanwaltschaft in Cook County, Illinois, arbeitete, bis seine Frau Catherine, eine junge Anwältin, bei einem Verkehrsunfall mit Fahrerflucht ums Leben kam. Von Depressionen erdrückt zog er sich daraufhin nach Sarasota zurück, wo er jetzt als Gerichtsbote arbeitet und gelegentlich Ermittlungen durchführt, wenn ihn jemand, der in Schwierigkeiten steckt, um Hilfe bittet. Er ist ein eher klein gewachsener, dünner Mann Anfang vierzig mit schwindenden Haaren, dunklem Teint und traurigem Blick, wohnt und arbeitet in einem kleinen, verlotterten Büro und ist meist mit dem Fahrrad unterwegs. Seine Spezialität ist das Aufspüren von vermissten Personen. Weil er den Verlust seiner Frau nach vier Jahren noch immer nicht verarbeitet hat, kehrt er schliesslich auf Rat seiner betagten Therapeutin Ann Horowitz nach Chicago zurück, um endlich herauszufinden, wer Catherine auf dem Gewissen hat – dies geschieht in ‚The Dead Don’t Lie‘, dem letzten Band der Reihe.

In einem 2001 geführten Interview sagte Kaminsky von seinen (auf den ersten Blick recht ungleichen) Protagonisten, sie seien keine typischen Helden, sondern eher durchschnittliche Typen, jedoch grundanständig, mutig und loyal, und hätten eine realistische Einschätzung der eigenen Person und ihrer Fähigkeiten.

Bibliografie:

Toby Peters-Serie: ‚Bullet for a Star‘ – ‚Mord im Studio‘ (1977), ‚Murder on the Yellow Brick Road‘ – ‚Hinter Hollywoods Kulissen‘ (1977), ‚You Bet your Life‘ – ‚Nichts geht mehr‘ (1978), ‚The Howard Hughes Affair‘ – ‚Die Howard-Hughes-Affäre‘ (1979), ‚Never Cross a Vampire‘ – ‚Vorsicht vor dem Vampir‘ (1980), ‚Hight Midnight‘ – ’12 Uhr nachts‘ (1981), ‚Catch a Falling Clown‘ – ‚Die Tränen des Clowns‘ (1982), ‚He Done Her Wrong‘ – ‚Aus meinem Leben‘ (1983), ‚The Fala Factor‘ – ‚Der Fala-Faktor‘ (1984), ‚Down fort he Count‘ – ‚Ausgezählt‘ (1985), ‚The Man Who Shot Lewis Vance‘ – ‚Wer erschoss Lewis Vance?‘ (1986), ‚Smart Moves‘ – ‚Ein schlauer Kopf‘ (1986), ‚Think Faster, Mr. Peters‘ – ‚Der Doppelgänger‘ (1987), ‚Buried Caesars‘ – ‚Mein Freund Dash‘ (1989), ‚Poor Butterfly‘- ‚Galavorstellung‘ (1990), ‚The Melting Clock‘ – ‚Rasputins Rache‘ (1991), ‚The Devil Met a Lady‘ (1993), ‚Tomorrow is Another Day‘ (1995), ‚Dancing in the Dark‘ (1996), ‚A Fatal Glass of Beer‘ (1997), ‚A Few Minutes Past Midnight‘ (2001), ‚To Catch a Spy‘ (2002), ‚Mildred Pierced‘ (2003), ‚Now You See it‘ (2004);

Inspector Rostnikov-Serie: ‚Death of a Dissident‘ – ‚Tod eines Dissidenten‘ (1981), ‚Black Night in Red Square‘ – ‚Nacht auf dem Roten Platz‘ (1983), ‚Red Chameleon‘ – ‚Rotes Chamäleon‘ (1985), ‚A Fine Red Rain‘ – ‚Roter Regen‘ (1987), ‚A Cold Red Sunrise‘ – ‚Kalte Sonne‘ (1988), ‚The Man Who Walked Like a Bear‘ – ‚Der Mann, der wie ein Bär ging‘ (1990), ‚Rostnikov’s Vacation‘ – ‚Zwangsurlaub für Rostnikow‘ (1991), ‚Death of a Russian Priest‘ – ‚Tod eines russischen Priesters‘ (1992), ‚Hard Currency‘ – ‚Harte Währung‘ (1995), ‚Blood and Rubles‘ – ‚Blutige Rubel‘ (1996), ‚Tarnished Icons‘ – ‚Wie Wölfe im Winter‘ (1997), ‚The Dog who Bit a Policeman‘ (1998), ‚Fall of a Cosmonaut‘ (2000), ‚Murder on the Trans-Siberian Express‘ (2001), ‚People Who Walk in Darkness‘ (2008), ‚A Whisper to the Living‘ (2010);

Abe Lieberman & Bill Hanrahan-Serie: ‚Lieberman’s Folly‘ – ‚Liebermans Wahnsinn‘ (1991), ‚Lieberman’s Choice‘ – ‚Liebermans Entscheidung‘ (1993), ‚Lieberman’s Day‘ (1994), ‚Lieberman’s Thief‘ – ‚Liebermans Juwel‘ (1995), ‚Lieberman’s Law‘ – ‚Liebermans Gesetz‘ (1996), ‚The Big Silence‘ (2000), ‚Not Quite Kosher‘ (2002), ‚The Last Dark Place‘ (2994), ‚Terror Town‘ (2006), ‚The Dead don’t Lie‘ (2007);

Lew Fonesca-Serie: ‚Vengeance‘ – ‚Spur nach Süden‘ (1999), ‚Retribution‘ (2001), ‚Midnight Pass‘ (2003), ‚Denial‘ (2005), ‚Always Say Goodbye‘ (2006), ‚Bright Futures‘ (2009);

CSI-Romane: ‚Dead of Winter‘ – ‚Die Tote ohne Gesicht‘ (2005), ‚Blood on the Sun‘ – ‚Blutige Spur‘ (2006), ‚Deluge‘ – ‚Sintflut‘ (2007);

Rockford Files: ‚The Green Bottle‘ 1996), ‚Devil on My Doorstep‘ (1998);

Einzelwerke: ‚When the Dark Man Calls‘ – ‚Die Stimme des Mörders‘ (1983), ‚Exercice in Terror‘ (1985).