(*1943)

Roger Lichtenberg Simon wurde in New York City als Sohn einer Publizistin und eines Arztes geboren und wuchs dort und in Scarsdale, New York State, auf. Er studierte Englisch an der Eliteschule Dartmouth in Hanover, New Hampshire, und anschliessend Stückeschreiben an der Yale School of Drama, wo er seine erste Frau, die spätere Drehbuchautorin Dyanne Asimov, kennenlernte (die beiden waren von 1965 bis 1982 ein Paar). Nach einem einjährigen Aufenthalt in Europa liess er sich in Los Angeles nieder. Dort arbeitete er als Journalist, Filmregisseur, Drehbuch- und Krimiautor, gelegentlich auch als Schauspieler. Darüber hinaus war er CEO des 2004 gegründeten Netzwerks ‚Pajamas Media‘ und Dozent für Drehbuchschreiben. In den letzten Jahren trat er vor allem als Sachbuchautor und Betreiber eines Blogs mit Schwerpunkt US-Politik in Erscheinung. Simon ist seit 1995 mit der Drehbuchautorin Sheryl Longin verheiratet und hat zwei Söhne (Raphael und Jesse) aus erster und eine Tochter (Madelaine) aus zweiter Ehe.

Mit dem jüdisch-stämmigen antizionistischen Privatdetektiv Moses Wine hat Simon in den frühen 70er-Jahren eine eigenständige und vielschichtige Figur zum Leben erweckt, die im Fortgang der Reihe einen markanten Reifeprozess durchläuft. Wine, kiffender Hippie mit abgebrochenem Jurastudium, Demonstrant gegen den Vietnamkrieg und die Rassentrennung,  zynischer Macho mit romantischer Ader, der Gewalt verabscheut, geschiedener Erzieher zweier Söhne – seine Frau Suzanne ist mit einem Guru durchgebrannt und befindet sich meistens auf der Suche nach sich selbst, bis sie schliesslich Anwältin wird, der ältere Sohn Jacob, zu Beginn der Reihe vierjährig, entwickelt sich zu einem geistreichen Intellektuellen, outet sich als homosexuell und will Schriftsteller werden, während sich der drei Jahre jüngere, eher introvertierte Simon vom Graffiti-Sprayer zum Umweltaktivisten und talentierten Kunstmaler mausert – ist vornehmlich in Los Angeles am Werk, es verschlägt ihn jedoch berufshalber auch nach China (‚Die Pekingente‘), Japan (‚Kurzschluss im Silicon Valley‘), in den Nahen Osten (‚Auferstanden von den Toten‘) oder nach Prag (‚Director’s Cut‘, 2003, keine deutsche Übersetzung). Die Spezialität des eloquenten und lebensklugen Detektivs ist die Improvisation: eine Nummer abziehen, eine Rolle spielen, um Informationen zu erlangen bzw. den Kopf aus der Schlinge zu ziehen.

Die achtbändige, dreissig Jahre abdeckende Reihe, in der Moses Wine und seine Angehörigen mehr oder weniger in Echtzeit altern, zeichnet ein facettenreiches Bild des modernen Amerikas; ganz besonders auch der links-alternativen Szene, die Simon bei aller Sympathie recht kritisch beleuchtet. Den Durchbruch schaffte Simon 1973 mit seinem dritten Roman ‚Das Geschäft mit der Macht‘, dem ersten, mit einem Edgar ausgezeichneten und erfolgreich (mit Richard Dreyfuss als Moses Wine) verfilmten – primär um Wahlkampfmanipulation in Kalifornien kreisenden – Band der Wine-Serie, dessen Bedeutung von der amerikanischen Kritik etwas gar euphorisch mit jener von Raymond Chandlers ‚Der grosse Schlaf‘ verglichen wurde.

‚Die Peking-Ente‘ berichtet von den Abenteuern, die eine bunt zusammengewürfelte vierzehnköpfige Gruppe auf einer Studienreise im China der 70er-Jahre erlebt. Reiseleiterin ist Wines linksradikale Tante Sonya Lieberman, und Moses Wine ist auch dabei, lange Zeit nur als stiller Beobachter. Als aus einem Museum in Peking eine unschätzbar wertvolle goldene Ente entwendet wird und offenbar nur einer der vierzehn amerikanischen Gäste als Täter in Frage kommt, wird die ganze Gruppe unter Hausarrest gestellt. Moses Wine, auf einmal arg unter Druck, geht dem Diebstahl auf den Grund – und vereitelt im gleichen Zug eine Verschwörung geheimer konterrevolutionärer Kräfte.

‚Kurzschluss in Silicon Valley‘ beginnt mit der Ermordung eines für den Tulip-Computer-Konzern tätigen EDV-Genies – Werkspionage scheint das Motiv zu sein. Moses Wine, neuerdings als Sicherheitschef bei dieser aufstrebenden Firma angestellt, beginnt zu ermitteln. Die Spuren führen ihn nach Japan, ein Land, dessen Sprache und Bräuche ihm fremd sind. Gewalttätige Russen, rachsüchtige Japanerinnen und ein durchgedrehter ehemaliger CIA-Agent kreuzen seinen Weg, Wine bekommt – wie in jedem Buch – eins auf die Rübe, bewahrt aber trotzdem kühlen Kopf und löst den Fall.

Der Japantrip hat Moses Wine dermassen aufs Gemüt geschlagen, dass er den lukrativen Job bei Tulip quittiert und eine Psychotherapie beginnt. Schon bald bringt der Therapeut viel neuen Schwung ins Leben des Schnüfflers: Er vermittelt ihm eine betuchte Klientin (eine seiner Patientinnen), deren Mann unter unklaren Umständen ums Leben gekommen ist; Wine heuert eine junge, frankokanadische Assistentin namens Chantal an, in die er sich sofort verliebt; und auch sein mittlerweile 17-jähriger Sohn Jacob greift kurz ins Geschehen ein. Beschrieben in ‚Schwarzer Schnee‘, einer turbulenten, mit umwerfend komischen Szenen gewürzten Geschichte, in deren Verlauf unser Held langsam wieder ins Leben zurückfindet.

Mit einem besonders brisanten Fall wird Wine in ‚Auferstanden von den Toten‘ betraut: Im Auftrag der Araber soll er herausfinden, wer den Präsidenten der Arabisch-Amerikanischen Freundschaftsgesellschaft, den Anwalt Joseph Damoor, in Los Angeles in die Luft gesprengt hat – oder, in Wines Worten: Es ist die Geschichte eines Juden, der als Undercoveragent für die Araber arbeitet. Schweren Herzens reist der Detektiv nach Israel, in das Land seiner Väter, das er bisher nur vom Hörensagen kannte, gerät zwischen die Fronten von zionistischen Fanatikern und israelischen Geheimdienstlern und trifft auf seinen alten Freund Max Hirsch, den Paten seiner Söhne, der eine zwiespältige Rolle zu spielen scheint.

In ‚Die Baumkrieger‘, dem letzten auf Deutsch erschienenen Moses Wine-Krimi, begibt sich der Protagonist – er ist jetzt fast fünfzig Jahre alt, hat dem Hippieleben längst den Rücken gekehrt und führt mit seiner asiatisch-stämmigen Lebensgefährtin Nancy ein recht bürgerliches Leben – zusammen mit seiner Ex-Frau in den nordkalifornischen Regenwäldern auf die Suche nach seinem 20-jährigen Sohn Simon, der als Mitglied der radikalen Umweltschutztruppe „Hüter des Planeten“ am Tod eines Baumfällers schuldig sein soll. Es wird Moses Wines bislang schwierigste Ermittlung, die ihn zwingt, sich auf schmerzhafte Weise mit seiner eigenen Lebensgeschichte – seinen Idealen, der Beziehung zu seinen Söhnen, aber auch seiner gescheiterten Ehe und den unzähligen Frauengeschichten – auseinanderzusetzen. Im Verlauf der Geschichte kommen Wine und seine Ex-Frau sich wieder etwas näher, sie haben sogar Sex miteinander, doch selbstverständlich wird nichts daraus – und auch Wines Beziehung zu Nancy scheitert. Am Schluss aber scheint Moses Wine doch noch die grosse Liebe gefunden zu haben, in der Person der jungen FBI-Agentin Samantha, die er später heiratet – und die in ‚Director’s Cut‘ von ihm ein Kind erwartet.

Bibliografie:

Moses Wine-Serie: ‚The Big Fix‘ – ‚Das Geschäft mit der Macht‘ (1973), ‚Wild Turkey‘ – ‚Hecht unter Haien‘ (1974), ‚Peking Duck‘ – ‚Die Peking-Ente‘ (1979), ‚California Roll‘ – ‚Kurzschluss im Silicon Valley‘ (1985), ‚The Straight Man‘ – ‚Schwarzer Schnee‘ (1986), Raising the Dead‘ – ‚Auferstanden von den Toten‘ (1988), ‚The Lost Coast‘ – ‚Die Baumkrieger‘ (1997), ‚Director’s Cut‘ (2003).