(Eigentlich Nicolas Davidson, 1927-2003; schrieb auch als F.R.E. Nicolas)

 

Nicolas Freeling kam in London zur Welt und verbrachte seine Kindheit und Jugendzeit dort sowie in der Bretagne, in Southampton und Dublin bei seiner extravaganten (von ihrem Mann, einem Töpfer, getrenntlebenden) Mutter, der Kinderbuchautorin Anne Davidson, einer Kommunistin irisch-katholischer Herkunft und Cousine des berühmten Autors Erskine Childers. Nach dem 1947-49 bei der Royal Air Forde in England, Nordafrika und Frankreich abgeleisteten Militärdienst und abgebrochenem Anglistikstudium an der Dublin University arbeitete er mehrere Jahre als Koch in noblen Hotels und Restaurants an der französischen Küste.

Ende der 50er-Jahre zog Freeling mit seiner niederländischen Ehefrau nach Amsterdam, um als Chefkoch zu arbeiten – eine gründlich missglückte Übung: Die Polizei beschuldigte ihn des Lebensmitteldiebstahls und steckte ihn fälschlicherweise für einige Wochen ins Gefängnis. Dieses Malheur inspirierte Freeling zur Erfindung des Amsterdamer Kommissars Piet Van der Valk als Held einer 13-teiligen Krimiserie.

Piet Van der Valk, ein einfühlsamer Beobachter seiner Umgebung, ein bescheidener, zu Selbstkritik, aber auch zu offenem Streit fähiger, oftmals etwas unterschätzter Meister des ausufernden Verhörs, erinnert mehr als fast alle anderen literarischen Polizisten an Simenons Kommissar Jules Maigret, und Freelings unspektakuläre, dialogreiche Romane kommen jenen des belgischen Meisters nahe. Seiner glücklichen Ehe mit der Französin Arlette, die in einem Krankenhaus und einem Waisenhaus arbeitet, entsprangen zwei Söhne, die jedoch nicht mehr zuhause leben. In ‚Tsching Bumm‘, dem achten – komplexesten, auf den Indochinakrieg Bezug nehmenden – Band der Reihe, adoptieren Piet und Arlette die 10-jährige Ruth, deren Mutter kurz zuvor ermordet worden ist.

Nach Van der Valks gewaltsamem Tod in ’Van der Valk muss schweigen’ steht Arlette, die seit ihrer zweiten Heirat mit dem britischen Soziologieprofessor Arthur Davidson in Strassburg lebt, in den 1979 und 1981 veröffentlichten Romanen ganz allein im Mittelpunkt – als eine Mischung aus Privatdetektivin und Sozialarbeiterin. ’Mord auf Norderny’, der letzte, erst 1989 herausgekommene Van der Valk-Titel, behandelt einen von Piets frühen Fällen.

Mit seinen Van der Valk-Krimis – reizvolle, ideenreiche Mischungen aus Polizeiroman, psychologischer und sozialer Studie, angereichert mit literarischen Querverweisen und raffinierten Täuschungsmanövern – erschloss sich Freeling eine grosse Leserschaft in Europa und den Vereinigten Staaten. Darüber hinaus war er ein wichtiger Wegbereiter für Autorinnen wie P.D. James und Ruth Rendell. In einer äusserst populären, von 1972 bis 1992 ausgestrahlten – den Romanen jedoch nicht ganz gerecht werdenden – Fernsehserie wurde Van der Valk durch den englischen Schauspieler Barry Foster verkörpert.

Hauptfigur in Freelings zweiter Reihe ist der drahtige, unscheinbare, in einer unbenannten mittelfranzösischen Stadt lebende Polizist Henri Castang, ein unkonventionell arbeitender, in Echtzeit alternder Ermittler, der im Verlauf der langlebigen 16-teiligen Serie vom Bezirksinspektor zum Kommissar bei der „Police Judicaire“ (eine Behörde, die sich mit besonders komplizierten und aufsehenerregenden Verbrechen befasst) und schliesslich nach 25 Jahren Polizeidienst, unmittelbar vor dem viertletzten Krimi, zum Sonderberater der Europäischen Gemeinschaft aufsteigt. Viele seiner Recherchen führen Castang kreuz und quer durch den europäischen Kontinent. Wiederkehrende Figuren während seiner vor-EG-Zeit sind sein Vorgesetzter Kommissar Richard, ein fähiger Bulle, der stets für einen sarkastischen Spruch gut ist, und die junge Untersuchungsrichterin Colette Delavigne, mit der Castang im ersten Roman, als ihre Tochter entführt wird, beinahe im Bett landet.

Oft tritt auch Castangs attraktive scharfsinnige und künstlerisch begabte Frau Vera markant in Erscheinung, eine ehemalige Kunstturnerin aus der Tschechoslowakei, die seit einem Sturz körperlich schwer behindert ist, im fünften Band ‚Castangs Stadt‘ aber trotzdem eine Tochter namens Lydia zur Welt bringt, eine zweite Tochter wird folgen. ‚Lady Macbeth‘ dreht sich um einen Mordfall, dem Castang gemeinsam mit Van der Falks Witwe Arlette auf den Grund geht. Im letzten Roman wird Castang jäh aus dem eben erst nach dreissig Dienstjahren angetretenen Ruhestand gerissen, als seine Enkelin entführt wird.

Im Gegensatz zu Piet Van der Falk erhielt Henri Castang von den Freeling-Anhängern nie die ihm zustehende Anerkennung, obgleich zwischen den beiden Serien keine qualitativen Unterschiede erkennbar sind. Manche Leser haben es dem Autor wohl nie ganz verziehen, dass er Van der Falk bereits nach zehn Jahren sterben liess und, anders als etwa Arthur Conan Doyle, eine Wiederauferstehung seines Helden nie in Betracht zog.

Nicolas Freeling, der neben seinen Krimis auch fünf Sachbücher (drei über das Kochen, eines mit Essays über Krimi- und andere Autoren und eines über die Geschichte seiner Vorfahren) verfasste, lebte mit seiner Familie ab den 70er-Jahren bis zu seinem Tod in einem alten Bauernhof im elsässischen Vogesen-Weiler Grandfontaine bei Schirmeck. Er hinterliess seine Frau Cornelia, genannt Renée, mit der er seit 1954 verheiratet war, vier Söhne, Hugo, Conrad, Yvan und Wolf, und eine Tochter, Fabienne.

Bibliografie:

Piet und Arlette Van der Valk-Serie: ‚Love in Amsterdam‘ (auch unter dem Titel ‚Death in Amsterdam‘) – ‚Liebe in Amsterdam‘ (1962), ‚Because of the Cats‘ – ‚Van der Valk und die Katzen‘ (1963), ‚Gun Before Butter‘ (auch unter dem Titel ‚Question of Loyalty‘) – ‚Van der Valk und der Schmuggler‘ (1963), ‚Double-Barrell‘ – ‚Die volle Ladung‘ (1964), ‚Criminal Conversation‘ – ‚Van der Valk und der tote Maler‘ (1965), ‚The King of the Rainy Country‘ – ‚Bluthund‘ (1966), ‚Strike Out Where not Applicable‘ – ‚Stumpfe Gewalt‘ (1967), ‚Tsing Boum!‘ (auch unter dem Titel ‚Tsing-Boom!‘) – ‚Tsching bumm‘ (1969), ‚Over the High Side‘ (auch unter dem Titel ‚The Lovely Ladies‘) – ‚Auch Iren irren irgendwann‘ (1971), ‚A long Silence‘ (auch unter dem Titel ‚Auprès de ma blonde‘) – ‚Van der Valk muss schweigen‘ (1972), ‚The Widow‘ – ‚Inspektor van der Valks Witwe‘ (1979), ‚One Damn Thing After Another‘ – ‚Ein verdammtes Ding nach dem anderen‘ (1981)‚ ‚Sand Castles‘ – ‚Mord auf Norderney‘ (1989);

Henri Castang-Serie: ‚A Dressing of Diamonds‘ – ‚Wie Diamant auf Wunden‘ (1974), ‚What Are the Bugles Blowing For‘ (auch unter dem Titel ‚The Bugles Blowing‘) – ‚Reveille zum Tod‘ (1975), ‚Lake Isle‘ (auch unter dem Titel ‚Sabine‘) – ‚Sabine‘ (1976), ‚The Night Lords‘ – ‚Der schwarze Rolls-Royce‘ (1978), ‚Castang’s City‘ – ’Castangs Stadt‘ (1980), ‚Wolfnight‘ – ‚Wolfsnacht‘ (1982), ‚The Back oft he North Wind‘ – ‚Im Rücken des Nordwinds‘ (1983), ‚No Part in Your Death‘ – ‚Keine Schuld an ihrem Tod‘ (1984), ‚A City Solitary‘ – ‚Die weisse Waffe‘ (1985), ‚Cold Iron‘ – ‚Kalt wie Eisen‘ (1986), ‚Lady Macbeth‘ – ‚Lady Macbeth‘ (1988), ‚Not as Far as Velma‘ – ‚Contra‘ (1989), ‚Those in Peril‘ – ‚Köder‘ (1990), ‚The Pretty How Town‘ (auch unter dem Titel ‚Flanders Sky‘) – ‚Der Himmel über Flandern‘ (1992), ‚You Who Know‘ – ‚Das Lied der Cherubino‘ (1994), ‚The Seacoast of Bohemia‘ – ‚Das Geheimnis der Anita Roger‘ (1994), ‚A Dwarf Kingdom‘ – ‚Gefährliche Erbschaft‘ (1996);

Einzelwerke: ‚Valparaiso‘ – ‚Valparaiso‘ (1964), ‚The Dresden Green‘ – ‚Der grüne Mörder‘ (1966), ‚This Is the Castle‘ – ‚Das Traumschloss‘ (1968), ‚Gadget‘ – ‚Die Formel‘ (1977), ‚One More River‘ (1998), ‚Some Day Tomorrow‘ (2000), ‚The Janeites‘ (2002).