(*1937)

Joseph Wambaugh, geboren und aufgewachsen in der kleinen Ortschaft East Pittsburgh, Pennsylvania, als einziges Kind des dortigen irisch-stämmigen Polizeichefs, wurde an einer katholischen Schule und der East Pittsburgh High School ausgebildet. 1951 zog er mit seinen Eltern nach Kalifornien. Mit siebzehn ging er für drei Jahre zur Marineinfanterie, mit achtzehn heiratete er Dee Allsupp, nach dem Militärdienst liess er sich mit ihr im kalifornischen Ontario nieder. Im Anschluss an sein Studium am Chaffey College in Rancho Cucamonga, Kalifornien, das er 1958 vorzeitig abbrach, war er vierzehn Jahre Angehöriger des LAPD – er stieg vom einfachen Streifenpolizisten zum Detective Sergeant im Raubdezernat auf und schloss 1968 nebenbei ein Anglistikstudium an der California State University in Los Angeles ab. Am 8. März 1974 quittierte er den Dienst (nicht ganz freiwillig und eher contrecoeur, denn die Polizeiarbeit faszinierte ihn noch immer), um das Genre des Polizeiromans aufzumischen.

In seinen harten, von herrlich komischen, bizarren, ja surrealen Szenen durchtränkten und mit beissender Ironie erzählten Polizeiromanen, in denen den Kriminalfällen oft nur marginale Bedeutung zukommt, zeichnet Wambaugh – zumeist am Beispiel von Los Angeles – das düstere Bild einer zerrissenen Grossstadt-Zivilisation, in der Korruption, Gewalt und Verbrechen verinnerlicht sind. Scharfsinnig beschreibt er die selbstzerstörerische, zwischen Langeweile, Frustration und Lebensgefahr pendelnde Arbeit seiner Protagonisten, den ausgebrannten, sozial isolierten, dem Zynismus und Suff verfallenen, suizidgefährdeten Cops.

‚Der müde Bulle‘ ist der innere Monolog des 50-jährigen Streifenpolizisten Bumper Morgan aus Los Angeles, der nach zwanzig Jahren Dienst im gleichen abgefuckten Revier nur noch drei Tage vor dem Ausscheiden steht. Er ist ein dicker und jovialer, nicht sehr intelligenter, aber schlauer und beliebter Bulle, der manchmal einen Meineid begeht, bestechlich ist bis in die Haarspitzen, jedoch immer nur im kleinen Stil – eine Gefälligkeit hier, ein Gratisessen und ein paar Drinks dort; und er hat mindestens hundert Neulinge in die Polizeiarbeit eingeweiht bzw. „bumperisiert“, eine Leistung, auf die er ungemein stolz ist. Bumpers bester Spruch bezieht sich auf den Tod eines 44-jährigen Kollegen, dessen Herz vor kurzem stillgestanden ist: „In einem Job wie diesem, wo man oft endlos untätig auf seinem fetten Hintern herumsitzt und dann mit einem Schlag wie ein Verrückter loslegen muss, kann man täglich mit einem Herzinfarkt rechnen“. Wambaugh veröffentlichte diesen (seinen zweiten) Roman noch während seiner Zeit beim LAPD – und stiess damit bei Vorgesetzten und Kollegen auf wenig Gegenliebe.

Wambaughs bekanntester (von Robert Aldrich kläglich verfilmter) Roman ‚Die Chorknaben‘ handelt von zehn einfachen Streifenpolizisten, genannt „die Chorknaben“, die einmal die Woche ihren Feierabend gemeinsam im MacArthur Park (Los Angeles) verbringen, um den unerträglichen beruflichen und privaten Druck mit faulen Sprüchen, billigem Schnaps, trostlosem Sex und gewalttätigen Handlungen abzubauen – bis die „Singstunden“ eines Tages ausser Kontrolle geraten. Die Polizisten, alle vom Wilshire-Revier, sind: Spermwhale Wahlen, mit 52 der älteste, fetteste und vermutlich am härtesten gesottene der zehn, und sein Partner Baxter Slate, knapp 27, wortkarg, gebildet und empfindsam; Sam Niles und Harold Bloomguard, zwei 26-jährige Vietnamveteranen, die sich in der Kriegsgefangenschaft kennen gelernt haben; Spencer Van Moot, ein 40-jähriger Familienvater, dessen dritte Ehe gerade den Bach runtergeht, und „Father“ Willie Wright, 24, Zeuge Jehovas, unglücklich verheiratet und einsam; Calvin Potts, 28, ein dunkelhäutiger, geschiedener Alkoholiker, und Francis Tanaguchi, 25, eine Nervensäge mit japanischen Wurzeln; und schliesslich Roscoe Rules, 29, ein fieser, gewalttätiger und hasserfüllter Vietnamveteran und Vater von zwei Söhnen, und Dean „Whaddayamean“ Pratt, 25, ein etwas weinerlicher Bursche, dessen Gehirn bereits nach kleinsten Alkoholmengen derart benebelt ist, dass er dann fast jeden Satz mit „What do you mean?“ bzw. „Whaddaya mean?“ beginnt.

Mit ‚Der Rolls-Royce-Tote‘, der herzzerreissenden Geschichte über drei Männer, deren Söhne jung gestorben sind, ist Wambaugh 1985 auf dem Gipfel seines literarischen Schaffens angelangt. Sergeant Sidney Blackpool aus Hollywood, ein einsamer Mann mittleren Alters, der den Unfalltod seines Sohnes nicht verarbeitet hat, und sein Partner Otto Stringer erhalten von einem mächtigen Industriellen aus Palm Springs den Auftrag, den siebzehn Monate zurückliegenden Tod seines Sprösslings zu ermitteln, dessen verkohlte Leiche mit einer Kugel im Kopf in einem ausgebrannten Rolls Royce aufgefunden worden ist. Was zunächst wie eine hübsche und erst noch fett bezahlte Ablenkung vom trostlosen Polizeialltag ausschaut, erweist sich, so Otto, als „dreckiger Scheissfall“, bei dessen Lösung sich die abgebrühten Cops mit „Wüstenratten“, Amphetamin-Junkies, Biker-Gangs und allerlei Knallchargen vom örtlichen Sheriffsamt herumschlagen müssen. Doch eines Tages treffen sie auf einen Polizisten namens Harry Bright, der seit einem Hirnschlag in einem Pflegeheim vegetiert, und dessen Sohn vor etlichen Jahren bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommen ist.

‚Flucht in die Nacht‘ spielt ebenfalls in der kalifornischen Wüstenstadt Palm Springs. Im Mittelpunkt steht die resolute Privatdetektivin Breda Burrows, die sich nach zwanzig Jahren Polizeidienst beim LAPD selbständig macht. Für gutes Geld soll sie dem Ehemann der Millionärin Rhonda Devon ein wenig auf die Finger schauen, dem 63-jährigen Clive, der seltsamerweise eine Samenbank aufgesucht hat. Gemeinsam mit Lynn Cutter, einem versoffenen, aber auch schlauen und witzigen, kurz vor der Pensionierung stehenden Cop aus Palm Springs, nimmt sie die Ermittlungen auf. Unterstützt wird das ungleiche Paar durch den kleingewachsenen, übereifrigen Cop Nelson Hareem, genannt „Half-Nelson“ oder „Dirty Hareem“, der in seiner Freizeit nach einem vermeintlichen Drogendealer und/oder Terroristen fahndet, und dem schwermütigen Ex-Polizisten Jack Graves, der den Dienst quittierte, weil er versehentlich einen zwölfjährigen Jungen erschoss. Eine wichtige, wenn auch lange Zeit völlig unklare Rolle spielt ein kahler, schnurrbärtiger Lateinamerikaner, den der Autor als „der Flüchtige“ bezeichnet (er ist der Mann, den Hareem jagt!). Um diese Antihelden hat Wambaugh einen raffinierten, fast ohne körperliche Gewalt auskommenden, mit schrägen Metaphern, komischen Szenen, spritzigen Dialogen und einer schönen Liebesgeschichte garnierten Roman komponiert.

‚Tod im Zwiebelfeld‘, Wambaughs erstes seiner fünf semidokumentarischen Bücher, berichtet über vier junge Männer, die sich in einer gottverlassenen Gegend von Los Angeles fatalerweise über den Weg laufen. Dies geschieht in der Nacht des 9. März 1963, als die beiden unerfahrenen Streifenpolizisten Ian Campbell und Karl Hettinger einen Wagen anhalten, dessen hinteres Nummernschild nicht beleuchtet ist, und so auf den psychopathischen Gangster Greg Powell und seinen Kumpel Jimmy Smith treffen. Diese überwältigen und entführen die beiden Cops und erschiessen Ian in einem Zwiebelfeld bei Bakersfield. Karl kann entkommen, die Verbrecher werden verhaftet und zum Tode verurteilt. Akribisch setzt sich Wambaugh mit dem Leben der vier Männer auseinander und legt dabei viel Gewicht auf die seltsame Beziehung zwischen den beiden Mördern und die seelische Pein des überlebenden Polizisten, der von Scham und Schuldgefühlen schier erdrückt wird. Auch die Gerichtsverhandlung nimmt breiten Raum ein – die Dialoge hat Wambaugh wörtlich dem offiziellen Gerichtsprotokoll entnommen.

‚Die San-Diego-Mission‘ erzählt von einem bizarren Polizeieinsatz im Niemandsland zwischen den gegensätzlichen Millionenstädten San Diego, Kalifornien, und Tijuana, Mexiko, das den illegalen Grenzgängern von der amerikanischen Regierung stillschweigend überlassen worden ist – ein gefundenes Fressen für mexikanische Gangs, welche die unzähligen Menschen, die nachts über die Grenze wollen (unter ihnen schwangere Frauen und kleine Kinder), mit Raub, Vergewaltigung und Mord terrorisieren. Diesen Banden soll jetzt, im Jahr 1976, eine Sondereinheit des San Diego Police Department auf den Leib rücken – eine Idee des idealistisch gesinnten Polizisten Dick Snider. Die Task wird angeführt von Sergeant Jesus Manuel Lopez, einem charismatischen Supermacho mit kahlem Kopf, Zapata-Schnurrbart und Furcht erregender Augenbrauen-Akrobatik, und besteht aus zehn mexikanisch-stämmigen Cops, die ärmlichen Verhältnissen entstammen. Getarnt als illegale Einwanderer und bis an die Zähne bewaffnet werden die „Barfer“ (BARF steht für Border Alien Robbery Force, also Kommando gegen Grenzgängerräuber) in die scheussliche, nicht nur von Verbrechern und schurkischen Bullen aus Tijuana, sondern auch von Klapperschlangen, Skorpionen und Taranteln wimmelnde Region, den Deadman’s Canyon, geschickt – und bei ihren Einsätzen in stockfinsterer Nacht unmenschlichen seelischen und körperlichen Strapazen ausgesetzt. Eine Grenzerfahrung im wörtlichen und übertragenen Sinn.

‚Der Susan-Reinert-Fall‘ kreist um den Aufsehen erregenden Mord an der geschiedenen Englischlehrerin Susan Reinert und ihren beiden kleinen Kindern, einen haarsträubenden Fall, der die Polizei von Philadelphia während sieben Jahren, 1979 bis 1986, intensiv beschäftigt hat („Main-Line-Mordfall“ – die Main Line ist eine gediegene Gegend bei Philadelphia, dem Wohnsitz Susan Reinerts). Im Fokus der Ermittlungen stehen zwei surreal anmutende, zwischen Genie und Wahnsinn pendelnde Pädagogen, die an derselben High School wie das Opfer tätig sind – der hünenhafte, vollbärtige Englischlehrer, Hobbydichter und Frauenversteher Bill Bradfield, in den Susan Reinert heftig verliebt war, und der sexsüchtige, ein Doppelleben führende Schuldirektor Dr. Jay Smith. In einem spektakulären Indizienprozess wird Bradfield wegen Mordes verurteilt, doch drei Jahre später kommen neue Fakten ans Licht.

‚Nur ein Tropfen Blut‘ ist der Tatsachenroman über den ersten Mordfall der Welt, der mit Hilfe des „genetischen Fingerabdrucks“ gelöst werden konnte. In der englischen Kleinstadt Narborough, in der Nähe einer psychiatrischen Klinik, wird Lynda Mann vergewaltigt und ermordet aufgefunden, die fieberhaften Ermittlungen der Polizei bleiben erfolglos. Als drei Jahre später ein Mädchen auf dieselbe Art ums Leben kommt, fällt der Verdacht auf einen jungen Mann, doch modernste gentechnologische Methoden entlasten ihn.

Nach den arg abfallenden Krimis ‚Finnegan’s Week‘ (keine deutsche Übersetzung) und ‚Floaters‘ (‚Wasserpatrouille‘) veröffentlichte Wambaugh während zehn Jahren keine Bücher mehr, bis er 2006 mit dem den Auftakt zu einer bislang fünfteiligen Reihe bildenden Roman ‚Hollywood Station‘ überraschend zurückkehrte, ohne jedoch die Qualität seiner früheren Werke noch einmal zu erreichen.

Wambaugh lebt mit seiner Frau Dee, mit der er seit 1955 verheiratet ist, und die zwei Söhne (einer von ihnen erlitt mit 21 Jahren in Mexiko einen tödlichen Verkehrsunfall) und eine Tochter zur Welt brachte, seit vielen Jahren zurückgezogen in Südkalifornien – bis 1992 in Rancho Santa Fe, seither in Point Loma, hoch über der Bucht von San Diego, zeitweise auch im Erholungsort Rancho Mirage. Sein letztes Buch ist 2012 erschienen.

Bibliografie:

Einzelwerke: ‚The New Centurions‘ – ‚Nachtstreife‘ (1970), ‚The Blue Night‘ – ‚Der müde Bulle‘ (1972), ‚The Choirboys‘ – ‚Die Chorknaben‘ (1975), ‚The Black Marble‘ – ‚Ein guter Polizist‘ (1978), ‚The Glitter Dome‘ – ‚Der Hollywood-Mord‘ (1981), ‚The Delta Star‘ – ‚Der Delta-Stern‘ (1983), ‚The Secrets of Harry Bright‘ – ‚Der Rolls-Royce-Tote‘ (1985), ‚The Golden Orange‘ – ‚Golden Orange‘ (auch unter dem Titel ‚Ein kalifornischer Traum‘, 1990), ‚Fugitive Night‘ – ‚Flucht in die Nacht‘ (1992), ‚Finnegan’s Week‘ (1993), ‚Floaters‘ – ‚Wasserpatrouille‘ (1996);

Hollywood Station-Serie: ‚Hollywood Station‘ – ‚Hollywood Station‘ (2006), ‚Hollywood Crows‘ – ‚Sunset Boulevard‘ (2008), ‚Hollywood Moon‘ (2009), ‚Hollywood Hills‘ (2010), ‚Harbor Nocturne‘ (2012).

True Crime: ‚The Onion Field‘ – ‚Tod im Zwiebelfeld‘ (1973), ‚Lines and Shadows‘ – ‚Die San-Diego-Mission‘ (1984), ‚Echoes in the Darkness‘ – ‚Der Susan-Reinert-Fall‘ (1987), ‚The Blooding‘ – ‚Nur ein Tropfen Blut‘ (1989), ‚Fire Lover‘ (2002).