(*1925)

Rubem Fonseca wurde als Sohn portugiesischer Einwanderer in Juiz de Fora im Südosten Brasiliens geboren und wuchs ab 1932 in Rio de Janeiro auf. Er studierte Jura und Verwaltungsrecht in Rio, Boston und New York City, unterrichtete eine Weile in den Vereinigten Staaten und liess sich dann wueder in Rio nieder, wo er als hoher Verwaltungsbeamter in verschiedenen Institutionen arbeitete, zuletzt als Direktor der Elektrizitätswerke. Später war er Filmkritiker, Drehbuchautor und Leiter der Abteilung Kultur der Erziehungsdirektion in Rio.

1963 entschied sich Fonseca für ein Leben als Autor. Sein Oeuvre enthält neben zahlreichen Erzähungen und Geschichtensammlungen auch sechs Kriminalromane, die ihn zu einem der bedeutendsten Autoren Lateinamerikas machten. Er war mit der Übersetzerin Théa Maud verheiratet, die 1996 starb, hat eine Tochter, Maria Beatriz, und zwei Söhne, José Alberto und José Henrique (ein bekannter Regisseur), und lebt zurückgezogen in Rio.

Die bittersüsse Liebes- und Spannungsgeschichte ‚Bufo & Spallanzani‘ (Bufo steht für den Ochsenfrosch, Spallanzani war ein berühmter italienischer Philosoph und Amphibienforscher) dreht sich um den Ich-Erzähler Ivan Canabrava, der in jungen Jahren als kleiner Beamter in eine mysteriöse Lebensversicherungsgeschichte um einen scheintoten Betrüger verwickelt war, in deren Zuge ein Friedhofswärter starb, und der daraufhin (unter dem auf den französischen Dichter Gustave Flaubert anspielenden Pseudonym Gustavo Flavio) ein neues Leben als Erfolgsautor und Liebhaber leckerer Speisen und schöner Frauen begann. Zurzeit quält sich der lüsterne Flavio mit einem Roman über Spallanzani und liebt die verheiratete Delfina Delamare. Kurz nachdem Delfina einen Krebsspezialisten aufsucht, wird sie mit einer Kugel im Herzen ermordet in ihrem Auto aufgefunden. Flavio flüchtet in ein Luxushotel, das tief im brasilianischen Dschungel gelegen ist, Delfinas Ehemann jagt rachsüchtig hinter ihm her – und dann kommt wieder eine Person gewaltsam ums Leben.

Fonsecas zweiter Roman ‚Grenzenlose Gefühle, unvollendete Gedanken‘ spielt Ende der 80er-Jahre in Rio und Berlin. Der namenlose Ich-Erzähler, ein brasilianischer Filmemacher mittleren Alters, der sich auf die Verfilmung von Isaac Babels Geschichtensammlung ‚Die Reiterarmee‘ vorbereitet, wird unfreiwillig in eine Diamantenschmuggelaffäre verwickelt, gerät in Gefahr und flieht nach West-Berlin zu seinem Filmproduzenten Plessner. Besessen von Babels Leben und Werk begibt er sich in Plessners Auftrag auf die gefährliche Mission, ein angeblich verschollenes Babel-Manuskript aus Ost-Berlin in den Westen zu schmuggeln. Dies gelingt, doch der Filmemacher, der nicht im Traum daran denkt, das begehrte Manuskript aus den Händen zu geben, kehrt nach Rio zurück, um es von seinem alten, kranken Freund, dem Babel-Spezialisten Gurian, auf seine Echtheit prüfen zu lassen. Fonseca inszeniert um seine fein skizzierte Hauptfigur eine wunderbare, mit cinéastischen, literarischen und zeitpolitischen Anspielungen reich garnierte Geschichte.

‚Mord im August‘, ein kunstvoll gebauter, figurenreicher, weitgehend auf historischen Fakten beruhender Politroman, ist im Rio de Janeiro des Augusts 1954 angesiedelt. Die Regierung des betagten, gebrechlich gewordenen, aber noch immer mit allen Wassern gewaschenen und durch eine Vielzahl von Intrigen gestählten Präsidenten Getulio Vargas wackelt. Vargas‘ Gegner schmieden Komplotte, Attentate und Morde sind an der Tagesordnung. Und mittendrin, wie ein Fels in der Brandung, steht Kommissar Alberto Mattos, ein melancholischer und unbestechlicher Polizist und ehemaliger Anwalt mit einem Flair für Opern und schöne Frauen, der andauernd Milch in seinen Schlund giesst und Eier schlürft, um sein berufsbedingtes Magenleiden im Zaum zu halten.

Bibliografie:

‚O caso Morel‘ (1973), ‚A grande arte‘ (1983), ‚Bufo & Spallanzani‘ – ‚Bufo & Spallanzani‘ (1986), ‚Vastas emocoes e pensamentos imperfeitos‘ – ‚Grenzenlose Gefühle, unvollständige Gedanken‘ (1989), ‚Agosto‘ – ‚Mord im August‘ (1990), ‚O Seminarista‘ (2009).