(*1948)
Sharyn McCrumb, geborene Arwood, kam in Wilmington, North Carolina, zur Welt. Ihre aus Schottland stammenden Vorfahren hatten sich seinerzeit im Appalachen-Gebirge niedergelassen. Sie studierte Spanisch und Kommunikation an der University of North Carolina in Chapel Hill, Bachelor-Abschluss 1970, und arbeitete daraufhin etliche Jahre als Reporterin für verschiedene Zeitungen und als Dozentin in Virginia, bevor sie bis 1985 ein Englischstudium am Virginia Polytechnic Institute in Blacksburg folgen liess und. Anschliessend übersiedelte sie mit ihrem Mann, dem Umweltingenieur David McCrumb, in das New Castle County, Delaware. Nach der Geburt eines Sohnes, Spencer, und einer Tochter, Laura, verbrachte die Familie zehn Jahre in Shawsville, Virgina. Seit 1999 lebt sie im Roanioke County, North Carolina.
Ab Anfang der 80er-Jahre widmete sich McCrumb hauptberuflich dem Schreiben von Krimis und Sciencefiction. Darüber hinaus hält sie Vorträge und leitet sie Workshops an Universitäten und Literatur-Festivals in Deutschland, England, Frankreich und zahlreichen U.S. Bundesstaaten.
Aus McCrumbs neunteiliger – 1984 gestarteter und 2000 beendeter – Serie mit der forensischen Anthropologin Elizabeth MacPherson aus Virginia in der Hauptrolle ist einzig der zweite Titel ‚Lieblich bis auf die Knochen‘ ins Deutsche übertragen worden.
Überstrahlt wird McCrumbs Kriminalwerk von der „Ballad Series“. Sie dreht sich um den kinderlos geschiedenen, ganz in seinem Job aufgehenden Sheriff Spencer Arrowood und den lebensklugen, mit allen Facetten der menschlichen Seele vertrauten Vietnamveteranen Deputy Joe LeDonne – zwei kantige, sich blind verstehende Männer, die in dem fiktiven, in der einsamen Appalachen-Bergwelt von Tennessee gelegenen Städtchen Hamelin, wo jeder jeden kennt, Mordfällen auf den Grund gehen. Die Autorin fesselt den Leser in der düsteren Reihe mit stimmungsvoller Erzählweise, multiperspektivisch angelegter Handlungsführung und feinfühliger Zeichnung der Haupt- und Nebenfiguren. Die ersten vier Bände sind auch auf Deutsch erschienen.
Das Vietnamtrauma drückt dem ersten Band ‚Und kehr ich je zurück‘ den Stempel auf. Peggy Muryan, in den 60er-Jahren eine bekannte Folksängerin, lässt sich hier nieder, um in Ruhe neue Lieder zu schreiben. Daraus wird aber nichts – kaum ist sie dort angekommen, gerät ihr Leben aus den Fugen. Es beginnt mit Drohbriefen, die die Unterschrift ihres in Vietnam vermissten Freundes tragen, dann wird ihr Hund auf höchst brutale Art geschlachtet und kehrt ein fünfzehnjähriges, der jugendlichen Peggy wie aus dem Gesicht geschnittenes Mädchen von einem abendlichen Ausflug nicht mehr zurück. Eine entscheidende Rolle spielt, wie sich schliesslich zeigt, Arrowoods Bruder Cal, ein charismatischer, in Vietnam gefallener Draufgänger, der noch immer in den Köpfen der Einheimischen herumspukt. Der vielstimmige Roman (Band Eins der grandiosen „Ballad Series“) mündet in ein verstörendes Finale.
Sharyn McCrumb sagte in einem Interview über ihren zweiten Roman ‚Am Ufer des Todes‘: „I wanted my novel to explore the liminial state between life and death. How many can one be neither dead nor alive?“ Oder, in Joe LeDonnes Worten: „In Südostasien glauben die Leute, Gespenster seien die Geister der Toten, die eines gewalttätigen Todes gestorben waren, jedoch zu plötzlich, um den Übergang von einer Welt in die andere zu begreifen.“
Spencer Arrowhead und Joe LeDonne werden an einen Ort des Grauens gerufen: Paul Underhill, ein rabiater Major a.D., seine Gattin Janet und die Söhne Josh und Simon sind in ihrem Haus getötet worden, die anderen Kinder, Mark und Maggie, waren zur Tatzeit abwesend. Der Coroner geht davon aus, dass Josh seine Familie und dann sich selbst erschossen hat. Laura Bruce, die schwangere Frau des momentan in Kuwait Dienst leistenden Pfarrers, kümmert sich um die hinterlassenen Teenager. Während Mark mit dem Verlust recht gut zurechtzukommen scheint, klammert Maggie sich an Joshs tröstliche Worte aus dem Jenseits. Die Hintergründe der unfassbaren Tat kommen erst viel später ans Licht. In einem Nebenstrang beschreibt die Autorin das Sterben eines älteren Manns, der, nachdem er sein ganzes Leben in Hamelin verbracht hat, unheilbar an Krebs erkrankt, höchst wahrscheinlich ausgelöst durch chemischen Müll, den die nahegelegene Papierfabrik im Fluss entsorgt. Eine weitere Stimme gibt McCrumb der jungen Mutter Tammy, deren Wohnwagen eines Nachts in Flammen aufgeht. Mit knapper Not gelingt es ihr, den kleinen Sohn zu retten, doch für sie selbst kommt jede Hilfe zu spät – sie erliegt ihren Verbrennungen nach qualvollen Stunden im Spital.
Neben ihren Krimis veröffentlichte McCrumb fünf weitere Romane (zuletzt drei Romane über die NASCAR-Rennen: ‚St. Dale‘, ‚Once Around the Track‘ und ‚Faster Pastor‘), eine Kurzgeschichtensammlung und Texte über die Appalachen. Sie lebt mit ihrem Mann David und den beiden Kindern, Laura und Spencer, auf einer Farm in den Blue Ridge Mountains, Virginia.
Bibliografie:
Elizabeth MacPherson-Serie: ‚Sick of Shadows‘ (1984), ‚Lovely in Her Bones‘ – ‚Lieblich bis auf die Knochen‘ (1985), ‚Highland Laddie Gone‘ (1986), ‚Paying the Piper‘ (1988), ‚The Windsor Knot‘ (1990), ‚Missing Susan‘ (1991), ‚Macpherson’s Lament‘ (1992), ‚If I’d Killed Him When I Met Him‘ (1995), ‚The PMS Outlaws‘ (2000);
Spencer Arrowood-Serie (Ballad Series): ‚If Ever I Return‘ (auch unter dem Titel ‚If Ever I Return, Pretty Peggy-O‘) – ‚Und kehr ich je zurück…‘ (1990), ‚The Hangman’s Beautiful Daughter‘ – ‚Am Ufer des Todes‘ (1992), ‚She Walks These Hills‘ – ‚Schatten über den Bergen‘ (1994), ‚The Rosewood Casket‘ – ‚Ein Sarg aus Rosenholz‘ (1996), ‚The Ballad of Frankie Silver‘ (1998), ‚The Song Catcher‘ (2000), ‚Ghost Riders‘ (2003), ‚The Devil Amongst the Lawyers‘ (2010), ‚The Ballad of Tom Dooley‘ (2011), ‚King’s Mountain‘ (2013), ‚Prayers the Devil Answers‘ (2016), ‚The Unquiet Grave‘ (2017);
Einzelwerke: ‚Bimbos of the Death Sun‘ (1987), ‚Zombies of the Gene Pool‘ (1992).