Hinweise auf bisher nicht vorgestellte Krimis von Autoren, die im Blog bereits aufgeführt sind.
Ross Thomas: The Mordida Man (1981) – Der Mordida-Mann (Alexander Verlag, 2017)
„Das ist nicht ehrenhaft, war wir hier tun.“ „Nein, aber gewinnbringend. Gewinn und Ehre werden nicht oft im selben Atemzug genannt.“
Ross Thomas‘ Hauptakteure sind Mittelsmänner und Berater, ausgekochte Typen mit verschlungenen Biografien. Sie verhandeln, geben Informationen weiter; machen dies und das, hier und dort. Wenn es nicht anders geht, begehen sie einen Mord. Auch der Politthriller ‚Der Mordida-Mann‘ dreht sich um eine solche Figur: den 32-jährigen „Mordida-Mann“ (mexikanischer Begriff für Bestechungsexperte) Chubb Dunjee, hochdekorierter Vietnamveteran, Ex-Kongressabgeordneter, Ex-UNO-Mitarbeiter, Ex-Taxifahrer und zuletzt Schmiergeldmann in Mexiko. Begleitet wird er von seinem langjährigen Kumpel Paul Grimes. Zum feindlichen Lager gehören die abtrünnigen Agenten Spaceman (FBI), und Keeling (CIA) und ihr Boss, der Berufseinbrecher Temble. Wichtige Rollen spielen CIA-Direktor Coombs, US-Präsident Jerome McKay, sein Bruder Bingo und die fünfköpfige (bald dezimierte) libyenfreundliche Terroristengruppe „Roter Amboss Fünf“, die vom Venezolaner Gustav Berrio-Brito, genannt Felix, angeführt wird. Das libysche Staatsoberhaupt Oberst Mourabet, der libysche Botschafter in Washington Dokubo, der hinterlistige arabische Diplomat Abdsaid und der versoffene CIA-Mann Reese komplettieren das Tableau. Dunjees Dienst sind gefragt, als Bingo McKay im Auftrag des libyischen Präsidenten entführt wird, weil die Libyer glauben, Felix sei in die Hände der Amerikaner gefallen. Sie möchten ihn gegen Bingo austauschen. Dass Felix nicht mehr am Leben ist, wissen sie nicht. Dies ist die Ausgangslage der verwickelten und figurenreichen, mit Twists und komischen Szenen prall gefüllten Geschichte, bei der es schwerfällt, stets den Überblick zu behalten.
Zum Porträt: Thomas, Ross
Jérôme Leroy: La petite fasciste (2025) – Die kleine Faschistin (Edition Nautilus, 2026)
Die „kleine Faschistin“ heisst Francesca Crommelynck. Sie wächst in einer französischen Kleinstadt am Atlantik auf, nahe der belgischen Grenze. Ihre Eltern sympathisieren mit dem rechtsextremen Patriotischen Block, und ihr grosser Bruder Nils hat sich einer identitären Schlägerbande, den „Löwen von Flandern“, angeschlossen. Mit zehn verliebt sich Francesca in ihren gleichaltrigen Schulkameraden Jughurta Aït-Ahmed – Sohn eines kabyllischen Kommunisten. Jughurta wird ermordet, als er vierzehn ist. Kurz danach stirbt auch Nils. Jetzt ist sie zwanzig, und ihr Leben nimmt eine radikale Wendung, als sie auf die versteckten Tagebücher ihres Bruders stösst. In ironischem, schwarzhumorigem Stil verbindet Leroy auf hundertvierzig Seiten Francescas „Coming of Age“ mit einer politischen Dystopie, die aufzeigt, wie Intrigen, Machtspiele und Verrat die Französische Republik ins Verderben stürzen.
Zum Porträt: Leroy, Jérôme
Denise Mina: The Second Murderer (2023), – Die grosse Hitze (Ariadne, 2026)
Denise Minas herrlicher Philip-Marlowe-Pastiche spielt im Los Angeles des Jahres 1938 – zwischen Chandlers erstem (‚The Big Sleep‘, 1936) und zweitem (‚Farewell, My Lovely‘, 1939) Band der legendären, von 1939 bis 1958 erschienenen siebenteiligen Serie. Ein leichtfüssiger, atmosphärisch dichter, durchaus eigenständiger Hardboiled Krimi mit allen Ingredienzien, die es braucht: Ein knackiger Fall – bei brütender Spätsommerhitze soll Marlowe die verschwundene Alleinerbin eines moribunden Ölmagnaten suchen und wird dabei mit Korruption, einem üblen Familiendrama und dumpfen Cops konfrontiert -, spritzige Dialoge, lässige Sprüche („Er trank oft in Bars, die so mies waren, dass Ratten sich beim Rausgehen die Füsse abwischen“), zurückhaltend eingestreute chandlereske Metaphern – und ein hartgesottener, durch und durch integrer Schnüffler, der es sogar hinkriegt, mit einer Privatdetektivin, der ausgekochten (von ‚Farewell, My Lovely‘ her bekannten) Anne Riordan, konstruktiv zu kooperieren. Ausgezeichnet übersetzt von Else Laudan, Herausgeberin der Reihe Ariadne im Hamburger Argument Verlag.
Zum Porträt: Mina, Denise
Pascal Garnier: Lune captive dans un oeil mort (2009) – Mond gefangen in einem toten Auge (Septime Verlag, 2026)
Fünf begüterte Menschen – die Ehepaare Martial/Odette und Marlène/Maxime und die etwas jüngere alleinstehende Dame Léa – sind die ersten Bewohner eines neuen Seniorenwohnheims in Südfrankreich. Für die Sicherheit ist der rabiate Hausmeister Monsieur Flesh, für das Unterhaltungsprogramm die ängstliche Animateurin Nadine zuständig. Ein Ort der Begegnung. Das ganze Jahr über Sonne. Spiele, Ausflüge, ein Gläschen Sekt am Pool – gepflegte Langeweile. Als sich ein Roma-Clan mit seinen Wohnwagen direkt vor der Residenz niederlässt, offenbaren sich die ersten Risse hinter der heilen Fassade, das „Paradies“ verwandelt sich in ein „goldenes Gefängnis“. Dann bricht die Nacht an, in der alle Dämme brechen. ‚Mond gefangen in einem toten Auge‘, Pascal Garniers drittletzter, in knappem Stil, mit einer gehörigen Portion tiefschwarzen Humors erzählter Roman besticht durch ausgefeilte Psychogramme.
Porträt: Garnier, Pascal
Gary Victor: Sadad (2024) – Erschütterungen (Litradukt, 2026)
Der sechste Voodoo-Krimi ‚Erschütterungen‘ ist Gary Victors erster Roman auf Kreolisch. Es ist sein zornigstes Werk. Die exzellente Übersetzung besorgte Peter Trier. Mikayida, die fünfzehnjährige Tochter von Dieuswalwes Lebensgefährtin Mirlène, ist nach einer Party brutal misshandelt und ermordet worden. In derselben Nacht sind zwei weitere Teenager, ein Mädchen und ein schwuler Junge, auf ähnliche Art ums Leben gekommen. Der männlichen Leiche wurde ausserdem das Herz entnommen. Alle Zeichen deuten auf ein satanistisches Ritual. Die Spur führt zu hochrangigen Politikern, die in ihrer Machtgier vor keiner Gräueltat zurückschrecken. Doch Dieuswalwes hat nichts mehr zu verlieren. Er stellt die Schnapsflasche zur Seite und schlägt mit gnadenloser Härte zu.
Zum Porträt: Victor, Gary
Ted Allbeury: The Dangerous Edge (1991) – Drecksarbeit (Schweizer Verlagshaus, 1995)
In seinen vierzig Agententhrillern legte Ted Allbeury den Schwerpunkt auf die Zeit des Zweiten Weltkriegs, des Kalten Krieges und dem fliessenden Übergang zwischen den beiden Kriegen, wobei er sich auf eigene Erfahrungen beruft. ‚Drecksarbeit‘ spielt in den 80er-Jahren, gegen Ende des Kalten Krieges, und dreht sich um das verwerfliche Unterfangen des britischen Geheimdiensts, nach dem Untergang des Dritten Reichs deutsche Kriegsverbrecher zu rekrutierten, um ein Spionagenetz in der sowjetischen Besatzungszone aufzubauen. Als jetzt, vierzig Jahre später, ein englisches Sensationsblatt diesen Skandal enthüllt, soll der junge Geheimagent Charles Mallory sich mit Major a. D. Carter, damals leitender Offizier einer aus ein paar SS-Angehörigen bestehenden Gruppe, treffen, um den Sachverhalt zu klären – und allenfalls den Schaden zu begrenzen. Er erfährt von Carter, dass zwei dieser Männer noch am Leben sind. Und dass sie damals grosse Schuld auf sich geladen haben. Als Mallory der Wahrheit immer näher kommt, wird er von seinen Vorgesetzten zurückgepfiffen.
Zum Porträt: Allbeury, Ted
